Reta Pelz ist seit Januar neue Chefärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie in der Klinik an der Lindenhöhe Offenburg. Sie ist die Nachfolgerin von Ulrich Strehlow. | Foto: Christine Storck

Mediclin Klinik in Offenburg

Bedarf der Kinder- und Jugendpsychiatrie wächst

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In der Kinder- und Jugendpsychiatrie der Mediclin Klinik an der Lindenhöhe gibt es eine neue Chefärztin: Reta Pelz hat am 2. Januar die Nachfolge von Ulrich Strehlow angetreten, der im Sommer 2018 in den Ruhestand ging. Die 42-Jährige hat gleich alle Hände voll zu tun, denn Ende März soll ein neuer Akutbereich mit fünf Plätzen für Krisenintervention eröffnen. Für 2019 steht zudem die Erweiterung der psychiatrischen Institutsambulanz (PIA) an. „Der Bedarf wächst“, stellt Pelz fest.

Moderne Räume für Akutplätze

Jedes fünfte Kind hat psychische Probleme, jedes zehnte benötigt eine Behandlung, sagt Reta Pelz, neue Leiterin der Kinder- und Jugendpsychiatrie der Klinik an der Lindenhöhe. Die Notfallquote in der Einrichtung – zum Beispiel wegen Selbstmordgefahr – liege bei rund 60 Prozent. „Das ist hoch“, meint sie. Die fünf Akutplätze, die zuvor in der Kinder- und Jugendstation integriert waren, bekommen im Frühjahr eigene, moderne Räume. „Gerade Akutpatienten brauchen Stabilität, eine reizarme Umgebung und Ruhe“, erklärt die Chefärztin. Aber auch für die stationären Abläufe sei eine Trennung der Bereiche von Vorteil. Doch die Plätze sollen auch für schwerer Erkrankte zugänglich sein, die intensiver betreut werden müssen.

Bedarf an psychiatrischer Versorgung wächst

Zurzeit bietet die Kinder- und Jugendpsychiatrie an der Lindenhöhe in Offenburg 25 vollstationäre Plätze sowie zehn in der Tagesklinik an, an der Außenstelle Rastatt gibt es weitere zehn Plätze. Der Einzugsbereich der Einrichtung ist groß: Er erstreckt sich vom Ortenaukreis über Rastatt und Baden-Baden bis nach Emmendingen. „Dafür haben wir eigentlich nicht genug Kapazität“, sagt Reta Pelz. Denn der Bedarf an psychiatrischer Versorgung wachse seit Jahren. Diese Tendenz habe verschiedene Gründe: Druck und Leistungsanforderungen in der Gesellschaft nehmen zu, wenngleich Erkrankungen heute schneller und differenzierter erkannt würden. Schüler im achtjährigen Gymnasium (G8) würden zum Beispiel oft mit Stress kämpfen, selbst Grundschüler hätten bereits einen vollgepackten Terminkalender. „Stressbezogene Krankheiten gibt es schon bei Kindern“, sagt Reta Pelz. Auch die sozialen Medien tragen einen Teil dazu bei: Nach einer aktuellen Studie sind mehr als 85 Prozent der Zwölf- bis 17-Jährigen täglich dort unterwegs. Bis zu drei Prozent zeigen Symptome einer Abhängigkeit.

Monatelange Wartezeiten

Aber in der Region – wie auch in ganz Baden-Württemberg – seien für die vielen Patienten nicht genug Betten vorhanden. Wartezeiten, selbst für ambulante Termine, von bis zu drei Monaten seien keine Seltenheit. „Es ist seit Jahren ein Kampf mit der Politik und den Kostenträgern, der nicht nur uns, sondern auch die Nachbarkliniken betrifft“, berichtet Pelz. Lediglich akut lebensgefährdete und gefährdende Patienten werden sofort aufgenommen.

Jedes fünfte Kind Opfer von Übergriffen

Die Chefärztin will deshalb den ambulanten Bereich in der Kinder- und Jugendpsychiatrie stärken, um zeitnahe Termine anbieten und stationäre Aufenthalte möglichst vermeiden zu können. Innerhalb der psychiatrischen Institutsambulanz (PIA) ist für dieses Jahr der Bau von zwei neuen Behandlungsräumen und einem Besprechungsraum geplant. Auch die Traumatherapie für den Kinder- und Jugendbereich würde Reta Pelz in Zukunft gerne ausbauen. „Es gibt eine große Dunkelziffer, aber es wird davon ausgegangen, dass jedes fünfte Kind schon Übergriffe erlebt hat“.

Tagesklinik ist durchgängig belegt

„Die Wahrscheinlichkeit, dass nach sexueller Gewalt eine Krankheit entsteht, ist groß, aber komplexe posttraumatische Belastungsstörungen werden oft verkannt“, sagt Reta Pelz. Je früher behandelt werde, desto besser die Prognose. Durchgängig zu 100 Prozent belegt ist laut Pelz die Tagesklinik der Kinder- und Jugendpsychiatrie, die schon vor ein paar Monaten in einen neuen Trakt umgezogen ist. Reta Pelz hat vor ihrem Wechsel nach Offenburg zwei Jahre lang die Kinder- und Jugendpsychiatrie an der Kitzberg-Klinik in Bad Mergentheim geleitet. Davor war sie sechs Jahre lang leitende Oberärztin der Kinder- und Jugendpsychiatrie in Karlsruhe.

Die Klinik verfügt am Hauptstandort Offenburg auch über 106 Betten und 22 tagesklinische Plätze für Erwachsene. Für Belastungsspitzen stehen weitere sechs Betten bereit.
Dafür wurden 2018 einige Therapeutenzimmer in Behandlungszimmer umgewandelt, sagte der kaufmännische Direktor Karlheinz Schneiderchen auf Nachfrage. Darüber hinaus biete die Einrichtung auch eine ambulante Versorgung über eine psychiatrische Institutsambulanz an. Ende 2019 stehen weitere personelle Veränderungen an: Ulrich Frommberger, Chefarzt der Erwachsenenpsychiatrie, geht in den Ruhestand. Auf einem Symposium anlässlich des 20. Klinikjubiläums im Herbst soll er verabschiedet werden. Ein Nachfolger steht laut Klinik noch nicht fest. tor

Von unserer Mitarbeiterin Christine Storck