Gefährlicher Leichtsinn: Auch Selfies an Bahngleisen führen immer wieder zu schweren Unfällen. | Foto: Andreas Arnold

Unachtsamkeit und Alkohol

Schwere Unfälle an Bahngleisen häufen sich in der Ortenau

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Es war der dritte Fall in der Ortenau in diesem Monat und der fünfte in der Region seit Jahresbeginn: In Appenweier wurde ein 16 Jahre alter Jugendlicher in der Nacht zum Mittwoch von einem Zug erfasst und schwer verletzt. Er hatte offenbar unachtsam die Gleise überquert, die Lok klemmte ihn an der Bahnsteigkante ein. Der unvorsichtige junge Mann hatte Glück: Er kam mit Prellungen und Quetschungen ins Krankenhaus, hat aber überlebt.

Mann von TGV erfasst

Erst wenige Tage zuvor war ein 30 Jahre alter Mann bei Legelshurst getötet worden. Ein TGV erfasste ihn, als er die Gleise überqueren wollte. Ein schwer verletzter Jugendlicher in Freudenstadt, ein 20 Jahre alter Mann, der nach eigenen Aussagen beim „Spazierengehen“ in Orschweier von einem Zug erfasst und schwer verletzt worden war, ein getöteter Jugendlicher auf den Schienen bei Freiburg – die Bundespolizei sieht sich einer auffallenden Häufung schwerer Unfälle gegenüber, die dem Anschein nach alle ein und die selbe Ursache haben: Leichtsinn.

Appelle werden nicht gehört

Die Appelle der für die Sicherheit an den Bahnanlagen zuständigen Bundespolizei verhallen, so scheint es, weitgehend ungehört. „Da schaut man oft in ungläubige Gesichter, wenn man erklärt, dass man so einen Zug unter Umständen gar nicht kommen hört und dass nur zwei Sekunden bleiben um zu reagieren“, erinnert sich Dieter Hutt, Sprecher der Bundespolizei in Offenburg, an die regelmäßigen Informationsveranstaltungen in den Schulen, bei denen auch immer wieder vor einer weiteren gefährlichen Mode gewarnt wird: Dem Selfie mit herannahendem Zug. Immer wieder hat es auch dadurch schwerste Unfälle gegeben.

Alkohol im Spiel

Die jüngsten Fälle aber sind wohl eher auf den Versuch zurückzuführen, noch mal eben die Gleise zu überqueren, sei es, weil Alkohol im Spiel ist, oder man eine Abkürzung nehmen will. Das hat immer öfter fatale Folgen – wie in Appenweier, als der 16-Jährige kurz nach Mitternacht in der Nacht des Alttweiberballs die Gleise überqueren wollte. „Wenn der Lokführer nicht so schnell reagiert hätte, dann wäre das noch viel schlimmer ausgegangen“, sagt Dieter Hutt; so kam der Jugendliche nach jetzigem Stand mit Prellungen und Quetschungen davon, er ist im Krankenhaus, die Bahnlinie musste für rund eine Stunde gesperrt werden.

„Spaziergang“ im Gleis

Los ging die Serie schwerer Unfälle am 7. Januar in Freudenstadt, als ein Jugendlicher vor die Stadtbahn lief und schwer verletzt wurde – er leidet noch immer an den Folgen. Eine mögliche Erklärung: Der junge Mann hatte laut Polizei Kopfhörer auf, konnte unter Umständen nicht mitbekommen, was um ihn herum vorging. Mit schweren Verletzungen davon gekommen ist auch der 20-Jährige, der am 1. Februar in
Orschweier von einem Zug erfasst wurde – beim „Spazierengehen“ im Gleisbereich, wie er der Polizei gegenüber angab. Tödliche Verletzungen erlitt wie berichtet am 20. Februar ein, wie man inzwischen weiß, 30 Jahre alter Mann am Bahnübergang bei Legelshurst. Er war mit der Ortenau-S-Bahn angekommen und wollte die Gleise überqueren. Den herannahenden TGV hatte er mutmaßlich nicht gehört.

Trauergruppe ruft Polizei auf den Plan

Besonders schockierend die Begleitumstände eines Falls in Freiburg, als am 16. Februar eine siebenköpfige Gruppe die Gleise überquerte und ein 16-Jähriger dabei von einem Zug erfasst und getötet wurde: Eine Gedenkstunde für den Getöteten fand so nahe an den Gleisen statt, dass die Bundespolizei eingreifen musste. Teilweise seien Trauernde wieder bis an die Gleise gelaufen, um dort Blumen niederzulegen. Es kam zu Behinderungen im Zugverkehr.

25 Euro bei Vergehen

25 Euro kostet es, wenn man sich im Gleisbereich aufhält und die Bundespolizei rechtzeitig eingreifen kann – wenn nicht, schlimmstenfalls das Leben. Man gehe regelmäßig in die Schulen und weise auf die Gefahren hin, sagt Dieter Hutt. Doch der Effekt ist ganz offensichtlich überschaubar: „Wir können zwar informieren, doch manchmal bezweifle ich, dass wir dabei die richtigen Adressaten erreichen“.

Keine Lösung in Sicht

Das gelte auch für die stete Warnung vor den gefährlichen Selfies im Gleisbereich: „Ich weiß nicht, was da manchmal in den Köpfen vorgeht“. Entsprechend pessimistisch ist der Beamte: „Ich fürchte, wir werden das Problem nie ganz in den Griff bekommen“.