Hördener Funkenfeuer: das Scheibenschlagen im Gaggenauer Stadtteil ist ein alter Fastnachtsbrauch.
Hördener Funkenfeuer: das Scheibenschlagen im Gaggenauer Stadtteil ist ein alter Fastnachtsbrauch. | Foto: Matthias Gessler

Mit EU-Förderung

Europäische Fotoakademie in Rastatt hält gelebtes kulturelles Erbe im Bild fest

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Fotografieren ist im digitalen Zeitalter ganz einfach: Wer ein Smartphone besitzt, braucht nicht einmal eine Kamera, um ein Motiv festzuhalten. Aber ist jedes Foto ein Werk, das den Blick des Betrachters auf sich zieht? Mal ehrlich: Welche der Unmengen an Fotos in Ihrem Smartphone-Speicher sind tatsächlich echte Hingucker? Was macht überhaupt ein gutes Foto aus? Matthias Gessler muss nicht lange überlegen. „Es geht um den Blick für das Motiv und darum, das Motiv durch die Wahl eines Ausschnitts in Szene zu setzen“, sagt der Dozent und Fotograf.

Mit etwas Glück hat der Fotografierende eine besondere Lichtstimmung erwischt. Wenn er die Technik seiner Kamera beherrscht und bei der Anwendung der Möglichkeiten der Bildbearbeitung kein Anfänger ist, kann sich das Ergebnis von Bilddatei-Leichen auf Speicherkarten deutlich unterscheiden – und den Betrachter faszinieren.

Fotograf und Dozent: Matthias Gessler leitet die Europäische Fotoakademie in Rastatt.
Fotograf und Dozent: Matthias Gessler leitet die Europäische Fotoakademie in Rastatt. | Foto: Bernd Kamleitner

Von der Fotografie ist Gessler schon seit seiner Jugend begeistert. „Ich habe meine Leidenschaft zum Beruf gemacht“, erzählt der Wahl-Badener mit Berliner Wurzeln. In Berlin hat er Bildende Künste mit dem Schwerpunkt Fotografie studiert.

Nach über zwei Jahrzehnten in der Erwachsenen- und Hochschulbildung leitet er inzwischen mit Ruth Schmelzer die Europäische Fotoakademie ArtWebDesign in Rastatt. Dahinter verbirgt sich ein privater Träger, der auf die berufliche Weiterbildung und Erwachsenenbildung mit dem Schwerpunkt Fotografie spezialisiert ist.

Ich habe meine Leidenschaft zum Beruf gemacht

Studenten sollen so zu ihrem eigenen Stil finden. Im Kern geht es darum, eine Aufnahme zu einem richtig gut gestalteten Bild werden zu lassen. „Die Fotografie lässt sich mit vielen Themen hervorragend verbinden“ so der Ansatz. Gessler verweist auf die Bereiche Kultur, Gesellschaft und Kunst. Wenn er dann begeistert von seinem Metier berichtet und Bilder zeigt, die sein Können und das seiner Studenten dokumentieren, wird die Bedeutung eines altbekannten Sprichworts untermauert: „Ein Bild sagt mehr aus tausend Worte!“

Alter Winterbrauch: Im Gernsbacher Stadtteil Reichental sind vor Weihnachten die Belzemärtel unterwegs.
Alter Winterbrauch: Im Gernsbacher Stadtteil Reichental sind vor Weihnachten die Belzemärtel unterwegs. | Foto: Matthias Gessler

EU fördert Fotoprojekte über gelebtes kulturelles Erbe

Nach außen sichtbar wird die Akademiearbeit, die den Bogen von Kursen für Einsteiger bis hin zu Kursen zur Bildbearbeitung und Seminare über das Internet (Webinare) umfasst, etwa in Fotoreportagen, die in Ausstellungen und Präsentationen gezeigt werden – auch international.

Das ermöglicht das Bildungsprogramm Erasmus, das von der Europäischen Union gefördert wird. Zum Beispiel das Projekt EliCCon („European Lived Culture Connects“). Ziel ist es, die reiche Vielfalt des gelebten Kulturerbes in Europa anhand konkreter Beispiele zu veranschaulichen.

Beispiele aus der Region dokumentiert

Zuletzt begleiteten Teilnehmer mit der Kamera etwa das Narrentreiben in Offenburg, fotografierten Frauen in Lichtenau bei der Herstellung von Strohschuhen, einen Holzmaskenschnitzer in Gernsbach sowie Bräuche wie das Scheibenschlagen in Gaggenau-Hörden oder die Belzemärtel im Gernsbacher Stadtteil Reichental. „Das ist gelebtes kulturelles Erbe“, stellt Gessler fest. Mit einem bereichernden Nebeneffekt für die Fotografierenden: „Man trifft interessante und tolle Menschen!“, betont der Fotokünstler, der für Anregungen aus der Bevölkerung immer offen ist.

Fastnachtsbrauch: die Feuertaufe der Feuerteufel aus dem Rastatter Stadtteil Niederbühl.
Fastnachtsbrauch: die Feuertaufe der Feuerteufel aus dem Rastatter Stadtteil Niederbühl. | Foto: Matthias Gessler

Das gilt auch für das ebenfalls von der EU geförderte Projekt „Volunteers4Europe“. In Fotoreportagen werden Freiwilligenprojekte dokumentiert. Projektteams gibt es an der Fotoakademie in Rastatt sowie in Stockholm (Schweden), Tallin (Estland), Nizza (Frankreich) und Triest (Italien).

Fotoakademie koordiniert EU-Projekt EliCCon

Koordiniert wird EliCCon von der Akademie in Rastatt, mit Projektpartnern in Birmingham (England), Sevilla (Spanien) und Ostrava (Tschechische Republik). Die dokumentieren entsprechende Projekte in ihrem Land.

Ein Beitrag zur Völkerverständigung

Die laufenden Aktivitäten können über digitale Medien verfolgt werden. Ausstellungen und Präsentation sind ebenfalls geplant. Das Projekt, so die Intention, soll Verständnis für den jeweils anderen wecken. Für Gessler ist EliCCon deshalb ein „Beitrag zur Völkerverständigung und gegen Nationalismus“.

"Das kulturelle Erbe im Landkreis Rastatt": Der Ausstellungskatalog entstand in Kooperation von Volkshochschule, Kreisarchiv und Fotoakademie in Rastatt.
„Das kulturelle Erbe im Landkreis Rastatt“: Der Ausstellungskatalog entstand in Kooperation von Volkshochschule, Kreisarchiv und Fotoakademie in Rastatt. | Foto: Bernd Kamleitner

Eng verflochten mit EliCCon ist die Dokumentation des kulturellen Erbes im Kreis Rastatt, die schon im Jahr 2016 mit einer Ausstellung im Landratsamt startete. Fotos daraus sind als Dauerausstellung in der cts-Klinik Korbmattfelsenhof in Baden-Baden (Fremersbergstraße 115) noch bis September zu sehen. Den Ausstellungskatalog ist bei ArtWebDesign als Buch erhältlich (126 Seiten, 19,95 Euro).