Vom wahren Karlsruhe ins ursprüngliche Ettlingen: Ortsnamen in der Region sind Gucklöcher in die Vergangenheit: Wie sah die Natur damals aus? Wie sehr hat der Mensch seine Umgebung verändert?
Vom wahren Karlsruhe ins ursprüngliche Ettlingen: Ortsnamen in der Region sind Gucklöcher in die Vergangenheit: Wie sah die Natur damals aus? Wie sehr hat der Mensch seine Umgebung verändert? | Foto: dpa/BNN-Montage

Von Bruchsal bis Achern

Ortsnamen in der Region sind Gucklöcher in die Vergangenheit

Anzeige

„Nomen est omen“ – dieses lateinische Sprichwort ist bekannt. Frei übersetzt bedeutet es: „Der Name deutet schon darauf hin.“ Dies trifft in besonderem Maße auf die Namen der Orte und Städte in Deutschland zu. Denn diese sind wahre Gucklöcher in die Vergangenheit: Wie sah die Natur damals aus? Wer siedelte dort? Wie sehr hat der Mensch seine Umgebung verändert?

„Durch die Aufdeckung der Etymologie von Orts- oder Gewässernamen können wir das Rad der Zeit zurückdrehen und erhalten Rückschlüsse auf historische, geografische oder kulturelle Fakten“, erläutert Albrecht Greule. Der gebürtige Bühler ist emeritierter Professor an der Universität Regensburg. Er hat sich sein Leben lang mit Orts- und Gewässernamen beschäftigt.

Als Etymologie wird die Wissenschaft von der Herkunft und Geschichte der Wörter und ihrer Bedeutung bezeichnet. Aber welche Geheimnisse verbergen sich hinter Gaggenau, Bruchsal oder Ettlingen?

Ortsnamen gehen meist auf römische Besiedlung zurück

Wann genau die Orte in der Region ihre Namen bekommen haben, könne man nicht pauschal sagen, erklärt Greule: „Die meisten der alten Ortsnamen gehen auf die Besiedlung durch die Römer zurück. Das beste Beispiel dafür ist Baden-Baden, ursprünglich nur Baden, was von ‚zi badon‘, bei den Bädern, kommt. Pforzheim geht zurück auf ,portus’, das römische Wort für Hafen. Aber es gibt auch Orte, Landschaften oder Flüsse, die ihre Namen von den Kelten haben. Dazu gehören die Ortenau, die Murg, Kork – ein Stadtteil von Kehl – und Zeutern bei Bruchsal.“

Interaktive Karte (Tippen auf die Zahlen für die Lösung)


An diesen Beispielen wird deutlich, wie viel Vergangenheit durch Namen in die Gegenwart transportiert wird. „In Baden haben wir eine besondere Situation: Die Vorbergzone des Schwarzwalds konnte gut besiedelt werden. Aber es muss in der Rheinebene ein großes Sumpfgebiet – die Kinzig-Murg-Rinne – gegeben haben, der erst trockengelegt werden musste. Erst dann konnte das Gebiet besiedelt und den Orten Namen gegeben werden“, referiert der 76-jährige Sprachwissenschaftler.

Als die Ortenau noch eine Meeresfestung war

„Darauf deutet etwa die Ortenau hin. Dieser Landschaftsname geht auf die keltische Bezeichnung ,Moridunum’ zurück – eine Zusammensetzung aus ,mori’ für Meer und ,dunum’ für Festung. Mit Meer war in diesem Fall der Sumpf gemeint.“ Kork ist mit dem mittelirischen Wort „corcach“ verwandt, was ebenfalls Sumpf bedeutet.

„Auch die Murg geht auf ,morgia’ zurück, womit Sümpfe und feuchte Wiesen bezeichnet wurden. Der Ursprung des Namens Rhein ist mit dem mittelirischen Wort ,rian’ identisch, was ebenfalls Meer bedeutet“, erläutert Greule, der auch Experte für die Gewässernamen in der Region ist. Zeutern hingegen hieß früher „Teutodurnum“, eine Zusammensetzung aus „durno“ für Tür oder Tor und „teuta“. Dahinter verbirgt sich entweder der Personenname Teutos oder die Bezeichnung für Land oder Volk.



Auch der Name des Bundeslandes im Südwesten trägt keltisches Erbe in sich: So stammt Württemberg von der Bezeichnung „Wirodunum“ ab, die „Festung des Viros“. Und auch der Schwarzwald trug früher einen keltischen Namen: „Abnoba“, was in etwa „wasserreiches Gebiet“ bedeutet.

