Wie geht es weiter? Die Zukunft des Kehler Klinikums ist weiter unklar, der Schließungsbeschluss steht. OB Toni Vetrano sieht das Haus durch die jüngsten Reformbeschlüsse gestärkt. | Foto: Lukas Habura/Archiv

Zukunft des Klinikums Kehl

Oberbürgermeister Vetrano: „Wir brauchen Achern“

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Ein dreiviertel Jahr nach dem Beschluss über die Agenda 2030 arbeiten sich Teile von Politik und Gesellschaft im Hanauerland und dem Renchtal noch immer an den Details der Krankenhausreform ab. Das verwundert nicht – ungeachtet der „Überprüfungsklausel“, die auf der Zielgeraden noch in den Beschluss eingefügt wurde, stehen die Kliniken in Kehl und Oberkirch vor dem Aus. Zu den lautesten Kritikern gehört der Kehler Oberbürgermeister Toni Vetrano. Mit ihm sprach unser Redaktionsmitglied Frank Löhnig.

 

Herr Vetrano, Hand aufs Herz: Wie groß sind die Chancen,
dass es, sagen wir mal 2035, in Kehl noch ein Krankenhaus gibt?

Toni Vetrano: Das hängt vom politischen Willen des Kreises ab. Das Kehler Haus liefert derzeit sehr stabile Zahlen, der Kreis investiert erfreulicherweise gerade in all seine Kliniken, sodass sie bis zur Reform im Jahr 2030 uneingeschränkt arbeiten können. Die spannende Frage wird sein, wie es danach weitergeht – für mich ist die zentrale Frage, wie es dann mit der Notfallversorgung aussieht. Das bewegt die Menschen. Bei planbaren Operationen gehen sie schon heute an das Haus, wo sie sich am besten versorgt fühlen. Ein zweites Problem ist die Perspektive für die Mitarbeiter – wer bewirbt sich schon in eine Klinik, bei der schon auf dem Papier steht, dass 2030 Schluss ist?

In Kehl hat man sich lange gegen die Verlegung der Gynäkologie nach Achern gewehrt. 2018 ist es geschehen – können Sie damit leben?

Vetrano: Als die Geburtshilfe von Kehl wegging, hat man gesagt, dass die Gynäkologie nun gestärkt werden soll. Diese Stärkung ist nicht eingetreten. Jetzt aber stelle ich fest, dass die aktuelle Struktur mit der Verlegung der Orthopädie nach Kehl das Haus in seiner Gesamtheit gestärkt hat. Wäre alles beim Alten geblieben, wären wir in den kommenden Jahren nach und nach schwächer geworden.

Nun ist die Debatte über das gesamte Reformpaket wieder hochgekocht, als sich Kreis und Stadt öffentlich auf den Holderstock für den Offenburger Klinikneubau festgelegt haben. Auch Sie haben sich zu Wort gemeldet. Was spricht denn gegen den Holderstock?

Kehls Oberbürgermeister Toni Vetrano. | Foto: Stadt Kehl

Vetrano: Der ganze Agendaprozess wurde bislang mit dem Blick auf den Standort Windschläg diskutiert, auf dieser Grundlage kam die Mehrheit im Kreistag zustande. Mich ärgert, dass dieser Standort so lange öffentlich kommuniziert wurde, obwohl er für Offenburg nie eine Option war. Ich will jetzt nicht sagen, dass wir dem Landrat auf den Leim gegangen sind, Frau Schreiner hat als Offenburger OB schließlich immer gesagt, dass Windschläg keine Option ist. Sollte jetzt aber auch der Holderstock scheitern, dann stellt sich schon die Frage, wie die Menschen in Kehl oder Oberkirch versorgt werden – eine Klinik im Offenburger Süden könnte das kaum leisten.

Nun wird ein Standort in Appenweier ins Gespräch gebracht, der bisher nie Thema war und der dazu führen könnte, dass das Land über den Neubau in Achern neu nachdenkt. Mal im Ernst: Macht es für den Kehler einen Unterschied, ob er nach Appenweier, Windschläg oder in den Holderstock führt? Doch eher nicht.

Vetrano: Nein, das macht keinen Unterschied, aber das ist auch nicht das Thema. Wir haben auf der Grundlage von Windschläg entschieden, obwohl das nie eine Option war – und obwohl die Agenda auch durchgegangen wäre, wenn es diesen Standort nie gegeben hätte. Jetzt aber müssen wir eingehend über die Verkehrsinfrastruktur reden. Man denke nur an die täglichen Staus morgens auf der B3 in Richtung Offenburg. Wie soll da ein Rettungswagen durchkommen? Kurzum: Mit einer adäquaten Notfallversorgung in Kehl und Oberkirch spielt es letztlich eine untergeordnete Rolle, wo im nördlichen Bereich um Offenburg die Klinik steht.

Wann wäre ein Neubau in Achern verzichtbar?

Vetrano: Wenn ich das territorial betrachte, dann stellt sich die Frage, ob Achern ein neues Haus braucht, umso dringender je weiter das Zentralklinikum Richtung Norden rückt. Wen ich mir aber die Ziele der Agenda 2030 vor Augen führe, dann brauchen wir Achern, ob die Offenburger Klinik nun am Holderstock steht oder in Windschläg.

Wie lange müssen wir noch über die Agenda 2030 streiten?

Vetrano: Das Thema Gesundheit und Kliniken wird nie abzuschließen sein. Es muss fortgeschrieben werden, man denke nur an die Entwicklung bei der Personalgewinnung oder den medizinischen Fortschritt. Vielleicht müssen wir in einigen Jahren den Mut haben, zu sagen, dass die Dinge nun doch anders sind als wir sie gesehen haben. Zunächst einmal finde ich gut, dass die kleine Reform, das „Modell Landrat“, die Häuser stabilisiert hat.