In den Ruhestand verabschiedet sich Landrat Jürgen Bäuerle.
In den Ruhestand verabschiedet sich Landrat Jürgen Bäuerle. | Foto: Collet

Landrat im BNN-Interview

Jürgen Bäuerle: „Das Leben besteht aus Loslassen“

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Eine Ära geht zu Ende. Nach 14 Jahren scheidet Jürgen Bäuerle Ende dieses Monats aus dem Amt des Landrats aus. Im Gespräch mit unseren Redaktionsmitgliedern Michael Janke und Stefan Maue blickt Bäuerle zurück und äußert sich auch über Zukunftspläne.

Wie viele Fahrradtouren haben Sie für Ihre freie Zeit schon geplant?

Bäuerle: Bislang bin ich aufs Rad gestiegen, wenn ich Zeit hatte. Künftig kann ich Radfahren, wenn das Wetter gut ist. Generell sind es aber keine so großen Touren, auf denen ich unterwegs bin. Ich fahre gerne von Bühlertal nach Hundseck oder auch Richtung Lauf, nach Kappelrodeck, Sasbachwalden oder Oberkirch. Oft sind es etwa zwischen 20 und 45 Kilometer. Die Strecken sind zwar nicht so weit, aber es sind viele Höhenmeter zu überwinden.

Was ist Ihnen lieber, Mountainbike oder Rennrad?

Bäuerle: Mir macht es auf dem Mountainbike einfach mehr Spaß. Ich bin aber nur auf Waldwegen unterwegs, von denen ich ja viele kenne. Da fühle ich mich sicher. Ich fahre nicht auf freiem Gelände und mache keinen Trialsport. Mit dem Rennrad kann man zwar mehr Gas geben, aber es ist auch gefährlicher.

Da kommt insgesamt noch einiges.

Haben Sie überhaupt noch freie Zeitfenster bis zu Ihrem Abschied Ende April?

Bäuerle: Viel ist da nicht mehr möglich, denn es stehen noch zahlreiche Termine an, wie beispielsweise die Verabschiedung von Toni Huber als Bürgermeister in Weisenbach, die Amtseinführung von Bürgermeister Rolf Spiegelhalder in Elchesheim-Illingen oder die Einweihung der Rastatter Straße in Ötigheim. Da kommt insgesamt noch einiges zusammen.

Wie ist es Ihnen überhaupt gelungen, das enorme Arbeitspensum der vergangenen Jahre zu bewältigen?

Bäuerle: Ich habe die Aufgabe als Landrat und vorher auch als Bürgermeister immer mit viel Freude und Spaß gemacht. Es war immer ein positiver Stress und deshalb unproblematisch. Ich hatte eine sehr gut aufgestellte Verwaltung, in der immer ein gutes Klima geherrscht hat. Es war stets eine konstruktive und faire Zusammenarbeit. Zudem hat mich meine Familie bei allem sehr unterstützt. Und manchmal ist es auch wichtig, sich etwas herauszunehmen aus dem Alltagsgeschäft, zum Beispiel durch einen Kurzurlaub mit meiner Frau, eine Fahrradtour oder auch bei den Proben mit meiner Band „Silverboys“, in der ich seit 1975 spiele. Zudem war ich schon in meiner 13-jährigen Zeit als Bürgermeister in Bühlertal ständig in diesem engen Zeitkorsett, in dem viele Termine wahrgenommen werden mussten. Im Übrigen muss ich sagen, dass ich in der ganzen Zeit nie krank gewesen bin.

Dazu gehört aber sicher der Neubau des Landratsamtes für rund 45 Millionen Euro.

Was waren nach Ihrer Einschätzung die drei herausragenden Aufgaben, die Sie während Ihrer Amtszeit als Landrat zu bewältigen hatten?

Bäuerle: Das ist eine schwierige Frage. Dazu gehört aber sicher der Neubau des Landratsamtes für rund 45 Millionen Euro und mit 600 Arbeitsplätzen. Der Umzug gestaltete sich als spannende Aufgabe. Eine große Herausforderung waren auch die Innenorganisation, die Belegungspläne, die Gestaltung der Tiefgarage oder des Bistros. Insgesamt war das ein gewaltiges Projekt, das ja unter meinem Vorgänger Werner Hudelmaier begonnen wurde. Wichtig war auch die Integration von 350 neuen Mitarbeitern durch die Verwaltungsreform, was das Landratsamt vor eine große Aufgabe gestellt hat. Hinzu kam natürlich 2014 die Diskussion um das Flüchtlingsthema mit die damit verbundenen vielen Probleme und dann auch die PFC-Belastung in der Region.