Was hat Bruchsal mit einem Sumpf zu tun?

Auf welcher Grundlage die Ortsbezeichnungen in der Vergangenheit ausgewählt wurden, ist laut Greule unterschiedlich. „Bei Bühl etwa ist es einfach – dabei handelt es sich um die alte Bezeichnung für einen Hügel. Bruchsal hat eine kompliziertere Herkunft. Dieser Name setzt sich zusammen aus den Worten ,bruch’ für Sumpf und ,saal’ für Herrenhof.“

Der Sprachwissenschaftler und gebürtige Bühler Albrecht Greule während eines Vortrags.
Der Sprachwissenschaftler und gebürtige Bühler Albrecht Greule. | Foto: Hackl

Häufig geht der Ursprung der Orte aber auch auf Personen zurück, erklärt Greule: „Gaggenau etwa war die Siedlung des Gacko, Gernsbach der Bach des Genner. In Ettlingen lebten die Leute des Attin, im Karlsruher Stadtteil Knielingen die Leute des Cnutil.“

Generell kann man nach Ansicht von Greule sagen, dass Ortsnamen mit der Endung „-ingen“ aus der Zeit der Völkerwanderung stammen: „Damals bildeten die Menschen noch einen Personenverband und folgten einem Anführer. Die Namen mit ,-heim’ sind jünger, die Siedler waren sesshaft geworden und empfanden diese Orte als ihre Heimat.“

Die Geheimnisse hinter „-au“, „-tung“ und „-hurst“

Andere Endungen lassen hingegen Rückschlüsse auf die Natur zu: „-ach“ bezieht sich auf ein fließendes Gewässer, „-au“ auf Land am Wasser. Das für Mittelbaden typische Suffix – sprich eine angehängte Silbe – „-weier“ weist auf ein Gehöft hin, wohingegen „-tung“ ursprünglich die Bezeichnung für eine in den Boden eingelassene und mit Dung bedeckte Vorratskammer war.

Für Greule interessant sind auch die „-hurst“-Namen wie in Gamshurst oder Unzhurst. Diese deuten darauf hin, dass es in der Vergangenheit an dieser Stelle entweder ein Gebüsch gegeben hat oder die Menschen eine heckenartige Schutzvorrichtung um ihre Siedlung herum errichtet hatten.

Steht Bretten in Zusammenhang mit einem Salzbergwerk?

Auch andere Ortsnamen verewigen die Arbeit der Menschen. So steht Bretten wohl in Verbindung mit einem Salzbergwerk alter Tage, die Herkunft des Namens Achern lässt Rückschlüsse auf die Flößerei zu. Wobei sich am Beispiel Bretten auch die Tücken der Forschung aufzeigen lassen. So heißt es auf einer Internetseite des Landesarchivs Baden-Württemberg, dass dieser Ortsname sehr schwierig zu erklären, aber „sicher nicht mit einer Saline in Verbindung zu bringen“ sei.

Auch (Karlsruhe-) Grötzingen ist ein sehr spannender Ort

Generell gebe es in der hiesigen Ortsnamenforschung einige Besonderheiten, sagt Greule: „Die Waldensernamen im Südwesten sind noch sehr schlecht erforscht – etwa die Wiernsheimer Stadtteile Pinache und Serres sowie Oberderdingen-Großvillars.“ Zudem sei die Bedeutung des Karlsruher Stadtteils Durlach noch nicht restlos geklärt. „Auch (Karlsruhe-)Grötzingen ist ein sehr spannender Ort, an der Pfinz trafen sich drei Römerstraßen“, erläutert der Forscher. „Das Siedlungszentrum muss damals in dieser Gegend gelegen haben.“

Auch in Zukunft wird die Ortsnamenforschung eine gewichtige Rolle spielen, schließlich scheint das Interesse für die Vergangenheit in der Bevölkerung gestiegen zu sein. Das stellt Greule ebenfalls fest. Allerdings hat diese Entwicklung für ihn eine Schattenseite.

Greule beklagt Dilettantismus

Denn Sprachwissenschaftler stellten immer wieder fest, dass dilettiert werde. „So deuten etwa Heimatforscher die Herkunft von Ortsnamen auf Basis mythologischer Theorien, sodass der Ursprung auf einmal in Indien liegt. Da fehlt es an den sprachwissenschaftlichen Grundlagen“, kritisiert der 76-Jährige.