Die Zukunftspläne für den freien Platz im Baugebiet Pfaffenacker in Kuppenheim werden konkret. Hier soll ein Pflegeheim für junge Menschen entstehen.
Die Zukunftspläne für den freien Platz im Baugebiet Pfaffenacker in Kuppenheim werden konkret. Hier soll ein Pflegeheim für junge Menschen entstehen. | Foto: Collet

Neues Heim geplant

Junge Menschen bekommen Pflege in Kuppenheim

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Im Alter von 30 oder 40 Jahren ziehen manche Menschen in ein klassisches Pflegeheim für Senioren. Dafür sind sie eigentlich zu jung. Doch aufgrund einer geistigen oder körperlichen Behinderung bleibt ihnen oft keine andere Möglichkeit, sofern sie auf Betreuung und Hilfe angewiesen sind. Gemeinsam schaffen die Stadt Kuppenheim, die Stiftung Friedrich Ganz als Initiator und Investor sowie das Klinikum Mittelbaden als Betreiber nun eine Alternative: ein stationäres Pflegeheim für jüngere Menschen zwischen 18 und 65 Jahren.

Baubeginn des rund zehn Millionen teuren Projekts könnte im Frühjahr 2020 sein, schätzt Kuppenheims Bürgermeister Karsten Mußler. Er spricht von einer wertvollen Einrichtung nicht nur für Kuppenheim sondern für die gesamte Region.

Neubau im Gebiet Pfaffenacker

Vor wenigen Tagen wurde das rund 4300 Quadratmeter große städtische Grundstück im Baugebiet Pfaffenacker an die Stiftung Friedrich Ganz verkauft. „Mitten in der Stadt und doch ruhig gelegen“, betont Mußler. Der Bauplatz war unter dem Arbeitstitel „Städtler in der Stadt“ einem besonderen Projekt vorbehalten, das hiermit gefunden wurde, ergänzt er. Denn ein Pflegeheim für junge Menschen existiere seines Wissens in der Region noch nicht.

Erstes Projekt der Stiftung Friedrich Ganz

Es ist das erste Projekt, das die Stiftung Friedrich Ganz verwirklichen will. „Ich habe wirtschaftlich viel Glück gehabt, davon will ich etwas zurückgeben“, erzählt Gründer Friedrich Ganz. Im Vordergrund seiner Arbeit stehen geistig und körperlich behinderte junge Menschen. „Damit diese ein würdiges Leben führen können – trotz ihrer Behinderung“, sagt er.

Pflege passend zum Lebensalter

„Wir erleben immer wieder junge Menschen, die in einem klassischen Pflegeheim untergebracht sind, das wiederum nicht zu ihrem Lebensalter passt“, sagt Jürgen Jung, Geschäftsführer des Klinikums Mittelbaden. Bei etwa 40 bis 50 Personen sei das derzeit der Fall. Insgesamt stellt das Klinikum rund 600 Plätze in der Altenpflege zur Verfügung, weitere 120 für Menschen mit Behinderung.

Teilhabe an gesellschaftlichem Leben

Das Gemeinschaftsprojekt soll das vorhandene Angebot in der Region künftig abrunden, so Jung. Der Altersdurchschnitt im üblichen Pflegeheim liege etwa bei 83 Jahren. Für die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben junger pflegebedürftiger Menschen sei das nicht förderlich, betont Mußler.

In Baden-Württemberg gibt es dahingehend einen riesigen Engpass.

45 Plätze sollen nun entstehen, die Bedürftigen zwischen 18 und 65 Jahren vorbehalten sind. Rund 30 Plätze werden zudem für Kurzzeitpflege jeder Altersklasse geschaffen. „In Baden-Württemberg gibt es dahingehend einen riesigen Engpass“, erklärt Jung. Aufgrund eines neuen Rahmenvertrags des Landes kann das Projekt in diesem Bereich vermutlich von Zuschüssen profitieren. Den Antrag habe man bereits gestellt.

Speziell für Rollschulfahrer

Darüber hinaus planen die Verantwortlichen, vier betreute Wohnungen in das Haus zu integrieren. Die Pläne sehen zudem vor, das Gebäude überall rollstuhlfahrergerecht zu bauen. „Die Bewohner sollen jede Möglichkeit, sich zu bewegen, nutzen können“, so Jung. Es werde zusätzliche Räume geben, etwa um die Familie zu treffen.

35 neue Arbeitsplätze

„Eine spannende Aufgabe wird sein, das entsprechende Personal zu finden“, vermutet der Geschäftsführer. Bis zu 35 Arbeitsplätze entstehen alleine in der Pflege. Die Verwaltung werde mit dem Haus Fichtental zusammengelegt, das ebenfalls vom Klinikum betrieben wird. Dort sollen in Reaktion auf das neue Angebot wiederum Kurzzeitpflegeplätze in Vollzeitplätze umgewandelt werden, ergänzt Jung.

Kommentar
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Lebensmitte

Pflegeheime sind was für alte Menschen. Das Essen ist Gebiss-freundlich, der Altersdurchschnitt liegt über 80 und jugendliche Themen stehen weniger auf der Tagesordnung. Während ältere Menschen dort meist ihren Lebensabend verbringen, stehen junge Bewohner noch mitten oder gar erst am Anfang des Lebens.

Neuer Fokus

Sie brauchen aufgrund ihrer körperlichen oder geistigen Gesundheit zwar ähnliche Betreuung, ihre Bedürfnisse sind vermutlich aber andere. Da ist es lobenswert, dass in Zeiten von Pflegekräfte- und Pflegeplatzmangel jemand den Blick hebt und vom Fokus auf die alte Generation abrückt. Das alltägliche Umfeld beeinflusst Gedanken, Gefühle und somit auch die Lebensfreude. Genau wie gesunde Mittdreißiger es bevorzugen würden unter halbwegs Gleichaltrigen zu leben, sollten das auch behinderte Menschen tun dürfen.

Wohngemeinschaft für Junge

Das neue Pflegeheim öffnet pflegenden Angehörigen, Eltern oder Partnern den Weg, ihre Liebsten vielmehr in eine Art Wohngemeinschaft statt in ein Altenheim zu bringen. Mit dem Projekt leuchten Stadt, Stiftung und Klinikum auf ein oft dunkles Feld sozialer Verantwortung.