Das Landgericht Offenburg hat einen 38-jährigen Asylbewerber vom Vorwurf des Mordes freigesprochen - dabei sah es die Tat als erwiesen an. | Foto: Löhnig

Wahnvorstellung führte zur Tat

Arztmord in Offenburg: Täter kommt in die Psychiatrie

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Mit dem erwarteten Freispruch für den Angeklagten endete an diesem Dienstag in Offenburg der Mordprozess gegen einen 38 Jahre alten Mann aus Dschibuti. Er wird nun in eine Psychiatrie eingeliefert.

Der Asylbewerber hatte am 16. August vergangenen Jahres in der Offenburger Aenne-Burda-Allee einen Arzt in seiner Praxis mit außergewöhnlicher Brutalität getötet. Er war offenbar überzeugt, der Mediziner habe ihn bei einer Blutentnahme im Jahr 2016 vergiftet. Der Mann ist nach Ansicht der Schwurgerichtskammer schuldunfähig und wird in die Psychiatrie eingewiesen.

Gericht betrachtet Täterschaft als erwiesen

Das Gericht sprach von mindestens 30 Messerstichen, die so massiv ausgeführt wurden, dass sie teilweise sogar Knochen verletzten. Die Kammer sah die Täterschaft des Mannes nach der fünftägigen Hauptverhandlung zwar als erwiesen an, geht aber davon aus, dass er dabei in einem Wahn gehandelt habe, so dass seine Steuerungsfähigkeit entweder eingeschränkt oder ganz aufgehoben war. Deshalb, so Richter Heinz Walter in seiner Urteilsbegründung am Nachmittag, habe man nach dem Zweifelsgrundsatz davon ausgehen müssen, dass der Mann nicht schuldfähig war.

Ein Freispruch sei, so Walter vor vollen Zuhörerrängen im Saal 2 des Offenburger Landgerichts, die „einzig richtige und einzig mögliche Konsequenz aus den Prinzipien unserer Rechtsordnung“. Da der Mann weiter gefährlich sei, werde er in eine psychiatrische Klinik eingewiesen. Dies bedeute eine „besonders beschwerende Maßnahme, ähnlich einer Sicherungsverwahrung“, betonte Walter, dessen Urteil im Publikum zunächst mit Raunen aufgenommen worden war.

Lebenslang in die Psychiatrie?

Damit der Mann wieder frei komme, müsse eine weitere Gefährdung für sich oder andere „ohne jeden Zweifel ausgeschlossen sein“. Dies sei eine hohe Hürde, die nicht selten zu einem tatsächlich lebenslangen Freiheitsentzug führe – etwa jeder zehnte Mensch verbringe nach solch einer Einweisung sein gesamtes Leben in der Psychiatrie.

Dem Angeklagten hatte bereits der psychiatrische Sachverständige Stephan Bork in seinem Gutachten eine düstere Prognose ausgestellt – und starke Zweifel daran geäußert, ob eine Behandlung hier zum Erfolg führe werde. Auch Richter Walter betonte am Dienstag, dass der Mann „ohne jede Krankheitseinsicht“ sei, auch während einer sechsmonatigen Unterbringung in der forensischen Psychiatrie auf dem Hohenasperg hätten die Ärzte ihn nicht erreichen können.

Ausweisung unter Umständen möglich

Deshalb sei davon auszugehen, dass der „Vergiftungs- und Beeinträchtigungswahn“, der den Mann letztlich zu der Tat geführt habe, fortbestehe – und sich möglicherweise wieder gegen andere Menschen in seinem Umfeld richten werde.

Der Offenburger Fall wirft eine schwierige Rechtsfrage auf: Da der Mann, von dem man inzwischen annimmt, dass er 38 Jahre alt ist und aus Dschibuti stammt, sich zunächst als Somalier ausgegeben hatte, könnte die Ausländerbehörde nun unter Umständen seine Ausweisung verfügen. Denn nur als Somalier konnte er nach der Ablehnung seines Asylantrags im Jahr 2017 auf den so genannten „subsidiären Schutz“ vertrauen, der ihm einen Verbleib in Deutschland garantierte.

Noch keine einschlägige Regelung

Laut Kai Stoffregen, Ankläger in dem Offenburger Verfahren, werde aber die Anklagebehörde in so einem Verfahren angehört – und bei einer Zustimmung zu einer Ausweisung müsse man auch die Möglichkeit in Betracht ziehen, dass jemand nach einiger Zeit wieder ins Land zurückkomme. Zu einem solchen Fall gebe es noch keine einschlägige Rechtsprechung, so der Staatsanwalt am Rande des Prozesses.