Auf die Minute genau soll die Arbeitszeit künftig branchenunabhängig erfasst werden. Lehrer und Handwerker haben Zweifel an der Machbarkeit.
Auf die Minute genau soll die Arbeitszeit künftig branchenunabhängig erfasst werden. Lehrer und Handwerker haben Zweifel an der Machbarkeit. | Foto: dpa

Folgen des EuGH-Urteils

Zeiterfassung stellt manche Berufe im Landkreis Rastatt vor Probleme

Anzeige

Der Arbeitstag hatte auf die Minute genau acht Stunden und 37 Minuten. Die Mittagspause dauerte 32 Minuten, eine weitere Kaffee-Pause rund fünf. Überstunden gleich Null. So ähnlich könnte das Fazit am Ende eines Arbeitstages künftig ausfallen. Denn der Europäische Gerichtshof hat entschieden, dass EU-Staaten ihre Arbeitgeber dazu verpflichten müssen, die Arbeitszeit deren Mitarbeiter explizit zu erfassen.

Doch während dieses Vorgehen etwa im Öffentlichen Dienst bereits Alltag ist, stellt die drohende Stechuhr andere Berufe und mittelständische Unternehmen vor große Herausforderungen. „In Handwerksbetrieben lässt sich das nicht realisieren“, vermutet Hans-Peter Kreutz, Inhaber der Schreinerei Krupp Kreutz in Rastatt. Morgens gegen 7 Uhr findet in seinem Betrieb eine Besprechung statt. Sobald er den Auftrag an den Mitarbeiter übergibt, läuft die Zeit, bis dieser wieder am Standort zurück ist.

Vertrauen statt Kontrolle

„Wir arbeiten auf Vertrauensbasis“, erklärt der Unternehmer – etwa achteinhalb Stunden mit Pause. „Stechuhren wären ein erheblicher Verwaltungsaufwand“, so Kreutz. Dieser würde Kosten verursachen, die der Betrieb so schnell nicht zurückbekommt. „So lange wie wir auf Vertrauensbasis weiterarbeiten können, werden wir das auch machen“, betont er.

Arbeitnehmer und Arbeitgeber wünschen sich mehr Freiräume.

„Das Urteil geht an der Realität vorbei“, sagt auch Anemone Bippes, Vorsitzende der Mittelstands- und Wirtschaftsvereinigung der CDU/CSU für Baden-Baden und Rastatt. In Deutschland gebe es sowieso schon viele Bürokratie-Vorschriften. „Es wäre gerade jetzt sinnvoll, das starre Arbeitszeitgesetz zu modernisieren und Bürokratie abzubauen“, erklärt sie. „Arbeitnehmer und Arbeitgeber wünschen sich heute mehr Freiräume und keine Stechuhr.“ Das Urteil zur Zeiterfassung halte Bippes für den falschen Weg.

Zeiterfassung erleichtert Fürsorge

„Ich sehe die Arbeitszeiterfassung nur als positiv an“, betont hingegen Manfred Großmann, Personalchef im Landratsamt Rastatt. „Jede Führungskraft hat eine Fürsorgepflicht, der sie so besser nachkommen kann“, erklärt er. Das Arbeitszeitkonto kann eingesehen werden. So hätten beide Seiten einen Nachweis über Überstunden und Pausen. Alles werde genau dokumentiert, ergänzt Großmann. „Da man sich jederzeit aus- und wieder einbuchen kann, können Mitarbeiter sogar private Termine wahrnehmen.“

Nachweis über Heimarbeit

Zusätzlich bietet das System eine Basis, um über die Personalbemessung zu diskutieren, sagt er. „Damit die Mitarbeiter nicht überlastet werden.“ Die Flexibilität bleibe gewährleistet, betont der Personalchef. Jeder Mitarbeiter kann seine Stunden frei zwischen 6.30 und 19 Uhr erbringen. „Zudem ermöglicht die Zeiterfassung auch den Nachweis, wenn ein Mitarbeiter von Zuhause aus arbeitet“, sagt Großmann.

Schwierigkeiten in der Praxis

Diesen Vorteil sieht auch eine Gymnasiallehrerin aus dem Landkreis Rastatt: „Generell wünschen wir uns als Lehrer, man könnte unsere Arbeitszeit erfassen, da wir mit dem Vorurteil zu kämpfen haben, dass wir nachmittags frei hätten oder wenig arbeiten.“ Die Arbeitszeit zuhause für Vorbereitungen und Korrekturen werde oft nicht gesehen. In der Praxis sei eine Erfassung aber kaum vorstellbar.

Das war sehr aufwändig und zeitintensiv.

„Ich habe an einer Studie teilgenommen und vier Wochen lang meine Arbeitszeit aufgeschrieben“, erinnert sich die Lehrerin. „Das war sehr aufwändig und zeitintensiv.“ Bei der Arbeit zuhause unterbreche man eben immer wieder seine Tätigkeit oder man schreibe am Abend noch Mails vom Sofa aus. „Wie soll man das erfassen?“, fragt sie sich. Da es an der Schule keine Dienstrechner gebe, sei das digital nicht möglich. „Zudem wird das Korrigieren eben nicht am Computer gemacht“, ergänzt sie. Das Urteil stelle auch in Hinsicht auf Klassenfahrten ein Problem dar: Denn da seien Lehrer im Grunde 24 Stunden im Dienst.