Ein Mittelbadner wie er leibt und lebt: Landrat Jürgen Bäuerle (Mitte) in seinem Dienstzimmer im Rastatter Landratsamt im Gespräch mit den Redakteuren der Badischen Neuesten Nachrichten, Stefan Maue (links) und Michael Janke. Am 27. April wird Bäuerle verabschiedet, am 1. Mai tritt Toni Huber die Nachfolge an.
Ein Mittelbadner, wie er leibt und lebt: Landrat Jürgen Bäuerle (Mitte) in seinem Dienstzimmer im Rastatter Landratsamt im Gespräch mit den Redakteuren der Badischen Neuesten Nachrichten, Stefan Maue (links) und Michael Janke. Am 27. April wird Bäuerle verabschiedet, am 1. Mai tritt Toni Huber die Nachfolge an. | Foto: Collet

Wo sehen Sie die schwierigsten Momente Ihrer Amtszeit?

Bäuerle: Da ist sicher die Personalie Michael Stockenberger, mein Nachfolger im Amt des Bürgermeisters in Bühlertal, der wegen eines schweren Vergehens aus seinem Amt suspendiert wurde. Das war für mich emotional und menschlich sehr schwierig. Auch die Flüchtlingsunterbringung ist zu nennen, weil doch so viele Schicksale damit zusammenhängen. Wenn pro Monat über 400 Menschen kommen, die ein Dach über dem Kopf und die nötige Verpflegung brauchen, ist das schon eine Riesenherausforderung. Ich denke an die 28 Unterkünfte im Landkreis und an das Gebäude in der Lyzeumstraße, das ganz mit Flüchtlingen belegt war.

Ich sehe es als eine Hauptaufgabe an, für gute schulische Bedingungen zu sorgen.

Wenn Sie einen Erfolg aus Ihrer Amtszeit herausstellen müssten, welchen würden Sie nennen?

Bäuerle: Alle Dinge, die ich in meinen Vorstellungsreden 2005 und 2013 vorgelegt habe, wurden zu hundert Prozent umgesetzt. Die Verschlankung und Optimierung der Verwaltung ist uns gelungen. Das haben auch Befragungen der Mitarbeiter und Kunden gezeigt. Die Mannschaft hat hervorragend mitgezogen und die Verwaltung hat ein tolles Image. Hervorzuheben ist, dass wir insgesamt 46 Millionen Euro in unsere Schulen investiert haben, zum Beispiel in die Josef-Durler-Schule, das Wilhelm-Hausenstein-Gymnasium oder die sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentren. Ich sehe es als eine Hauptaufgabe an, für gute schulische Bedingungen zu sorgen.

Was sind aus Ihrer Sicht weitere positive Entwicklungen?

Bäuerle: Insgesamt sind wir bestens positioniert im mittelbadischen Raum, auch die Zusammenarbeit mit Baden-Baden funktioniert gut, sei es mit den Kliniken, mit der Leitstelle oder auch beim Thema PFC. Genannt sei auch die Wirtschaftsregion Mittelbaden oder die Energieagentur Mittelbaden. Wir kümmern uns jetzt um ein Starkregenmanagement und auch die Breitbandversorgung ist ein großes Thema. Unsere kommunale Familie funktioniert richtig gut. Dabei müssen wir auch die Strukturdaten sehen. Gegenüber 2005 haben wir 10 000 Arbeitsplätze mehr, und die Arbeitslosenquote hat sich halbiert, so dass der mittelbadische Raum an Profil gewonnen hat. Zu nennen ist zudem die eingerichtete Projektgruppe für den Rastatter Tunnel und die abgeschlossene Finanzierungsvereinbarung mit Bund und Bahn nach einer rund 25 Jahre langen Vorbereitung. Auch der Kreishaushalt hat sich gut entwickelt. Wir haben 33 Millionen Euro Schulden zurückgefahren, wobei gerade die Jahre 2008 und 2009 kein Zuckerschlecken waren. Gemeinsam mit Baden-Baden haben wir auch mit unserem Klinikum Mittelbaden eine gute Entwicklung hingelegt. Als wichtig für den Erfolg halte ich insgesamt vor allem die Teamarbeit, und zwar auf drei Säulen – mit den Gremien, der Verwaltung sowie mit Städten und Gemeinden.

Was werden Sie künftig am meisten vermissen?

