Beitragsbild Meier
Albrecht Meier muss das Wasser aus seinem Brunnen immer wieder untersuchen lassen. Damit keine PFC mehr darin sind, hat er eine Filteranlage eingebaut. | Foto: Weller/BNN-Montage

Höchster Wert in der Region

Wie ein Landwirt mit Tausend Mikrogramm PFC im Blut lebt

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Albrecht Meier hat den höchsten PFC-Wert der gesamten Region in seinem Blut – und noch ganz andere Sorgen. Der Hofbesitzer trank jahrelang nichtsahnend das belastete Wasser aus seinem eigenen Brunnen. Was das für ihn und seine Familie bedeutet.

Wäre da nicht der Lärm von der gerade mal 200 Meter entfernten A5, man könnte den Rosenhof bei Baden-Baden für das perfekte Idyll halten. Das wirkliche Problem hier kann aber kein Mensch hören, sehen, riechen oder schmecken. Aus dem Brunnen von Landwirt Albrecht Meier fließt PFC-belastetes Wasser. Und er trank es jahrelang.

Im Jahr 2017 hatte Albrecht Meier mehr als Tausend Mikrogramm PFC in seinem Blut.

Pro Liter.

Die allgemeine Grundbelastung der Bevölkerung liegt bei rund sechs Mikrogramm.

 

Wie lange PFC durch die Leitungen floss, weiß niemand genau

Drei Menschen wohnen auf dem Rosenhof und fast 30 Pferde. Bis vor einigen Jahren tranken sie alle das gleiche Wasser, aus dem Brunnen in Albrecht Meiers Garten. Von dort laufen Rohre ins Wohnhaus, in den Stall, in die Wirtschaftsgebäude. Wie lange durch diese Leitungen PFC floss, in die Tränken der Tiere und in den Tee von Landwirt Meier, weiß niemand genau.

Der Rosenhof bei Sinzheim mit PFC-belastetem Brunnen
Man könnte den Rosenhof für ein Idyll halten. Doch Boden und Grundwasser sind mit Chemikalien verseucht. | Foto: Weller

Als bekannt wurde, dass giftige Chemikalien im mittelbadischen Grundwasser schwimmen, ließ Meier sein Wasser untersuchen. Er schickte Proben an ein Labor in der Pfalz und bekam die Bestätigung: Sein Gelände ist belastet, sehr sogar.

Für viel Geld wechselt Meier jetzt regelmäßig Filter

Der Rosenhof bei Sinzheim mit PFC-belastetem Brunnen
Zahlreiche Gebäude stehen auf dem Anwesen, überall laufen Leitungen aus dem Brunnen hin. | Foto: Weller

Also baute er im Keller des Wohnhauses Aktivkohlefilter ein. Seit 2014 wechsele er alle drei Monate die Kartuschen, sagt Meier, 500 Euro koste das jedes Mal. Am Waschbecken in der Küche gibt es einen zusätzlichen Filter. Trotzdem trinkt Meier mittlerweile nur noch aus Flaschen.

Denn: In seinem Blut wurde der höchste PFC-Wert der Region gemessen, vielleicht der gesamten Republik „Ob das schädlich ist, weiß keiner“, sagt der 66-Jährige. Etwas anderes stört Meier viel mehr: „Ich krieg hundert Auflagen, muss alles selber zahlen, bin aber gar nicht selber schuld.“

Wo kommen die Chemikalien her?

Er hat nie Kompost auf seine Felder gefahren, sagt Meier.

Er hat seine Felder seit ewig und drei Tagen nicht beregnet, sagt Meier.

Keiner weiß, wo das PFC in seinem Boden herkommt, sagt Meier. „Vielleicht aus der Luft? Es ist überall verteilt.“

Wo auch immer es herkommt, es ist nun einmal da. Und mit den Chemikalien kamen die Beamten.

Ein PFC-belasteter Acker bei Sinzheim
Felder rund um Albrecht Meiers Hof sind mit PFC belastet. | Foto: Weller

Zuerst bemängelte das Gesundheitsamt Meiers Gutachten und forderte ein neues. Dann musste Meier Schilder aufhängen, „Kein Trinkwasser“, an jeder einzelnen Zapfstelle.

