Lahr Atombomben
Der Lockheed F-104 Starfighter, hier ein Archivbild eines Jets der US-Streitkräfte von 1965, sollte die Atombomben ins Ziel bringen. Erst 1971, so zeigen Archivrecherchen eines Historikers, wurden die Nuklearwaffen aus Lahr abgezogen. | Foto: dpa

US-Soldaten stationiert

Historiker: Auch in Lahr lagerten Atombomben

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Gerüchte über Atombomben auf dem Lahrer Militärflugplatz gab es immer wieder. Nun hat der junge Historiker Werner Schönleber aus Meißenheim-Kürzell in der Forschungsliteratur Belege für ihre Existenz gefunden: In der ersten Phase von September 1962 bis Oktober 1964 waren es US-amerikanische Atomsprengkörper des Typs MK 28 mit einer Sprengkraft von 1.100 Kilotonnen.

Von Heinz Siebold

Die Bomben sollten von „Mirage“-Jets der französischen Luftwaffe aufgenommen und im Rahmen ihrer „strike role“ innerhalb der Nato im Tiefflug über ausgewählte Ziele abgeworfen werden. Die franko-amerikanische Zusammenarbeit in Lahr endete, als Frankreich aus der Kommandostruktur der Nato austrat.

Von 1968 bis 1971 übernahmen dann die in Lahr nachgerückten kanadischen Luftstreitkräfte den atomaren Bereitschaftsdienst – zuletzt mit den hochgradig absturzgefährdeten Starfighter-Kampfflugzeugen.

Zugang zu gesicherten Militärakten

Die Untersuchungen über die französische Phase hat Historiker Schönleber in einem Artikel des französischen Militärexperten Aurélien Poilbout in der wissenschaftlichen Zeitschrift Revue Historique des Armées gefunden und mit eigenen Recherchen überprüft.

Wie sich die amerikanisch-kanadische Nuklearpartnerschaft entwickelte, hat dagegen der Atomwaffenspezialist John Clearwater aus Ottawa in seinem Buch „Canadian Nuclear Weapons: The Untold Story of Canada’s Cold War Arsenal“ beschrieben.

Sowohl Poilbut als auch Clearwater hatten Zugang zu Militärakten, die anderen – Historikern oder Publizisten – bislang verwehrt wurden. Dabei handelt es sich um das kanadische Nationalarchiv und das französische Militärarchiv in Paris.  „Es wird allseits gemauert“, klagt Werner Schönleber, der sich im Rahmen seiner Doktorarbeit ganz gezielt mit der kanadischen Militärpolitik in Deutschland befasst.

Atombomben zur Wartung geflogen

So ist vieles noch offen. Dass die wohl insgesamt 15 Atomsprengkörper in Lahr – später wurden sie durch den Typ MK 57 mit höherer Sprengkraft ersetzt – nie zu Übungsflügen an die Düsenjäger gehängt wurden, scheint sicher. Doch zur Wartung wurden die Bomben schon mal mit Transportmaschinen in andere US-Luftwaffenstandorte wie Sembach und Zweibrücken und zurück nach Lahr geflogen.

Geübt wurden die Einsätze mit Attrappen in Frankreich und auf Sardinien. Vier Maschinen (später zwei) wurden auf dem Lahrer Flugplatz in einer abgeschotteten Zone rund um die Uhr in Bereitschaft gehalten. Ein „Dual Key Arrangement“ regelte, dass französische oder kanadische und amerikanische Offiziere gleichzeitig den Einsatzbefehl geben mussten. In der Sicherheitszone durfte sich nie jemand allein den atomar bewaffneten Maschinen nähern.

Lahr Atombomben
Da war es schon vorbei: Kundgebung gegen Nuklearwaffen 1983 vor dem kanadischen Flugplatz in Lahr. Bis 1971 standen startbereite Jets mit Atombomben in den Hangars. | Foto: Michael Bamberger

Das Ende der nuklearen Zusammenarbeit in Lahr kam mit dem 1968 gewählten kanadischen Premierminister Pierre Trudeau. Der Vater des heutigen Amtsinhabers Justin Trudeau wollte eine atomwaffenfreie Armee und eigentlich auch die Präsenz in Deutschland beenden. Auch aus finanziellen Gründen.

Es soll der damalige Verteidigungsminister Helmut Schmidt (SPD) gewesen sein, der Trudeau Senior diese Absicht ausredete. Die Bundesregierung und die Nato köderten die kanadische Armee mit der Möglichkeit, ihre verstreuten Truppen in Nordrhein-Westfalen und Frankreich am Standort Lahr als selbstständiges europäisches Headquarter zu bündeln, so der Historiker.

Kanadier verlagerten Jets nach Söllingen

Die amerikanischen Atomwaffen wurden im Oktober 1971 an die US-Airbase Sembach in Rheinland-Pfalz zurückverlegt, die Kanadier gaben die „strike role“ auf und verlagerten ihre Kampfjets nach Söllingen und die Panzerbrigade von Soest nach Lahr. Die Gerüchte über Atombomben blieben aber.

Auf ihre bohrenden Fragen bekamen die 1980 neu in den Lahrer Gemeinderat gewählten Grünen keine Antworten, ihre Anfragen wurden regelmäßig abgeschmettert. „Wir wurden als Störenfriede angesehen“, schaut Claus Vollmer mit einer gewissen Bitterkeit zurück.

Die Ortsvereine der Grünen in Lahr und Lichtenhagen hatten 1988 eine Studie des Forschungsinstituts für Friedenspolitik in Starnberg erstellen lassen, um die Funktion des kanadischen Hauptquartiers in Europa zu untersuchen. Letztendlich wurde der Beweis damals nicht gefunden.

Atomares Geheimnis war gut gehütet

Das atomare Geheimnis auf dem Flugplatz wurde so gut gehütet wie die Anwesenheit US Soldaten in Lahr. Im Straßenbild waren sie nicht zu sehen. In den Akten des Stadtarchivs finden sich nur wenige Hinweise, darunter ein Kondolenzschreiben des damaligen Oberbürgermeisters nach dem Mord an US-Präsident John F. Kennedy im November 1963 an den wohl leitenden US-Offizier Orwell Hayes in der Tramplerstraße. Und eine Einladung an neun US-Offiziere zu einer Stadtrundfahrt 1963.

Dass in Lahr tatsächlich zeitweise Atomwaffen stationiert waren, sieht Stadthistoriker Thorsten Mietzner „schon als einen neuen dramatischen Akzent“ an. Lahr war als kanadisches Hauptquartier und durch die Atomwaffen vermutlich vorrangiges Angriffsziel.