Keine Durchfahrt: Ein Poller versperrt Arztfahrzeugen in der Durmersheimer Hirschgasse den Weg. Ihn hatte ein Anwohner aufstellen lassen.
Keine Durchfahrt: Ein Poller versperrt Arztfahrzeugen in der Durmersheimer Hirschgasse den Weg. Ihn hatte ein Anwohner aufstellen lassen. | Foto: Körner

Schlichtung geplatzt

Durmersheimer Poller-Streit findet Fortsetzung

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Nächster Akt im Durmersheimer Poller-Streit: Ein Schlichtungsversuch von Bürgermeister Andreas Augustin ist nach BNN-Informationen gescheitert. Damit bleibt der Pfosten – zumindest vorerst – dort, wo er Richard Pawlak ein gewaltiger Dorn im Auge ist: in der Hirschgasse. Über sie gelangte der Mediziner bislang mit seinem Einsatzfahrzeug auf die Hauptstraße. Nun muss er einen Umweg in Kauf nehmen, der im Notfall lebenswichtige Zeit kosten kann.

Wie berichtet, hatte ein Nachbar den Poller installiert, weil er sich am Einsatzverkehr gestört hatte. Nachdem ein klärendes Gespräch beider Parteien geplatzt ist, prüft die Gemeinde Durmersheim nun, ob sie das Hindernis beseitigen lassen kann. Problematisch dabei: Es steht auf dem Privatgrundstück des Anwohners.

Juristisch ist das ein schwieriges Thema.

Die Handhabe der Kommune ist daher begrenzt. „Juristisch ist das ein schwieriges Thema“, räumt Bürgermeister Augustin gegenüber den BNN ein: „Das Privatrecht ist ein hohes Gut.“ Derzeit befasse man sich im Rathaus mit der Möglichkeit, die Hirschgasse im Bebauungsplan als Rettungsweg auszuweisen.

Lösung durch Rettungsweg

„In diesem Fall könnte man den Pfosten entfernen lassen“, so Augustin, der indes noch immer auf eine einvernehmliche Lösung setzt. „Mit einem gesunden Menschenverstand sollte das doch gelingen“, hofft der Verwaltungschef, „leider ist die Debatte aber emotional sehr aufgeladen“.

Anwohner will kein Gespräch

Laut Augustin hatte sich der Nachbar vor einigen Wochen mit der Bitte um eine Schlichtung an ihn gewandt. Nachdem Richard Pawlak ihm in den BNN Egoismus vorgeworfen hatte, habe er seine Gesprächsbereitschaft allerdings zurückgezogen. Auf Anfrage dieser Zeitung ließ der Nachbar wissen, dass es sich bei Pawlaks Vorwürfen um „ nichts als Lügen“ handele.

Ich will mich mit meinem Nachbarn einigen.

Weiter wollte er sich in der Angelegenheit nicht äußern. Auf ein neuerliches Gesprächsangebot des Mediziners war er dessen Angaben zufolge nicht eingegangen. „Ich will mich mit meinem Nachbarn einigen“, betont Pawlak, der sich bei ihm laut eigener Aussage „für alle Unannehmlichkeiten entschuldigt“ habe.

Pawlak rückt für Notfälle aus

Im Kern geht es bei dem seit Monaten schwelenden Streit um den Einsatzverkehr in der Hirschgasse. Dort befindet sich neben dem nachbarlichen Garten auch Pawlaks Garage. Bei Notfällen im Durmersheimer Raum – also auch in Bietigheim, Elchesheim-Illingen und Au am Rhein – hat er einen deutlichen Vorsprung gegenüber dem Notarzt aus Rastatt. Deshalb rückt Pawlak, eigentlich Allgemeinmediziner, wochentags von 7 bis 20 Uhr in solchen Fällen aus. Im Gegensatz zum Notarzt darf er jedoch keine roten Ampeln überfahren.

Wir haben schon Leben gerettet.

Bislang setzte Pawlak sein Fahrzeug aus der Garage zurück und erreichte über die Hirschgasse in wenigen Sekunden die Hauptstraße, die zentrale Verkehrsader in Durmersheim. Seit der Poller ihm den Weg versperrt, muss er über die Straße „Am Stiegelberg“ und eine Ampelanlage auf die Hauptstraße fahren. Bei einem Herzinfarkt, plötzlichen Kindstod oder allergischen Schock zählt für Pawlak jede Sekunde.

Langer Umweg: Um die Hauptstraße zu erreichen, muss Richard Pawlak einmal um den Block fahren und verliert dabei im Notfall wertvolle Zeit.
Langer Umweg: Um die Hauptstraße zu erreichen, muss Richard Pawlak einmal um den Block fahren und verliert dabei im Notfall wertvolle Zeit. | Foto: Infografik BNN

Durch den Umweg verliert er wichtige Zeit, was für seine Patienten fatale Folgen haben kann. „Wir haben schon Leben gerettet“, sagt Pawlak. Sein Nachbar hatte den Poller aufstellen lassen, weil er sich von den Motorgeräuschen der Arztfahrzeuge in der Hirschgasse belästigt gefühlt hatte. Laut Pawlak handelt es sich um „maximal fünf Fahrten am Tag“.

Poller-Streit empört Patienten

Nach der Veröffentlichung des ersten BNN-Artikels schlugen die Wellen der Empörung in der Praxis hoch. „Einige Patienten wollten eine Unterschriftenaktion gegen den Poller starten, andere ihn mit ihrem Geländewagen umreißen“, erinnert sich Pawlak und muss trotz des ernsten Hintergrundes ein wenig schmunzeln.

Klage als Ausweg

Zwar hat der Arzt die Hoffnung auf eine Einigung mit seinem Nachbarn noch nicht aufgegeben, dennoch behält er sich rechtliche Schritte vor. Wenn man keine Lösung finde, wolle er die Entfernung des Pfostens unter Hinweis auf das Gewohnheitsrecht einklagen.

Ohne jegliche Vorwarnung.

Die mittlerweile von ihm und Barbara Schäfer-Wegert geführte Gemeinschaftspraxis in der Hauptstraße 93 existiert bereits seit 1904. Laut Pawlak praktizieren die beiden Ärzte dort in der fünften Generation. Nunmehr zehn Jahre gehört seinem Nachbar eine Hälfte der Zufahrt zur Hauptstraße. Dort habe er den Pfosten „ohne jegliche Vorwarnung“ montieren lassen, obwohl sie seit 1970 von der Arztpraxis genutzt werde.

Gemeinde kann helfen

Dennoch ist unklar, welche Erfolgsaussichten eine Klage vor Gericht hätte. Pawlak hat in der Angelegenheit mittlerweile zwei Rechtsanwälte konsultiert. Das Ergebnis: „Einer räumt mir gute Chancen ein, der andere nicht.“ Zunächst rückt nun der Bebauungsplan in den Mittelpunkt – hier liegt der Spielball bei der Gemeinde.