Massiver Umbruch bei der ambulanten medizinischen Versorgung: Voraussichtlich jeder zweite Hausarzt in der nördlichen Ortenau wird in den kommenden fünf Jahren seine Praxis aufgeben oder übergeben. | Foto: Bernd Weissbrod/dpa

Kreisweite Erhebung

Massiver Engpass bei niedergelassenen Ärzten droht

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In der Ärztelandschaft im Ortenaukreis steht ein grundlegender Umbruch bevor. Jeder zweite Hausarzt in der nördlichen Ortenau will in den kommenden fünf Jahren seine Praxis aufgeben. Ob und wie er oder sie einen Nachfolger findet, das steht in den Sternen. Dies ist das alarmierende Ergebnis einer kreisweiten Erhebung, die das Landratsamt im Zusammenhang mit der Debatte um die Reform des Ortenau Klinikums im Sommer auf den Weg gebracht hatte. Jetzt liegen erste Daten daraus vor. Auch wenn die Umfrage nicht repräsentativ ist, so hat sie doch erhebliche Aussagekraft: Mehr als 55 Prozent der niedergelassenen Mediziner haben mitgemacht.

Jede dritte Praxis schließt oder wird übergeben

Auf den gesamten Kreis und die gesamte Ärztelandschaft berechnet, wird in den kommenden fünf Jahren jede dritte Praxis schließen oder in andere Hände übergehen – doch in der nördlichen Ortenau und besonders bei den Hausärzten ist die Situation noch dramatischer. Warum das so ist, das kann auch Evelyn Bressau, Leiterin der Arbeitsgruppe zur Sicherstellung der ambulanten medizinischen Versorgung beim Gesundheitsamt, nicht sagen. Doch es kann kaum einen Zweifel geben: Patienten, die bereits jetzt Schwierigkeiten haben, einen (neuen) Hausarzt zu finden oder die teilweise monatelang auf einen Termin beim passenden Facharzt warten, dürften sich in Zukunft kaum in einer komfortableren Situation wiederfinden.
Evelyn Bressau und Janina Feicke haben die Umfrage begleitet. Nun gibt es Ergebnisse. | Foto: red

Problem wird angegangen

Im Landratsamt kennt man das Problem und versucht, ihm zumindest die Spitze zu nehmen. Dazu gehören Werbeaktionen bei jungen Medizinern, die man für eine Praxisnachfolge in der Ortenau gewinnen möchte, zudem, unter anderem, die jetzt veröffentlichte Umfrage. Ein weiterer Ansatz: Die Bildung von Zentren, um dem Arzt zumindest teilweise von der überbordenden Verwaltungsarbeit zu entlasten.

57 Prozent der Ärzte nahmen an Umfrage teil

Rund 400 Hausärzte, Fachärzte und Psychotherapeuten antworteten auf die Befragung durch die Arbeitsgruppe, das sind knapp 57 Prozent der kreisweit niedergelassenen Mediziner. Demnach plant in den kommenden fünf Jahren etwa ein Drittel der Hausärzte und Fachärzte, die an der Umfrage teilgenommen haben, ihre Praxis abzugeben – mit regionalen Unterschieden.

Hohe Arbeitsbelastung der Mediziner

Die Suche nach einem Nachfolger gestalte sich sowohl bei den Hausärzten als auch bei den Fachärzten schwierig. Zudem zeige sich, dass alle befragten Gruppen unter hoher Arbeitsbelastung leiden. Dabei sei die wöchentliche Arbeitszeit älterer Ärzte erheblich höher als die der jüngeren. Außerdem bevorzugen jüngere Mediziner eher ein Angestelltenverhältnis: „Die Work-Life-Balance spielt auch hier eine immer wichtigere Rolle“, so Bressau, die Zwölf-Stunden-Bereitschaft an sieben Tagen in der Woche gerate zunehmend aus der Mode.

Altersdurchschnitt bei 55 Jahren

Dazu kommt ein Strukturproblem. Mit rund 55 Jahren liegt der Altersdurchschnitt der ambulant tätigen Ärzte im Ortenaukreis sogar noch leicht über dem hohen landesweiten Niveau. Janine Feicke, Leiterin der Geschäftsstelle der Kommunalen Gesundheitskonferenz: „Neue Berufsgruppen müssen in die Gesundheitsversorgung integriert werden, um die Ärzte beispielsweise von Verwaltungsaufgaben zu entlasten“. Ende November gab es eine Zukunftswerkstatt zum Thema „Ambulante gesundheitliche Versorgung im Ortenaukreis“, in der die Ergebnisse vorgestellt wurden.

Die Kommunale Gesundheitskonferenz (KGK) ist ein regionales Koordinierungs-, Beratungs- und Vernetzungsgremium bestehend aus verschiedenen gesundheitspolitischen Interessengruppen aus dem Landkreis. Das Gremium entwickelt Ziele und Handlungsempfehlungen für die regionale Gesundheitsförderung und Prävention, die medizinische Versorgung sowie die Pflege. Die Einrichtung Kommunaler Gesundheitskonferenzen ist im Landesgesundheitsgesetz verankert; das Land Baden-Württemberg stellt den Stadt- und Landkreisen entsprechende Fördermittel zur Verfügung, um Lösungen für gesundheitspolitische Fragestellungen vor Ort zu erarbeiten. Die KGK im Kreis besteht aus drei Gremien: dem Plenum, dem Lenkungskreis und den Arbeitsgruppen. Der Lenkungskreis bereitet die Plenumssitzungen vor und steuert die Arbeit der KGK. Die 64 Mitglieder des Plenums der KGK setzen sich zusammen aus delegierten Vertretungen der örtlichen Institutionen und Einrichtungen aus Gesundheitsförderung und Prävention, der medizinischen Versorgung, der Pflege, der Selbsthilfe und des Patientenschutzes. Hinzu kommen Experten aus weiteren Institutionen des Sozialbereiches, Vertreter der verschiedenen Kreistagsfraktionen sowie der Städte und Gemeinden.
Es sind die drei Arbeitsgruppen „Förderung der Gesundheitskompetenz der Bevölkerung“, Sicherstellung der ambulanten medizinischen Versorgung (sektorenübergreifende Versorgung)“ und „Nachwuchsgewinnung in Medizin und Pflege“ eingerichtet. red