"Hemmschwelle" für Gewalttäter? Im Frühjahr erhält die Polizei im Bereich des Präsidiums Offenburg ihre ersten Bodycams. | Foto: Gollnow

Polizeipräsidium Offenburg

Kriminalstatistik mit viel Licht und viel Schatten

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Das sind gute Nachrichten. Die Zahl der Wohnungseinbrüche im Bereich des Polizeipräsidiums Offenburg ist auf den niedrigsten Stand seit zehn Jahren gesunken, die Straßenkriminalität erreicht 2018 ein 20-Jahres-Tief, die Aufklärungsquote ist so hoch wie seit 20 Jahren nicht mehr. Heile Welt also zwischen Ringsheim und Rastatt? Ein zweiter Blick auf die Jahresstatistik der Polizei offenbart: So einfach ist es nicht.

Gewaltkriminalität bleibt ein Problem

Nicht überall sind die Zahlen glänzend. So erreicht die Gewaltkriminalität mit 1 241 Delikten ein Zehn-Jahres-Hoch. Auch die seit Jahren verfolgte gemeinsame Konzeption von Polizei und Staatsanwaltschaft, um die zunehmende verbale und körperliche Gewalt gegen Polizeibeamte einzudämmen, verfängt ganz offensichtlich nicht so recht: 307 Fälle bedeuten eine Zunahme von mehr als 20 Prozent gegenüber dem Vorjahreswert.

Bodycams als „Hemmschwelle“?

Polizeipräsident Reinhard Renter setzt seine Hoffnungen jetzt auf die sogenannten Bodycams, die dem Gegenüber des Polizisten im Einsatz ein wenig das Mütchen kühlen sollen: „Ich hoffe, dass hier eine neue Hemmschwelle eingezogen wird“. Noch in diesem Frühjahr wird die Kamera eingeführt. Ende April will die Polizei sie in Lahr vorstellen, Anfang Mai in Rastatt. Er freue sich, dass das Innenministerium noch einmal deutlich gemacht habe, dass bei Gewalt gegen Polizisten „null Komma null“ Toleranz gelten werde und dass die Staatsanwaltschaft Offenburg seit Jahren konsequent mindestens 50 Tagessätze bei Angriffen auf Polizisten aufruft – je nach Schwere des Falls auch deutlich mehr.

Häufigkeitsziffer bleibt auffällig

Auch sonst ist, bei allen positiven Tendenzen, längst nicht alles in Butter im Polizeipräsidium Offenburg. Das zeigt bereits die sogenannte Häufigkeitsziffer, also die rechnerische Zahl der Straftaten pro 100 000 Einwohner. Mit 5 849 liegt man auch 2018 weiter über dem Landesschnitt, inzwischen abonniert auf den vierten Platz hinter den Präsidien Stuttgarter, Mannheim und Freiburg und noch vor beispielsweise Karlsruhe.

Kehl mit landesweitem Spitzenplatz

Mehr noch. In Kehl erreicht die Häufigkeitszahl mit 15 422 einen landesweiten Spitzenwert, aber auch Offenburg und Baden-Baden liegen mit 11 444 und 7 621 über dem kreisweiten Schnitt, ebenso Lahr und Rastatt, die sich beide um 7 500 Straftaten pro Jahr und 100 000 Einwohner einpendeln.
Dabei sind die Schwerpunkte durchaus unterschiedlich. Ladendiebstähle, Warenkreditbetrug und Drogendelikte treiben die Zahlen in Kehl; in Offenburg häufen sich Körperverletzungsdelikte und Sexualstraftaten, in Baden-Baden Fahrrad- und Taschendiebstähle, in Rastatt haben es die Langfinger nicht zuletzt auf Fahrräder abgesehen.

Probleme vor allem im Ortenaukreis

Generell darf gelten: Während die Entwicklung in Rastatt und Baden-Baden in weiten Bereichen durchweg positiv war, zieht der Ortenaukreis die Statistik an vielen Stellen nach unten. So ging die Zahl der Straftaten im Landkreis Rastatt im vergangenen Jahr um mehr als zehn Prozent zurück, im Stadtkreis Baden-Baden immer noch um 2,3 Prozent. Im Ortenaukreis dagegen steht ein Anstieg um vier Prozent zu Buche.
Besonders krass: Die Zahl der Drogendelikte hat sich im Ortenaukreis im vergangenen Jahr praktisch verdoppelt – auf 3 100. Zum Vergleich gab es 565 Vergehen im Kreis Rastatt, 191 in Baden-Baden. Das fällt, statistisch, kaum ins Gewicht.

 

Offene Drogenszene bekämpft

Bilanz gezogen: Karl-Heinz Ploß, Polizeipräsident Reinhard Renter und Kripochef Arno Englen. | Foto: Löhnig

Hintergrund dieser Entwicklung: die offene Drogenszene im Offenburger Pfählerpark, die die Polizei im vergangenen Jahr konsequent bekämpfte und – überraschenderweise – auch konsequente Eingangskontrollen im Europa-Park in Rust. Allein dort wurden im vergangenen Jahr rund 1 000 Drogendelikte mehr aufgedeckt als 2017, nicht selten durch französische Gäste, die mit Marihuana in den Park wollten. Auch sonst fördern die Eingangskontrollen dort einiges zutage: Immer wieder würden auch Taschenmesser beschlagnahmt – „es ist mir nicht erklärlich, warum man so etwas mit in einen Freizeitpark nimmt“, sagt Kripochef Arno Englen.

Neun Tote nach Rauschgiftkonsum

Am Thema Drogen will die Polizei dranbleiben, nicht nur, weil damit zu rechnen ist, dass die Rauschgiftszene im Offenburger Pfählerpark bei wärmeren Temperaturen sogleich wieder in Gang kommt: „Wir gehen davon aus, dass die Leute noch da sind“, sagt Polizeichef Renter. Auch ein Teil der Statistik: Neun Menschen starben im vergangenen Jahr am Drogenkonsum, einer mehr als 2017. Insgesamt hat die Polizei in diesem Deliktsbereich 3 400 Tatverdächtige ausgemacht.

Wohnungseinbrüche: Täter flexibel

Ein Thema bleiben auch 2019 die Wohnungseinbrüche. Zwar sank deren Zahl vom Extrem-Hoch mit 905 Fällen im Jahr 2016 wieder auf 643 ab, doch auch hier gilt: Die Sache ist nicht ausgestanden. Die Täter, sagt Kripochef Englen, seien extrem flexibel, „die stellen sich per Messenger-App sofort auf polizeiliches Wirken ein“. Zudem gilt auch hier: Im Ortenaukreis ist die Zahl der Einbrüche im vergangenen Jahr entgegen dem Trend nochmals gestiegen.

Viele Einbrüche scheitern

Einer der Schwerpunkte ist Lahr. Immerhin, in rund der Hälfte der Fälle bleibt es inzwischen beim Versuch, „die technischen Sicherungsmaßnahmen an den Häusern greifen“, sagt Karl-Heinz Ploß, kommissarischer Leiter der Polizeireviere im Präsidium.