Nach Ausschreitrungen in den Kehler Freibädern hat sich die Lage halbwegs beruhigt - dank massiver Präsenz von Polizei und Security. | Foto: Thissen

Nach Ausschreitungen

In den Kehler Bädern herrscht ein brüchiger Waffenstillstand

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Die Aufregung hat sich gelegt, das Wetter ein wenig abgekühlt. Dies gilt offenbar auch für die erhitzten Gemüter in den Kehler Freibädern. Seit Verwaltungen und Polizei auf beiden Rheinseiten ein klares und gemeinsames Konzept gegen die vor allem von Jugendlichen aus der Nachbarstadt Straßburg befeuerten Ausschreitungen ausgetüftelt haben, herrscht Ruhe – zumindest halbwegs.

Der Preis: Hohe Präsenz von Polizei, Security und Mitarbeitern der Kommune in den beiden Freibädern in Kehl und Auenheim. Daran will die Stadt auch festhalten, sagt Oberbürgermeister Toni Vetrano im Gespräch mit ABB-Redakteur Frank Löhnig. Gelöst ist das Problem damit nicht – aber leidlich im Griff.

Gab es zuletzt noch Vorfälle in den beiden städtischen Bädern?

Vetrano: Das kommt darauf an, was man unter Vorfällen versteht. Es gab jedenfalls keine Badräumungen mehr, aber zuletzt immer wieder Funde kleinerer und in einem Fall auch größerer Mengen Betäubungsmittel. Und natürlich ab und an ein Hausverbot – wegen unangepassten Verhaltens oder wegen der falschen Badebekleidung. Einige akzeptieren das, aber zwischendurch meint immer mal wieder einer, den Bademeister bedrohen zu müssen. Wir erstatten regelmäßig Anzeige, wegen der Drogen ebenso wie bei Bedrohungen.

Gemeinsame Konzeption vorgestellt: Polizeipräsident Reinhard Renter und der Kehler OB Toni Vetrano. | Foto: Stadt Kehl

In Düsseldorf hat ein Bad jetzt Ausweispflicht eingeführt und das Tragen farbiger Bändchen verordnet, um illegale „Gäste“ gleich zu erkennen. Gibt es in Kehl ähnliche Pläne?

Vetrano: Die Düsseldorfer hatten im Vorfeld ihrer Krisensitzung am Montag mit uns Kontakt aufgenommen und wir haben unsere Erfahrungen ausgetauscht. Die Ausweispflicht und die Bändchen waren hier in Kehl immer mal wieder Thema, wurden auch von Bürgern vorgeschlagen. Doch so weit sind wir noch nicht. Unser jetziges Konzept greift – das liegt auch daran, dass sowohl unsere französischen Partner wie auch Innenminister Strobl uns geholfen haben, schnell und konsequent zu reagieren. Im Moment sind wir außerdem dabei, unsere Zäune zu ertüchtigen. Das dauert, es reicht an vielen Stellen nicht aus, wenn man einfach nur Stacheldraht oben draufpackt.

Seit fast 20 Jahren gibt es in Kehl französische Mediatoren, die genau solche Situationen wie im Juni verhindern sollen. Ist dieses ursprünglich erfolgreiche Konzept an seine Grenzen gelangt?

Vetrano: Das Problem ist, dass wir teilweise Konflikte aus den Straßburger Vorstädten importieren. Da gibt es rivalisierende Jugendbanden mit einem erstaunlich ausgeprägten Terretorialverhalten. Das war auch der Grund für eine besonders heftige Auseinandersetzung im Juni in unserem Bad – da sind zwei solche Gruppen aufeinandergetroffen und wollten gerade beginnen, ihre Streitigkeiten auszutragen. Da kommen natürlich die Mediatoren auch an ihre Grenzen. In einem Fall wurde einer von ihnen bereits bedroht – mitsamt seiner Familie. Das geht natürlich gar nicht, die Sache liegt bei der Polizei.

Wie gehen denn die Bademeister damit um? In den sozialen Netzwerken kursieren Videos aus anderen Bädern, da kann einem angst und bange werden.

Vetrano: Das liegt auf der Hand, dass sich die Bademeister nicht wohl fühlen in dieser Situation. Es ist schon vorgekommen, dass sich eine Traube von Jugendlichen um den Bademeister versammelte, wenn der einem von ihnen ein Hausverbot aussprechen wollte – so nach dem Motto, was machst Du da mit unserem Kumpel?! Wir haben inzwischen zwölf Security-Mitarbeiter in Kehl und vier in Auenheim, dazu den Kommunalen Ordnungsdienst, Polizei und Bereitschaftspolizei.

Und wie geht es jetzt weiter?

Vetrano: Wir werden dieses Konzept bis Saisonende durchhalten, zumindest so lange wie das Wetter gut ist.

Warum hat sich das in diesem Sommer so hochgeschaukelt?

Vetrano: Das Phänomen ist nicht neu. Wir haben die Mediatoren seit fast 20 Jahren, weil es auch damals schon Zwischenfälle gegeben hat – damals wurden teilweise Badegäste abgelenkt und dann bestohlen. Das Konzept hat lange funktioniert, doch bereits im vergangenen Jahr hatte sich die Situation zugespitzt, wenn auch nicht so deutlich wie dann im Juni diesen Jahres. Ob es an der Tram liegt, weil man noch schneller von Straßburg nach Kehl kommt? Durch die Tram kommen natürlich deutlich mehr Menschen nach Kehl als vorher. Es kommen aus allen Altersgruppen und Schichten mehr Menschen. Die Tram macht es allen deutlich leichter, nach Kehl zu kommen. Mir geht es darum, dass wir hier Ursache und Wirkung nicht verwechseln. Die Vorfälle in zahlreichen anderen Städten – die haben keine neue Tram – deuten wohl eher darauf hin, dass das Aggressionspotenzial und die Gewaltbereitschaft insgesamt gestiegen sind.

Was bleibt zu tun?

Vetrano: Wir müssen die Harmonisierung der Regeln in den Bädern auf beiden Seiten des Rheins noch weiter voranbringen. Es scheint so, als ob einige Jugendliche das Gefühl haben, sie könnten sich bei uns in Deutschland gehen lassen. Das liegt vielleicht auch an äußeren Faktoren wie den Raucherzonen, die es in Straßburg lange schon nicht mehr gibt. Dass man bei uns Shisha rauchen konnte, das hat natürlich auch eine bestimmte Klientel angezogen. Wir haben das Rauchen im Kernstadt-Bad zurzeit komplett verboten – wegen der Brandgefahr. Solche Dinge meine ich. Was wir auch noch machen wollen: Wir wollen rechtzeitig über das Internet informieren, wie voll das Bad ist. Wenn wir an der Kapazitätsgrenze sind, muss sich ja niemand mehr von Straßburg nach Kehl auf den Weg machen, um dann vor verschlossenen Türen zu stehen. Dann kann sich jeder über das Handy informieren. Allerdings werden wir das nicht mehr in der laufenden Badesaison umsetzen können.