Die Tigermücke wird immer öfter in der Ortenau entdeckt. Sie kann Krankheiten übertragen. | Foto: dpa

Übertragung von Viren

Tigermücke eingewandert: Bei den Behörden wächst die Sorge

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Sie ist klein, sie ist nervig, hartnäckig und gefährlich. „Barbecue Killer“ heißt in englischsprachigen Ländern die asiatische Tigermücke, die ihre Opfer nicht mehr in Ruhe lässt, wenn sie es erst einmal erspäht hat. Deutlich kleiner als die gemeinhin als „Rheinschnaken“ in der Region gefürchteten Stechmücken und eher flugfaul, macht sie ihren geringen Aktionsradius durch Aggressivität und Unerbittlichkeit wett. Sie gibt erst Ruhe, wenn sie gestochen hat. Doch nicht dies macht den Fachleuten Sorge, wenn die Tigermücken inzwischen immer öfter hier in der Ortenau in die Falle gehen.

Hartnäckige Plagegeister

Die schwarzen Plagegeister mit den charakteristischen weißen Streifen können Krankheiten übertragen – das unberechenbare Dengue-Fieber zum Beispiel, das bei wiederholter Infektion recht heftig werden kann, oder auch das Chikungunya- und das Zikavirius. Alle drei Erreger führen zu hämorrhagischen Fiebern mit teilweise erheblichen Folgen für die Betroffenen. Deshalb warnt das Offenburger Gesundheitsamt vor der Tigermücke, die in diesem Jahr auffällig früh in die mittlerweile aufgestellten Fallen gegangen ist. Dauerte es im vergangenen Jahr noch bis in den August, so wurden 2019 bereits im Juni die ersten Mücken in der Ortenau registriert.

Eingereist mit dem Auto

„Sie kommen als blinde Passagiere mit dem Transitverkehr aus dem Süden“, sagt Beate Rauscher vom  Gesundheitsamt. Dabei sind die Tiere nicht eben schüchtern: Sie fliegen gezielt in die Autos, um dann auf dem ersten Parkplatz wieder zu entweichen – gerne an der Autobahn 5 in der Ortenau.

Erste Arten sind heimisch geworden

Norbert Becker, Wissenschaftlicher Direktor der kommunalen Arbeitsgemeinschaft zur Bekämpfung der Schnakenplage (Kabs) hat 46 Mückenarten gezählt, als er sich 1975 erstmals mit dem Kampf gegen die lästigen Insekten befasste – inzwischen sind es 52. Darunter ist die Tigermücke, aber auch die japanische Buschmücke oder, neuestens, ihr koreanisches Gegenstück Aedes koreicus. Einige der Tiere sind hier heimisch geworden, können sich ohne Weiteres fortpflanzen, doch große Sorgen macht sich der Kabs-Chef wegen ihnen nicht. Sie übertragen keine Krankheiten – jedenfalls nicht, dass man bislang wüsste.

 

Der wissenschaftliche Direktor der Kommunalen Aktionsgemeinschaft zur Bekämpfung der Schnakenplage (KABS), Norbert Becker. | Foto: dpa

Brutstätten entdeckt

Die Tigermücke als  jüngster Zuwanderer – die ersten Brutstätten in der Region wurden laut einer Mitteilung des Landratsamts im vergangenen Jahr entdeckt – ist nicht so harmlos. Allerdings ist eine Reihe von Voraussetzungen erforderlich, bevor tatsächlich eine Krankheit übertragen werden kann. Zum einen muss das Tier erst einen erkrankten und dann einen gesunden Menschen stechen, zum anderen sollte die Temperatur durchgehend über 20 Grad Celsius liegen, damit sich beispielsweise das Dengue-Virus in der Mücke zu infektiösen Erregerzahlen weiterentwickeln kann. Noch seien, so Beate Rauscher, hier keine Ansteckungen auf diesem Wege bekannt: „Da müssen sehr viele Zufälle zusammentreffen für eine Infektion“.

Wenige Wassertropfen genügen

Zudem hat sich die Tigermücke in der Region noch nicht etablieren können – bei den meisten Tieren dürfte sich weiter um blinde Passagiere handeln, die hier in der Ortenau „aussteigen“. Doch sie sind bescheiden, der kleinste Wasserfleck, beispielsweise das oben offene Ende eines stählernen Zaunpfahls, reicht dem Tier, das in seiner Heimat in kleinen Baumhöhlen brütet. Die Eier sind kälteresistent: „Es überwintern nicht alle Eier“, sagt Rauscher, „aber sie können es“. Dazu kommt: Die Mücke ist aggressiver als andere, und sie greift auch bei Tag an. Das unentschlossene Herumsirren wie bei unseren Rheinschnaken gibt es bei ihr nicht. Dafür folgt sie ihrem Opfer unablässig – Barbecue-Killer eben – „herumwedeln hilft da gar nichts“, sagt Rauscher

Funde bitte einsenden

Was tun? Das Landratsamt ruft nach dem Fund eines größeren Geleges in der Nähe einer Autobahnraststätte im Ortenaukreis zur Vorsicht auf – Plätze für die Eiablage, also alles, in dem sich Wasser sammeln kann, sollten konsequent abgedeckt werden. Das sind beispielsweise Untersetzer, Gießkannen, Regentonnen. Ideal wäre, wenn sie ich gar nicht erst mit Wasser füllen könnten. Die Mücke und ihre Ausbreitung werden weiter engmaschig beobachtet. Verdächtige Exemplare sollten an das Institut für Dipterologie, Georg-Peter-Süß-Straße 3, 67346 Speyer, verpackt in einer Streichholzschachtel per Post geschickt werden – mit Angabe des Fundorts.
Weitere Informationen: www.ortenaukreis.de, Stichwort Tigermücke oder www.kabsev.de.

 

Ist die Bekämpfung von Stechmücken eine „Versündigung an der Natur“? Das Zukunftsforum Natur und Umwelt, ein vor allem in der nördlichen Ortenau aktiver Zusammenschluss von Natur- und Umweltschützern, hat sich mit dieser provokanten These an die Öffentlichkeit gewagt. Die Behauptung: Die Mücken seien wichtige Nahrung für andere Tiere, zudem kämen sie in den verschiedensten Formen an den unterschiedlichsten Stellen vor. Eine Bekämpfung mit dem aus dem Bacillus thuringiensis gewonnenen Eiweiß könne daher zu keinem durchgreifenden Erfolg führen. Stattdessen beteilige man sich so daran, den Artenschwund zu fördern, indem man die Mücke als wichtiges Nahrungstier für andere Lebewesen im großen Stil abtöte. Bislang gebe es keine akuten gesundheitlichen Gefährdungen für die Bevölkerung, die die großflächige Beseitigung der Mücken rechtfertige.
„Stechmücken sind keine essenzielle Nahrung“, hält Norbert Becker von der Kabs dagegen. Zum einen sei das Vorkommen der Mücken je nach Wasserführung des Rheins stark schwankend, zum anderen seien andere Insekten als Nahrungstiere wichtig, die die Kabs bei ihrem selektiven Vorgehen nicht bekämpfe – Eintagsfliegen, Käfer und Blattläuse.
Die Schnake komme derzeit zwischen 21 Uhr und 22.30 Uhr aus ihren Verstecken, zu spät für die Vögel und zu früh für die Fledermäuse: „Die Stechmücken haben es schon immer vermieden, ihren Fressfeinden zu begegnen“, sagt Becker.