Er darf sein Wasser nicht an Dritte weitergeben. Er muss regelmäßig Gutachten vorlegen, die kosten jedes Mal mehr als 100 Euro. Er muss alle Anwohner über die PFC-Problematik unterrichten und das ganz genau dokumentieren.

Am Hof wurde alles untersucht – Meier selbst jedoch nicht

Die Behörden nahmen seinen Brunnen in Augenschein, seine Felder, seine Ställe, nur für Albrecht Meier selbst interessierten sie sich nicht.

„Als ich den Leiter des Gesundheitsamts gefragt habe, ob er mich nicht mal untersuchen möchte, hat er gesagt, das sei nicht seine Aufgabe“, so Meier. Also organisierte er seine Blutprobe selbst. „Du bist alleingelassen im Endeffekt.“

Mehr zum Thema: Warum PFC schlecht für unsere Gesundheit sind

Die Pferde trinken das Wasser noch, die Menschen nicht mehr

Zum Zähneputzen und zum Kochen verwendet Meier das gefilterte Wasser im Wohnhaus. Es ist seit Einbau der Filter PFC-frei, das hat er schriftlich. Die Pferde im Stall trinken weiterhin das  ungefilterte Wasser. In ihren Pässen steht nun, dass sie keine Schlachtpferde mehr sind: für den menschlichen Verzehr nicht geeignet.

Der Rosenhof bei Sinzheim mit PFC-belastetem Brunnen
Sie dürfen wegen ihres PFC-Konsums zwar nicht mehr geschlachtet werden. Körperliche Veränderungen hat Albrecht Meier an seinen Pferden aber nicht beobachten können. | Foto: Weller

Auf Meiers Feldern wächst Hafer und Mais, beide Pflanzen nehmen kaum PFC aus dem Boden auf. Und auch Rosen wachsen natürlich auf dem Rosenhof. Bei Blumen ist es egal, wie viel Gift in ihnen steckt

In der Region sehen die Menschen das Thema nicht allzu tragisch, sagt Meier. „Ist denen egal, ob ich hier PFC hab oder nicht.“ Nur den Behörden sei es mittlerweile nicht mehr egal, da sie jedem Bürger Trinkwassser zur Verfügung stellen müssten.

Mehr zum Thema: Dieser Mann kämpft seit Jahren für PFC-freies Trinkwasser

Anschluss ans kommunale Wassernetz wäre sehr teuer

Die Gemeinde Sinzheim möchte Meier nun an die kommunale Wasserversorgung anschließen, das hatte er schon vor Jahren gefordert. Dafür würden aber 40.000 Euro fällig. „Da kann ich lange Wasser in der Apotheke kaufen“, sagt Meier.

Er ist nicht bitter, höchstens ernüchtert. Der Skandal hat ihn viele Tausend Euro gekostet, noch viel mehr Nerven und vielleicht die Gesundheit.

Ob er sauer ist auf den Verursacher der Umweltverschmutzung? „Wer soll es denn gewesen sein“, sagt Meier. „Es ist nix bewiesen, gar nix. Ob es der Vogel war oder nicht, ich weiß es nicht.“

Genaue Gesundheitliche Auswirkungen sind unklar

Bei einer zweiten Blutuntersuchung vor wenigen Monaten waren Meiers PFC-Werte immerhin um ein Fünftel zurückgegangen. Meiers Sohn hat ebenfalls erhöhte Werte, die Tochter hat sich nicht testen lassen. Was sollen sie auch machen mit der Gewissheit, dass das Gift in ihnen steckt? Kein Arzt kann Meier sagen, welche Risiken PFC genau bergen. Immerhin sind seine Werte schon um einiges besser geworden.

Wenn er schnell eine Tablette nehmen muss und kein Sprudel zur Hand hat, greift Meier ausnahmsweise doch auf sein Brunnenwasser zurück. „So schnell stirbt man nicht“, sagt er.

Und, dass er weiterhin hofft, doch noch günstig an die kommunale Wasserversorgung angeschlossen zu werden. „Die Hoffnung stirbt zuletzt.“

PFC: Das Gift in uns
Die Geschichte des größten Umweltskandals Deutschlands – mit seinen Hintergründen, gesundheitlichen Risiken, juristischen Folgen und persönlichen Schicksalen – erzählt dieses multimediale BNN-Dossier. Alle Artikel gibt es auch einzeln auf bnn.de.