Corona Homeoffice
Die Kinder zu Hause, die Eltern im Homeoffice - das kann Familien auf die Probe stellen. | Foto: Christian Beutler

Leben in Zeiten von Corona

Offenburger Psychologin: Skypen hilft gegen den Lagerkoller während der Corona-Krise

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Drei Wochen unterrichtsfrei wegen der Corona-Krise, anschließend Osterferien. Die Schulen haben Arbeitsaufträge verteilt, viele Eltern arbeiten im Homeoffice. Dazu die täglichen Nachrichten rund um das neue Virus, das die Welt zunehmend lahm legt. Worauf es jetzt zu Hause ankommt und wie man gerade Kindern Ängste nehmen kann, erläutert die Offenburger Psychologin und Resilienz-Expertin Anke Precht im Interview.

Von Christine Storck

Als Eltern fühlt man sich – vor allem bei Grundschülern – in der Pflicht, jetzt alles optimal zu managen, damit sie schulisch am Ball bleiben. Wie funktioniert das am besten?

Anke Precht: Wichtig ist, Kindern einen guten Rahmen zu bieten, in dem sie lernen können, ähnlich wie in der Schule. Das bedeutet nicht nur einen Schreibtisch, sondern auch festgelegte Zeiten. Kinder sollten wissen, dass es nicht darum geht, möglichst viele Aufgaben vor ihren Eltern zu verstecken, damit sie schnell zocken oder spielen dürfen, sondern dass sie in der Schule sind, auch wenn die Umgebung eine andere ist. Der zeitliche Rahmen ist wichtig, weil Kinder dadurch schnell neue Gewohnheiten entwickeln, beziehungsweise die alten nicht verlieren.

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Wie kann man die Kinder im Lernen halten?

Precht: Kinder, die raus können, weil es einen Garten gibt oder Natur rings ums Haus, sollten auf jeden Fall vor dem Lernstart eine Runde an die frische Luft. Das ist vergleichbar mit dem Schulweg. Sie könnten etwas Gartenarbeit machen, Holz für den Kamin reinbringen oder eine Runde mit dem Fahrrad fahren, wenn das möglich ist. Ist Rausgehen keine Option, gibt es Workouts auf dem Wohnzimmerteppich mit Online-Anleitung oder gemeinsames Yoga. Gerade kleinere Kinder sollten merken, dass Eltern sich für ihr Lernen interessieren und zum Beispiel Aufgaben kontrollieren oder bei einem Aufsatz mit ihnen gemeinsam die Rechtschreibung durchgehen. Ältere Kinder bekommen das häufig leichter hin, wenn sie vorher schon selbstständig gelernt haben. Und am Wochenende ist kein Unterricht.

Anke Precht
Die Offenburger Resilienz-Expertin Anke Precht. | Foto: Markus Dietze

Wie kommt man aus dem familiären Lager-Koller während der Corona-Krise heraus?

Precht: Es ist wichtig, Kontakte zu halten, am besten per Telefon oder Skype oder einer Videokonferenz mit der Familie einschließlich Oma und Opa. Das verstärkt das Gefühl der Verbindung. Mail oder WhatsApp-Nachrichten sind nett, aber zu unverbindlich. Man könnte auch alte Freunde anzurufen, von denen man ewig nichts mehr gehört hat. Kinder gehen gern auf die Suche nach dem damals besten Freund aus dem Kindergarten oder dem Kumpel vom Campingplatz aus den vergangenen Sommerferien. Dann bekommen die Tage einen sinnvollen Inhalt, Kinder wie Erwachsene fühlen sich trotz Isolation eingebunden. In Italien verabreden sich junge Leute inzwischen per Videokonferenz zum Aperitiv und tauschen sich zu einer festen Zeit mit ihrer Clique aus. Diese Ideen können wir übernehmen.

