Ohne Genehmigung errichtet: Der Hof samt Igelstation am Ortsrand von Bischweier muss abgerissen werden. | Foto: Hans-Jürgen Collet

Zahlreiche Tiere betroffen

Der Igelstation in Bischweier droht das Aus – Landratsamt ordnet Abriss an

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Anja Starck päppelt auf ihrem Hof am Ortsrand von Bischweier Igel auf. Sie betreibt die Auffangstation in Zusammenarbeit mit dem Nabu. Außerdem leben dort noch 14 Pferde, Hühner und Hasen. Doch jetzt hat das Landratsamt den Abriss angeordnet.

Anja Starck findet deutliche Worte: „Das wäre Mord.“ Die gelernte Tierarzthelferin päppelt in einem Hof am Ortsrand von Bischweier in Zusammenarbeit mit dem Naturschutzbund (Nabu) Igel auf. Doch für die rund 30 Jahre alten Gebäude existiert keine Baugenehmigung.

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Am Donnerstag erhielt sie ein Schreiben vom Landratsamt: Bis zum 27. Dezember müssen alle Bauwerke auf dem Grundstück abgerissen werden. Eine Alternative, die Tiere unterzubringen, haben weder Starck noch Nabu. Sie im Winter freizulassen, käme einem Todesurteil gleich.

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Zwischen 70 und 80 Igel hat Starck in diesem Jahr beherbergt, derzeit sind es noch sieben. Erst vor drei Wochen hatte sie zum Tag der offenen Tür eingeladen, regelmäßig empfängt sie Kindergärten und Schulklassen.

Hof ohne Genehmigung errichtet

Auf dem Grundstück leben zahlreiche weitere Tiere, darunter 14 Pferde, Hühner und Hasen. Ein Landwirt hatte Ställe und Unterstände laut Starck 1992 errichtet – allerdings ohne Genehmigung. Starck pachtete das Anwesen 2018, im April dieses Jahr erwarb sie es schließlich für den symbolischen Preis von einem Euro.

Die Voreigentümer waren bereits im vergangenen Jahr vom Landratsamt aufgefordert worden, die Bebauung zu entfernen. Es folgten Widersprüche und Fristverlängerungen, bis Starck als neue Besitzerin nun eine bestandskräftige Abrissverfügung erhielt.

Anonyme Anzeige bringt Verfahren ins Rollen

Wie Landratsamtssprecherin Gisela Merklinger erklärt, habe eine anonyme Anzeige im Mai 2018 das Verfahren ins Rollen gebracht. Angesichts der Größe des Anwesens mit mehreren baulichen Anlagen sei für die Behörde klar: „Das können wir nicht genehmigen.“

Ziehmutter für Igel: Anja Starck ist gelernte Tierarzthelferin. | Foto: Hans-Jürgen Collet

Starck will allerdings nicht klein beigeben. Am Freitag traf sie sich mit einem Anwalt um das weitere Vorgehen zu besprechen. Unterstützung erhält sie vom Nabu Rastatt. Der Vorsitzende Kalle Matt hofft, dass das Landratsamt aufgrund naturschutzrechtlicher Erwägungen einlenkt und eine Duldung ausspricht.

Auch geschützte Schwalben nisten im Stall

In den Stallungen nisten auch Rauch- und Mehlschwalben, die unter Artenschutz stehen. „Die Nester zu entfernen, ist verboten“, sagt Matt. Er war mit dem Rastatter Vogelschutzexperten vor Ort, der zu dem Urteil gelangt sei: „Es ist unmöglich, die Vögel umzusiedeln.“ Das sieht das Landratsamt allerdings anders: „Wir haben den Artenschutz berücksichtigt“, sagt Merklinger.

Neubaugebiet in direkter Nachbarschaft geplant

Aus Matts Sicht könnte sich die Gemeinde Bischweier den ökologischen Wert des Areals zunutze machen. In direkter Nachbarschaft plant die Kommune das Neubaugebiet Winkelfeld. Im Zuge der Erschließung muss die Gemeinde Ausgleichsflächen für den Naturschutz zur Verfügung stellen.

Matts Idee: Die Igelstation könnte in dieses Verfahren aufgenommen werden und der Gemeinde Ökopunkte bescheren.

Bürgermeister hofft auf einen Kompromiss

Bürgermeister Robert Wein zeigt sich offen für diese Anregung. Er gibt allerdings auch zu bedenken, dass es baurechtlich „verdammt schwer“ werde, den Hof zu erhalten. Es gelte der Gleichbehandlungsgrundsatz. Wenn es in diesem Fall eine Ausnahme gebe, sei es schwierig, sie in anderen Fällen zu verwehren.

Wein berichtet darüber hinaus, dass es in der Vergangenheit Beschwerden von Nachbarn über das Verhalten von Besuchern auf dem Anwesen gegeben habe. Insgesamt habe das Landratsamt nicht die Möglichkeit, die Dinge „einfach so weiterlaufen zu lassen“. Der Bürgermeister hofft auf einen vernünftigen Kompromiss, mit dem alle Beteiligten leben können.

Wofür haben wir
unseren Artenschutz?

Anja Starck, Betreiberin der Igelstation

Dass die Frist des Landratsamts ausgerechnet nach dem zweiten Weihnachtsfeiertag am 27. Dezember endet, findet Wein unglücklich. Merklinger lässt aber durchblicken, dass hier Kompromissbereitschaft bestehe.

Die Behörde sei außerdem gern bereit, Starck bei der Suche nach neuen Quartieren für die Tiere und bei der Umsiedlung zu unterstützen. Für Starck ist das kein Trost: „Wofür haben wir denn unseren Artenschutz?“, fragt sie sich.

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