Ein Ersatzvater für die beiden Brüder in Schillers Drama "Die Räuber" ist der alte Diener Daniel, gespielt von Hannes Beckert (hier mit Martin Trippensee als Franz Moor). | Foto: Klenk

Premiere

„Räuber“ bringen Wiedersehen mit Ötigheim-Urgestein Hannes Beckert

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Mit einem Satz in Schillers „Jungfrau von Orléans“ begann vor 56 Jahren der Weg von Hannes Beckert bei den Volksschauspielen Ötigheim. Nun spielt der vielseitige Darsteller und Regisseur eine Altersrolle im Drama „Die Räuber“ – ebenfalls aus der Feder von Schiller.

Es ist ein altes Stück – und doch etwas ganz Neues. 237 Jahre ist es her, dass Friedrich Schillers Erstlingswerk „Die Räuber“ uraufgeführt wurde. Und 113 Jahre, dass die Volksschauspiele Ötigheim gegründet wurden.

Und obwohl der Name Schiller eng mit der Bühne verbunden ist – sein „Wilhelm Tell“ stand seit 1910 in insgesamt 20 Spielzeiten auf dem Programm –, wird sein Erstlingswerk nun erstmals auf dem Tellplatz zu sehen sein. Und es bringt ein Wiedersehen mit dem Volksschauspiel-„Urgestein“ Hannes Beckert.

Eine besondere Erfahrung ist die Produktion auch für Regisseur Peter Lüdi: „Von Schiller habe ich einige Stücke mehrfach inszeniert, etwa ‚Kabale und Liebe’, ‚Wilhelm Tell‘ oder ‚Maria Stuart‘. Aber ‚Die Räuber‘ mache ich zum ersten Mal“, sagt er.

Zu den Kernpunkten des Stücks gehört für Lüdi die Frage, warum Menschen in eine Verbrecherlaufbahn abrutschen. „Gibt es da einen Punkt, ab dem man nicht mehr zurück kann?“ Mit den beiden Brüdern, dem idealistischen Karl und dem intriganten Franz, biete das Stück kontrastierende Beispiele.

Hannes Beckert spielt seit über 55 Jahren auf dem Tellplatz

Verbunden werden diese Gegensätze durch eine Nebenfigur: den alten Diener Daniel, der beide Brüder aufgezogen hat. Besetzt hat sie Lüdi mit Hannes Beckert, der seit über 55 Jahren auf dem Tellplatz aktiv ist.

Als expressiver Darsteller von komödiantischen wie auch tragischen Rollen, etwa Zwirn in „Lumpazivagabundus“ oder Judas in der „Passion“, ist er ebenso Teil der Festspielgeschichte wie als Regisseur, etwa von „Ben Hur“ 2001 oder „Wilhelm Tell“ 2006.

Der Daniel ist nun eine vergleichsweise kleine Rolle – in modernen Stadttheater-Aufführungen wird auf diese Figur oft verzichtet. Für Lüdi gehört sie zur Struktur des Stücks: „Das ist eine Ersatzvater-Figur, wie es sie auch bei Shakespeare oft gibt – und Schiller hat sich ja durchaus an Shakespeare orientiert“, erklärt der Regisseur.

Rollendebüt in Schiller-Stück

Beckert, der auf der großen Bühne zuletzt 2009 als Berliner Fabrikant Giesecke im „Weißen Rössl“ zu sehen war, schätzt die emotionale Tiefe der Rolle: „Wie alle Väter oder Ersatzväter hofft Daniel, dass für seine Schützlinge noch alles gut wird – und gleichzeitig ahnt er schon, dass das unmöglich ist“, sagt Beckert und spricht vom „Lach-Wein-Gesicht“, das Lüdi ihm als Regieanweisung gegeben habe.

Mit den „Räubern“ schließt sich für ihn gewissermaßen ein Kreis: Seine erste Rolle hatte er 1964 in der „Jungfrau von Orléans“, als Reiter, der einen Satz zu sagen hatte. Den hat er bis heute ohne Nachdenken parat: „Der Feind ist über die Marne gegangen und stellt sein Heer zum Treffen.“

Wobei er als junger Kerl aus der Karlsruher Südstadt, der einst von Gleis 17 am Hauptbahnhof mit Rückfahrticket nach Ötigheim fuhr, weniger an Sprechrollen interessiert war als an einem Markenzeichen der Volksschauspiele: der Reiterei.

Reitstunden aus Lehrlingsgehalt

„In meinem ersten Lehrjahr habe ich Überstunden gemacht, um mir Reitstunden und etwas Schauspielunterricht leisten zu können“, erinnert sich Beckert, und seine leuchtenden Augen verraten ungebrochene Theaterbegeisterung. „Hätte man mich gefragt: Willst du Text oder reiten, hätte ich immer gesagt: Reiten!“

Wobei er seine Textrollen stets gründlich angegangen ist. Für den Schneider Zwirn in Johann Nestroys Schwank „Lumpazivagabundus“ ist er seinerzeit nach Wien gefahren und hat Passanten in Gespräche verwickelt, um sich den „Wiener Schmäh“ abzulauschen.

Und beim berlinernden Giesecke im „Weißen Rössl“ griff er auf Erinnerungen an einen Kollegen während seiner Zeit an der Polizeischule zurück: „Der kam aus Berlin und hat die ganze Zeit so gesprochen.“

„Ich spiele das nicht, ich lebe das“

Ganz besonders geprägt habe ihn aber eine ernste Rolle: der Judas aus der „Passion“ von 1990/91. „Das ist eine Figur, mit der ich Mitleid habe. Judas begeht diesen Verrat, mit dessen Folgen er nicht leben kann, aber ohne den es auch die Erlösung durch die Auferstehung nicht gäbe“, sagt Beckert.

Er erklärt seine intensive Darstellungsweise so: „Wenn die Aufführung läuft, dann verschwindet bei mir die Trennung zur Rolle. Ich spiele das nicht, ich lebe das.“

Termine

„Die Räuber“ bei den Volksschauspielen Ötigheim: Premiere am Samstag, 10. August. Weitere Vorstellungen: 17., 23., 24., 31. August. Beginn jeweils 19.30 Uhr.

Hier geht’s zur Homepage der Volksschauspiele.