Wie wir über die Auswirkungen des Coronavirus berichten
Auf bnn.de berichten wir zurzeit verstärkt über die wichtigsten Entwicklungen rund um Corona in der Region rund um Karlsruhe, Bretten, Pforzheim, Rastatt und Bühl. Jeden Tag schränken Kliniken die Besuchszeiten ein, Schulen schließen, Firmen schicken Mitarbeiter nach Hause. Es ist selbst für unsere Redaktion zeitweise schwierig, den Überblick zu behalten. Deshalb filtern wir für unsere Leser aus der Flut an Informationen, welche der vielen Corona-Meldungen wichtig sind – unter anderem in dieser Übersicht.
Alle Informationen prüfen wir, um keine Falschinformationen zu verbreiten. Viele Menschen, auch in unserer Redaktion, machen sich ohnehin Sorgen. Wir möchten sie informieren und nicht verunsichern.
Zwei unserer Kollegen befassen sich ausschließlich mit dem Thema Corona – als unsere internen Experten. Viele weitere BNN-Redakteure recherchieren täglich zu den Auswirkungen von Covid-19 in den Städten und Gemeinden der Region. Unsere Autoren sprechen mit Entscheidern in den Landratsämtern, Krankenhäusern und in Firmen. Gleichzeitig telefonieren sie (Betroffene treffen wir derzeit nicht persönlich) mit Menschen, die Cafés schließen, Veranstaltungen absagen oder zu Hause bleiben müssen.
So möchten wir dazu beitragen, dass Menschen in der Region sich auf dem aktuellsten Stand halten können, um die richtigen Entscheidungen für ihren Alltag und ihre Gesundheit zu treffen.

Die Nachrichten überschlagen sich, täglich gibt es neue Regelungen und Einschränkungen, die Angst machen können. Wie sollten Eltern in Bezug auf ihre Kinder damit umgehen?

Precht: Es bringt nichts, wenn Eltern ihre Angst zu verbergen versuchen und so tun, als sei alles in Ordnung. Kinder durchschauen das schnell, trauen sich aber nicht nachzufragen, weil sie verstehen: Das ist so schlimm, dass man nicht einmal darüber reden darf. Kinder vertragen eine ganze Menge. Es ist in Ordnung, sie sachlich zu informieren, ihnen etwa zu sagen, dass es nicht so schlimm wäre, wenn sie sich ansteckten, weil Kinder davon meistens nichts merken. Dass das aber gefährlich für die alte Dame im Erdgeschoss sein könnte, die den gleichen Türknauf benutzt und sich deshalb anstecken könnte. Eltern sollten ehrlich bleiben. Und etwas gegen die eigenen Ängste unternehmen, wenn sie welche haben.

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Wichtig ist es, in Krisenzeiten einen kühlen Kopf zu bewahren. Wie bekommt man das hin angesichts eines Virus, der die ganze Welt lahm zu legen scheint?

Precht: Nicht ständig Nachrichten über die Krise lesen. Wer sich täglich zwei Stunden mit Fallzahlen, schrecklichen Bildern aus Krankenhäusern und fallenden Aktienkursen beschäftigt, wird natürlich irgendwann ängstlich. Es ist in Ordnung, sich kurz zu informieren und sich dann zu fragen: Was kann ich konkret tun, damit ich gesund bleibe und alles regle, was jetzt wichtig ist? Eine weitere Strategie ist, anderen zu helfen, selbst wenn es nur Kleinigkeiten sind. Wer etwas tun kann, gewinnt gefühlt Kontrolle über die Situation, und sinnvoll ist es auch noch. Das stärkt das Gefühl von Wirksamkeit – ein ganz wichtiger Baustein von Resilienz, also psychischer Widerstandskraft.

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Kann man diese Widerstandsfähigkeit lernen?

Precht: Aber ja! Eine gute Selbstwahrnehmung gehört dazu, und eine gute Selbstfürsorge. Sinnvolle Tätigkeiten stärken Resilienz, genauso wie positive Beziehungen. Bewegung und eine gesunde Ernährung stärken die Psyche ebenfalls, wie auch eine generell positive Ausrichtung. Am besten kann man das trainieren, wenn die Dinge gerade nicht so gut laufen. Dazu haben nun viele Menschen viel mehr Zeit. Die Voraussetzungen sind also ideal, wenn man sich nicht gerade dazu entscheidet, die nächsten Wochen vor dem Fernseher zu verbringen.

Sind Menschen mit hohem Resilienzvermögen auch widerstandsfähiger gegen Krankheiten?

Precht: Indirekt. Menschen, die resilient sind, erleben meist weniger Ängste als andere, die sich den Umständen ausgeliefert fühlen. Ängste können aber mit der Zeit das Immunsystem schwächen. Das merkt man zum Glück nicht gleich nach ein paar Tagen. Langfristig spielt das jedoch durchaus eine Rolle.

Zur Person: Anke Precht ist Psychologin, Mentaltrainerin und Autorin diverser Ratgeber, unter anderem „Wie stricke ich mir ein dickes Fell“. Sie lebt und arbeitet in Offenburg.