Bäuerle: Das Leben besteht aus Loslassen, das ist ein ganz normaler Prozess. Man muss das rational sehen, ohne Wehmut. Dennoch werde ich meine Mitarbeiter vermissen.

Dass ich mir meine Zeit nun selbst einteilen kann, darauf freue ich mich schon sehr.

Da schließt sich doch gleich die Frage an, worauf Sie sich in ihrem neuen Lebensabschnitt künftig besonders freuen?

Bäuerle: Ich freue mich einfach, den Fuß vom Gaspedal nehmen zu können und die Tagesabläufe selbst zu gestalten. Ich habe nun einfach mehr Zeit für Dinge als früher, gerade auch für meine Familie und die Enkelkinder. Dass ich mir meine Zeit nun selbst einteilen kann, darauf freue ich mich schon sehr.

Was sind die wesentlichsten Herausforderungen, vor denen der Landkreis in den nächsten Jahren steht?

Bäuerle: Es ist eine Eintrübung der Wirtschaft zu erkennen. Wenn die Wirtschaft kränkelt, wird der Sozialetat weiter ansteigen. Da stehen sicherlich spannende Haushaltsjahre bevor. Die Breitbandversorgung wird den Kreis weiter beschäftigen und auch strukturelle Veränderungen bei den Kliniken stehen ins Haus.

Aber ich werde ihm bestimmt nicht zwischen den Beinen herumlaufen.

Werden Sie Ihrem Nachfolger Toni Huber mit Ratschlägen zur Seite stehen?

Bäuerle: Nein, ich werde ihm keine Ratschläge mit auf den Weg geben. Wir haben schon einige Gespräche geführt und ich glaube, wir bekommen den Wechsel gut hin. Toni Huber ist ja in den Themen drin. Wenn er eine Frage hat, darf er natürlich gerne auf mich zukommen. Aber ich werde ihm bestimmt nicht zwischen den Beinen herumlaufen. Das hat mein Vorgänger Werner Hudelmaier bei mir auch nicht getan.

In welchen Bereichen wollen Sie sich künftig noch weiter engagieren?

Bäuerle: Als Vorsitzender des Naturparks Schwarzwald Mitte/Nord werde ich nicht mehr kandidieren. Bei der Josef-Saier-Stiftung bleibe ich als Vorsitzender. Die Amtszeit läuft noch bis September nächsten Jahres, dann soll es einen Wechsel geben.

Es gibt hier aber generell ein tolles Landschaftsbild.

Im Lauf der Jahre dürften Sie so ziemlich alle Plätze im Landkreis kennengelernt haben. Gibt es einen Lieblingsort?

Bäuerle: Unsere Region zeichnet sich vor allem durch eine große Vielfalt aus. Der Goldkanal, Kaltenbronn und Mehliskopf zählen dazu. Es gibt hier aber generell ein tolles Landschaftsbild, die Nähe zu Frankreich und allerlei Gutes aus Küche und Keller.

Sie haben künftig mehr Zeit, um sich mit ihren vier Enkelkindern zu beschäftigen. Werden Sie ihnen auch das Schlagzeugspielen beibringen?

Bäuerle: Meine Eltern hatten mir einst für 400 Mark mein erstes Schlagzeug von Nachbarn gekauft und mir damit meinen größten Wunsch erfüllt. Ich glaube, dass Kinder selbst herausfinden sollen, was sie machen wollen.

Persönlich

Der am 27. April 1954 geborene Jürgen Bäuerle absolvierte seine Ausbildung als Inspektorenanwärter von 1971 bis 1975 zunächst im Rathaus seines Heimatortes Bühlertal. Von 1973 bis 1975 besuchte er die Fachhochschule Kehl und schloss das Studium als Diplom-Verwaltungswirt ab. In dieser Zeit war er auch im Rastatter Landratsamt zur Ausbildung. Danach arbeitete er bei der Badischen Gemeindeversicherungsanstalt. Im Jahr 1987 kam er zum Landesrechnungshof.
1992 wurde Bäuerle zum Bürgermeister von Bühlertal gewählt, 1994 zog er in den Kreistag ein und übernahm 1999 den Fraktionsvorsitz der CDU. Im Jahr 2005 wurde er als Nachfolger von Werner Hudelmaier zum Landrat gewählt, die Wiederwahl war im Jahr 2013.
Verabschiedet wird Jürgen Bäuerle an seinem 65. Geburtstag, am Samstag, 27. April, um 10.30 Uhr im Landratsamt.