Der Weltwassertag rückt das wertvollste Nass in den Fokus.
Der Weltwassertag rückt das wertvollste Nass in den Fokus. | Foto: dpa

Internationaler Weltwassertag

Druck ist im Landkreis Rastatt noch nicht lange auf der Leitung

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Wenn Anna Kassel in ihrer Würmersheimer Küche einen Krug voll Wasser brauchte, dann musste sie dafür ordentlich pumpen. Mit einem kleinen Dreh am verchromten Hahn war es für sie auch bis weit in die 50er Jahre nicht getan. Weil Anna für ihre große Familie kochte und wusch, spielte die schwere Schwengelpumpe am Wasserstein eine Hauptrolle in ihrer Küche und in ihrem Leben. Für Annas Urenkel scheint es heute unfassbar, dass noch viele Jahre nach dem Wunder von Bern das Wunder vom fließenden Wasser in Küche und Bad für viele Menschen im Landkreis Rastatt noch in ferner Zukunft lag.

Am internationalen Weltwassertag an diesem Freitag richten sich die Augen auf rund 4,3 Milliarden Menschen weltweit, für die sauberes Wasser keine Selbstverständlichkeit ist und seine ständige Verfügbarkeit nur ein Traum.

Wasserversorgung erst Anfang der 60er Jahre fertiggestellt

Doch diese Selbstverständlichkeit ist auch im Landkreis Rastatt kaum drei Generationen alt. In Au am Rhein wurde die öffentliche Wasserversorgung wie wir sie kennen erst Anfang der 60er Jahre fertiggestellt. Gemeinderat Walter Hettel kann sich noch gut daran erinnern, wie immer genau dann keiner da war, wenn man jemanden brauchte, der den Pumpenschwengel schwang, während man den Kopf unters fließende Wasser halten wollte.

Wasser kommt aus einer Pumpe im Hof

„Die meisten Leute hatten ihren eigenen Brunnen, oft in der Nähe des Misthaufens, da war das Wasser besonders weich“, verrät der Auer Altbürgermeister Hartwig Rihm mit einem Augenzwinkern.

Wenn wir Kinder baden wollten, mussten wir zuvor das Wasser hereintragen.

Und der ehemalige BNN-Redakteur Werner Nestler erzählt gerne, wie er in seinem Niederbühler Elternhaus das Wasser im Hof holen musste. „Wir hatten einen Pumpbrunnen mit einem Trog hinter dem Haus. Wenn wir Kinder samstags baden wollten, mussten wir zuvor das Wasser hereintragen und im Waschkessel aufwärmen.“ Da hatte der kleine Werner Pech.

Am Brunnen vor der Türe spielte sich zum Teil noch bis in die 60er Jahre die Wasserversorgung für viele Menschen im Landkreis Rastatt ab. | Foto: pr

Im Schloss fließt das Wasser schon lange

Keine drei Kilometer weiter nördlich hatte fließend Wasser schon 250 Jahre zuvor oberste Priorität. Für Augusta Sibylla war bereits im Jahr 1699 klar, dass zu einem richtigen Schloss auch ein Anschluss an eine verlässliche und druckvolle Wasserversorgung gehört. Dabei ging es der Markgräfin wohl nicht zu allererst um die Entlastung der Dienerschaft vom schweren Wasserschleppen. Aber die große Fontäne im barocken Schlossgarten wäre nicht sehr eindrucksvoll gewesen ohne eine Wasserleitung und ohne die schweren Pumpen, die für den nötigen Druck sorgten.

Teile der Stadt profitierten von Wasserplanung

15 Anschlüsse für großherzogliche Anlagen.

Augusta Sibylla hatte eigens für dieses Bauvorhaben den Wasserleitungsexperten Ludwig Anton Rohrer an die Murg geholt. Und von dessen Planungen profitierten im Anschluss dann auch Teile der Stadt. So waren Mitte des 19. Jahrhunderts nicht nur die öffentlichen Brunnen auf dem Markt- und Paradeplatz an das Rohrnetz angeschlossen, sondern auch „15 Anschlüsse für großherzogliche Anlagen wie Schloss, Kasernen und Dienstwohnungen, sowie immerhin 36 Privatanschlüsse von Rastatter Bürgern“, wie eine städtische Broschüre verrät.

Fließend Wasser für umliegende Dörfer

Richtig professionell wurde die Rastatter Wasserversorgung dann spätestens mit dem Bau des Wasserturms bei der Pagodenburg, der 1902 in Betrieb genommen wurde und immer größere Teile der Bürgerschaft versorgte. Für Ottersdorf, Wintersdorf und Plittersdorf begann die Neuzeit erst mit ihrer Eingemeindung in die Stadt, Anfang der 70er Jahre. Da war das Wunder von Bern schon lange Geschichte, der Gewinn der zweiten Fußballweltmeisterschaft stand vor der Tür und in Annas Küche stand längst die Schwiegertochter an einem modernen Spültisch mit verchromten Armaturen.