Mühsame Suche nach der Wahrheit: Der Mordprozess gegen einen Asylbewerber geht an diesem Donnerstag in Offenburg mit der Aussage des psychiatrischen Sachverständigen in die fünfte Runde. | Foto: Patrick Seeger

Sachverständiger spricht nun

Mühsame Dialoge und viele offene Fragen im Mordprozess

Anzeige

Fünf nach zehn war die Flucht zu Ende. Zwei Hundeführer der Bundespolizei entdeckten am 16. August vergangenen Jahres an der Ecke Freiburger Straße/Okenstraße in Offenburg einen blutverschmierten Mann. Die Beschreibung passte, und dass die rechte Hand des Mannes in einem braunen Lederhandschuh steckte, erwies sich angesichts der auskömmlichen Temperaturen Mitte August als weiteres Indiz, dass hier etwas nicht stimmt. Nur eine gute Stunde zuvor waren die Beamten aus einer internen Besprechung in Kehl gerufen worden – nach dem brutalen Tod eines Offenburger Arztes hatte die Polizei eine Großfahndung ausgelöst.

Aus dem Handschuh quoll Blut

„Ich habe ihn gefragt, wo er herkommt und warum er blutverschmiert ist“, erinnert sich der 55 Jahre alte Beamte an diesem Mittwoch vor Gericht an den Moment der Festnahme. Ob der Verdächtige erregt gewesen sei, will der Vorsitzende Richter Heinz Walter wissen. „Er hat mich ganz fest angeschaut“, sagt der Zeuge, sei aber ruhig gewesen. Und ja, er habe schon den Eindruck gehabt, dass der Mann wisse, warum er jetzt festgenommen wird. Als man ihm den Handschuh ausgezogen habe, sei daraus Blut gequollen – die rechte Hand war verletzt.

Klare Zeugenaussagen

Der vierte Tag im Offenburger Arztmordprozess macht deutlich, warum sich das Gericht bei seinen aufwendigen Bemühungen um die Wahrheitsfindung weniger der Frage zuwendet, ob der angeklagte Asylbewerber – nach jüngsten Äußerungen aus Dschibuti stammend – die Tat begangen hat oder nicht. Die Zeugenaussage zahlreicher Polizeibeamter spricht hier eine recht deutliche Sprache. Dafür widmet sich Richter Heinz Walter ein weiteres Mal geduldig dem Versuch, die Persönlichkeit des mutmaßlichen Täters zu erkunden, und ihn zu ein paar Aussagen zu bewegen, die dem psychiatrischen Sachverständigen Stephan Bork eine Grundlage für sein am fünften Prozesstag erwartetes Gutachten liefert. Doch wie in den Tagen zuvor – der Austausch mit dem Mann, verkompliziert noch durch die Erfordernis eines Dolmetschers, erweist sich als schwierig. Man spricht nicht nur in einer Hinsicht unterschiedliche Sprachen.

Schwieriger Dialog

Als Beispiel mag der Dialog dienen, zu dem es kommt, als der Angeklagte nach mehrmaligen geduldigen Nachfragen des Gerichts seine bislang diffuse Behauptung, er sei „krank“, zur Klage über Magenschmerzen präzisiert hatte. Hier eine verkürzte Fassung des Gesprächs, das Richter Walter ein halbes Dutzend Mal durch die Aufforderung unterbricht: „Hören Sie mir doch zu.“

„Hören Sie mir doch zu“

Richter: „Wann hat das angefangen?“ – Angeklagter: „Eine Zeit lang“. – Richter: „Warum sind Sie nicht zum Arzt gegangen?“ – Angeklagter: „Ich war im Jobcenter, da konnte man mir nicht helfen.“ – Richter: „Waren Sie 2016 bei Dr. T. (dem getöteten Arzt)?“ – Angeklagter: „Damals hat er gesagt, Du bist gesund.“ – Richter: „Warum sind Sie wegen der Magenschmerzen nicht wieder zu Dr. T. gegangen?“ – Angeklagter: „Ich kenne diesen Arzt nicht, ich gehe dahin, wo das Sozialamt mich hinschickt.“ – Richter: „Haben Sie die Vorstellung, Sie seien zwei Personen?“ – Angeklagter: „Jetzt behauptet man, dass ich jemanden umgebracht habe.“

Vieles bleibt widersprüchlich

Dialoge wie dieser gehören noch zu den lichteren Momenten beim mühsamen Versuch des Gerichts, sich ein Bild von dem Mann zu machen. Doch vieles ist, bleibt, widersprüchlich. Da berichtet ein Justizbeamter von einer Auseinandersetzung in der Gefängniszelle, die so weit eskalierte, dass der Angeklagte in eine andere Zelle verlegt wurde. Er sei höchst erregt gewesen. Und wenig später sagt ein Polizeibeamter über den Streit in einem städtischen Asylbewerberheim aus, bei dem sich der Mann völlig normal verhalten habe – jedenfalls gemessen an der gerade schwelenden Auseinandersetzung. Sich daraus ein Bild von dem Angeklagten zu machen, der von sich selbst auch schon einmal distanzierend als „dieser Mann“ spricht und der vage über die „Arbeiter in der Regierung“ schwadroniert, das ist die wahre Herausforderung dieses Verfahrens. Denn die forensischen Beweise sprechen eine klare Sprache.

Blutspur verfolgt

Da ist die Schilderung eines Polizisten, der eine Blutspur quer durch die Oststadt verfolgte hatte, und da sind die kriminaltechnischen Untersuchungen, die an der Kleidung des Mannes zuhauf Blut des Opfers gefunden haben („das sind nicht meine Turnschuhe“), und da sind nicht zuletzt die Aussagen der Tatzeugen, die klar auf den Angeklagten hinweisen.

Wie heißt der Angeklagte?

Bleibt die Frage der Identität. Akribisch berichtet ein 58 Jahre alter Polizeibeamter dem inzwischen arg unter Zeitdruck geratenen Gericht, wie man Fingerabdrücke abgeglichen hatte und dass man diese letztlich zwei Namen zuordnete – ähnlich, aber durchaus unterschiedlich, und was einmal der Vorname ist, das ist im anderen Fall der Nachname. Ob die Botschaft von Dschibuti in Berlin das auflöst? Der Beamte gibt sich skeptisch: Üblicherweise dauere es zwei bis acht Monate, bis solche Dinge beantwortet sind, „und mit afrikanischen Staaten haben wir gar keine Erfahrung.“

Fortsetzung des Prozesses heute, 14. Februar,  um 8.30 Uhr; am frühen Nachmittag spricht voraussichtlich der psychiatrische Sachverständige Stephan Bork.