Neues Drama in Arbeit: Harald Hemprich spricht im Café am Schloss über die Corona-Krise und die Rolle, die sie in seinem neuen Stück spielen wird. | Foto: Kraft

Ensemble 99

Rastatter Theater-Ensemble plant Stück über Corona

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Rein äußerlich merkt man dem Rastatter Theaterchef kaum an, wie sehr ihn das derzeitige Thema Nummer eins beschäftigt und umtreibt. Harald Hemprich wirkt entspannt. Nachdem er die Maske abgelegt hat, bestellt er sich im Café am Schloss eine Cola, setzt sich an den Tisch und beginnt zu erzählen, was für ihn, den Theaterverein Reithalle Rastatt und das Ensemble 99 die Corona-Krise bedeutet.

Nicht unerwähnt lässt er dabei, dass die Theatergruppe mit digitalen Mitteln neue Wege beschreitet und das Spektrum durch neue Formen des Theaters erweitert.

„Die Pandemie ist eine Menschheitserfahrung, die unsere Gesellschaft nach außen wie nach innen verändert. Sie ist ein globales Phänomen, ein Appell zur Besinnung, der die formalen Bedingungen für einen stärkeren Zusammenhalt schaffen kann“, konstatiert der 71-jährige Regisseur, Autor und Schauspieler, der in Zeiten, in denen das Kulturleben komplett lahmliegt, an einem Stück über genau dieses Thema arbeitet.

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Stück über Corona liegt noch in den Anfängen

„Es liegt zwar noch in den Anfangswehen, aber ich komme voran. Ich schärfe meine geistige Optik und habe für das Drama schon einiges zusammengetragen“, erzählt Hemprich, der das Bühnenwerk nicht allein, sondern zusammen mit Michael Krauth (37) schreibt und entwickelt.

Die Gesellschaft ist von verschiedenen Krisenphänomenen geschüttelt

Harald Hemprich

„Diese Doppel-Autorenschaft ist sehr spannend, weil hier zwei Generationen an einem Werk arbeiten, das kein reines Corona-Stück werden soll.“ Der Arbeitstitel „Wer hat Angst vor dem bösen Wolf?“ deutet es bereits an.

„Die Gesellschaft ist von verschiedenen Krisenphänomenen geschüttelt“, sagt Hemprich und nennt zum Beispiel den wachsenden Rechtsradikalismus oder den nicht tot zu kriegenden Antisemitismus.
„Corona soll das formale Bindemittel zwischen allen Themen dieses Stückes sein, das auch eine Gegenwelt entwerfen wird.

Bühnenwerk passt ins Konzept der Theaterreihe „Zeit-Bühne“

Wir arbeiten nicht dokumentarisch. Das Stück wird nur in Ansätzen realistisch, sicher auch metaphorisch, symbolisch und utopisch.“ Vom Ansatz her passe es in das Konzept der neuen Theaterreihe „Zeit-Bühne“, die 2018 mit „Personenkreis 20/18“ eröffnet und 2019 mit „Verstört“ fortgesetzt wurde.

War im ersten Stück der NSU-Prozess der Aufhänger, so ging es beim zweiten um eine ehemalige IS-Kämpferin, die nach Deutschland zurückkehrt. „Wir greifen in diesen selbstproduzierten Stücken aktuelle Themen auf, die sich mit der politischen und kulturellen Realität unserer Gegenwart befassen“, erklärt Hemprich, dass es geradezu die Aufgabe des Theaters sei, aktuelle gesellschaftliche Phänomene aufzuarbeiten.

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Theater arbeitet aktuelle gesellschaftliche Phänomene auf

„Gerade das Theater hat als öffentliche Kunst eine Verantwortung gegenüber der Öffentlichkeit, die aber derzeit nicht wahrgenommen werden kann“, bedauert er das momentane Fehlen einer Instanz.

„Die ist gerade in Krisenzeiten enorm wichtig ist, weil solche Krisen ohne kulturelle Produktivität gar nicht verarbeitet werden können“. Die Öffentlichkeit bestehe derzeit nur aus Politikern und Virologen.

Dicht beisammen und in körperlicher Aktion: Noch im Februar/Anfang März 2020 war diese Nähe auf der Bühne – hier im Theaterstück „Bernarda Albas Haus“ – überhaupt kein Problem. Bei den geplanten Auftritten im Spätjahr heißt es: Abstand halten. | Foto: Kraft

Durch das Fehlen eines wichtigen Teilnehmers im Innenraum der Gesellschaft werde der kritische Blick auf die aktuelle Situation zu wenig artikuliert, sagt Hemprich, der noch nicht genau erkennen kann, was sich langfristig durch die Krise wirklich ändert.

Die Schäden seien noch gar nicht abzusehen. Zum Beispiel auch, was die Chancengleichheit im Bildungssystem betrifft, unterstreicht der pensionierte LWG-Lehrer. Er macht sich nicht nur Gedanken über die künftige Entwicklung der Schulen, sondern auch darüber, welche Lehren aus der Krise zu ziehen sind.

Kritischer Blick auf die heutige Gesellschaft

Mit hochzezogener Augenbraue wirft er einen kritischen Blick auf unsere Gesellschaft, auf das soziale Ungleichgewicht, unseren Umgang mit Flüchtlingen und Migranten oder auf die Klimakrise, die dringend bewältigt werden müsse.

Hinsichtlich der eigene Situation zeigt sich Hemprich zuversichtlich, dass sein von der Stadt gefördertes Theater diese schwierigen Zeiten überstehen wird. Weitaus härter treffe es da all jene, deren Existenz von Auftritten abhänge und die jetzt kaum Einkünfte mehr haben und ums Überleben kämpfen.

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Büchners „Lenz“ ersetzt den „Woyzeck“

Für den Theaterverein bedeute die Pandemie, dass sämtliche Produktionen verschoben werden mussten. Georg Büchners „Woyzeck“ wird sogar komplett vom Spielplan gestrichen. Regisseur Johnny Wagner kann sich das Stück, bei dem Körperlichkeit, Nähe und Bewegung unumgänglich sind, unter Corona-Bedingungen nicht vorstellen.

Er hat sich stattdessen Büchners „Lenz“ vorgenommen, „weil hier die Erzählhaltung bereits distanziert ist“, berichtet Hemprich, dass das Stück im November auf einer großen Podest-Bühne mit fünf Schauspielern gespielt werden soll.

Überhaupt wolle man versuchen, stärker an dramatischen Stoffen zu arbeiten, die inhaltlich und formal besser in diese Zeit passen. „Soziale Distanz ist das Gegenteil dessen, was Theater ausmacht. Wir müssen auf physische Mittel des Ausdrucks verzichten und es trotzdem schaffen, diesen Verzicht auf körperliche Nähe und Dynamik auszugleichen.“

Das könne durch eine stärkere Glaubwürdigkeit und Sinnlichkeit der Sprache gelingen. Zwar fühle er sich momentan wie ein Regisseur mit angezogener Handbremse, wie er sagt. „Dennoch hat es für mich einen gewissen Reiz, mit der Krise klarzukommen.“