Einsatz bei Nacht: Martin Hauser (links) und Wissenschaftler der Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt statten einen Rothirsch mit einem Sender aus. Über GPS lassen sich so die Bewegungen des Tieres dokumentieren. | Foto: FVA Baden-Württemberg

Wildtiermonitoring im Kreis Rastatt

Mit feiner Nase und moderner Technik

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Manfred und Marianne brachte Martin Hauser kein Glück. Die beiden Rothirsche hatte der Wildtierbeauftragte des Landkreises Rastatt mit einem Sender ausgestattet – und nach seinen Eltern benannt. Mittlerweile steht fest: Manfred wurde (angeblich versehentlich) von einem Jäger erschossen, Marianne mit Haut und Haaren vom Wolf gefressen. „Bisher habe ich mich nicht getraut, das meiner Mutter zu erzählen“, sagt Hauser schmunzelnd. Eigentlich hätten die Sender Erkenntnisse über die Lebensweise der Hirsche liefern sollen. Bei Martin Hauser, der sein Revier am Kaltenbronn hat, laufen in Sachen Wildtiermonitoring alle Fäden zusammen: Er überprüft Sichtungen, Spuren und Losungen und liest alle Informationen in die Datenbank der Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt Baden-Württemberg (FVA) ein. Mit teilweise raffinierten Methoden wollen die Wissenschaftler mehr über die Wildtiere in der Region erfahren, um sie noch besser schützen zu können.

Rückkehrer und „unsichtbare Vögel“

Einige Arten sind nach ihrer Ausrottung wieder zurückgekehrt, andere sind verschwunden. Auerhuhn, Raufußkauz, Sperlingskauz und Wildkatze kommen im Landkreis Rastatt selten vor. Ihr Bestand gilt dennoch – im Rahmen der üblichen Schwankungen – als gesichert. Ein Profiteur des Klimawandels ist der Dreizehenspecht: Bis vor 13 Jahren galt er als ausgestorben. Weil sich der Borkenkäfer, seine Hauptnahrung, bei trockener Wärme massenhaft vermehrt, hat sich sein Bestand erholt.

 

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Schlechter steht es dagegen um den Luchs. Im Nordschwarzwald gibt es derzeit keine Hinweise auf sein Vorkommen, im Süden leben wenige Einzeltiere. Das Haselhuhn, ein Verwandter des Auerhuhns, wurde zuletzt vor einigen Jahren gesichtet. „Wir müssen davon ausgehen, dass es im Nordschwarzwald ausgestorben ist“, bedauert Hauser. Ganz sicher sei man indes nicht, schließlich gelte das scheue Wesen als „unsichtbarer Vogel“.

Wildtierbeauftragter prüft Spuren

Während sich das Wildtiermonitoring zunächst auf bedrohte Spezies konzentriert hat, werden nunmehr auch Daten verbreiteter Arten erhoben. Etwa um das Rot- und Rehwild, den Fuchs und das Wildschwein müsse man sich nicht sorgen, weiß Hauser. Als Wildtierbeauftragter besetzt er die Scharnierstelle zwischen Bürgern und der FVA. Werden Tiere – oder deren Fährten, Losung und Federn – entdeckt, kommt Hauser ins Spiel: Er nimmt die Spuren in Augenschein und prüft die Angaben von Wanderern und Jägern. Sie bestätigen sich nicht immer. So gehe er im Fall der vermeintlichen Wolfssichtung im Oktober in Loffenau (die BNN berichteten) davon aus, dass es sich um einen Fuchs gehandelt habe. Hauser analysiert Fährten, Bissspuren an Kadavern und trägt seine Erkenntnisse in die Datenbank der FVA ein.

Mit Fotofallen und GPS

In eine Fotofalle ist diese Hirschkuh getappt. Die im Wald angebrachten Kameras lösen durch die Bewegung der Tiere aus. | Foto: Hauser

Zum Einsatz kommen auch Fotofallen, die Tiere durch Bewegung auslösen, und sogenannte Haarfallen. Dabei handelt es sich um Pfähle, die mit einem Lockstoff behandelt werden. Reibt sich beispielsweise eine Wildkatze daran, lässt sich ihr Vorkommen in dem Bereich dokumentieren. Durch die GPS-Besenderung von Rotwild hofft Hauser, Erkenntnisse über deren Verhalten zu gewinnen. „Wir können sehen, wie die Tiere auf den Menschen reagieren“, erklärt er, „auf Jäger, Forstarbeiter oder Wanderer.“ Erst kürzlich habe er die Bewegungen eines Hirsches verfolgt, in dessen Nähe eine Drückjagd stattfand. „Das Tier hat sich unbeeindruckt gezeigt und nicht reagiert“, so Hauser.

Wenig Bewegung im Winter

Auch in der kalten Jahreszeit sei der Bewegungsradius des Rotwildes erstaunlich gering. „Man sollte meinen, dass die Hirsche viel unterwegs sind, um Futter zu suchen“, sagt Hauser. Tatsächlich schalteten ihre Körper offenbar in eine Art Wintermodus: Wenn die Bewegungen reduziert werden und der Puls gesenkt wird, benötigen die Tiere weniger Nahrung. Zu Forschungszwecken machen die Wissenschaftler der FVA bisweilen auch das, was eigentlich nicht gewünscht ist: Mit GPS-Empfänger dringen sie in den Wald ein und simulieren so – auch bei Nacht – bewusst Störungen des Rotwildes durch Wanderer oder Geocasher. „Wenn wir wissen, wie die Tiere auf solche Situationen reagieren, können wir sie besser vor Beeinträchtigungen schützen“, erläutert Hauser. Eine neue Methode ist der Einsatz von Spürhunden. Sie können mit ihrer feinen Nase Fährten und Losungen erschnüffeln.

Wolf weiter im Murgtal

Keine Wolfsspuren: Martin Hauser untersucht den Kadaver eines Rehkitzes, den ein Ausflügler im Oktober bei Loffenau gefunden hat. | Foto: privat

Mitunter ist das nicht ungefährlich: Vor einigen Jahren trafen Hauser und Hund im Dickicht auf ein Wildschwein. Der 100 Kilogramm schwere Keiler griff den Wildtierbeauftragten unvermittelt an und verletzte ihn schwer am Bein. Sein Hund verhinderte Schlimmeres. „Vor Wildschweinen, besonders Keilern und Bachen mit Frischlingen sollte man sich in Acht nehmen“, mahnt Hauser.  Von den übrigen Wildtieren gehe aus seiner Sicht keine Gefahr für den Menschen aus – auch nicht vom Wolf. Wie das Bild einer Fotofalle belegt, streift „GW852m“, ein junger Rüde aus Niedersachsen, noch immer durch das obere Murgtal. Der letzte dokumentierte Riss eines Weidetieres stammt aus dem September, als der Wolf in Reichental mehrere Schafe tötete. Hauser: „Dass man seither nichts von ihm gehört hat, spricht dafür, dass er im Wald ausreichend Nahrung findet.“

Kontakt: Martin Hauser, Wildtierbeauftragter des Landkreises Rastatt, Telefon 070857216 oder 01752232698