Horror-Unfall: Letzes Jahr kollidierte der Wagen eines britischen Geisterfahrers auf der L98 mit einem anderen Fahrzeug, dessen vier Insassen starben. | Foto: kamera24

„Unsere Sorgenkinder“

Unfallstatistik des Polizeipräsidiums: Zweiradfahrer besonders gefährdet

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Der „Sommer ohne Ende“ des vergangenen Jahres hat seinen Tribut gefordert. 704 Verkehrsunfälle mit Motorrädern, Mofas, Rollern und ähnlichen Fahrzeugen haben die Beamten des Polizeipräsidiums aufnehmen müssen. Das sind 15 Prozent mehr als im Jahr davor. Zehn Menschen starben dabei, 182 wurden schwer verletzt.

„Die Zweiradfahrer sind unsere Sorgenkinder“, sagt Peter Westermann, Leiter der Verkehrspolizei in der Region, am Dienstag in Offenburg. Gemeinsam mit Polizeipräsident Reinhard Renter stellte er die Unfallstatistik für das vergangene Jahr vor. Auffällig dabei:  Nicht nur die Motorräder treiben das Unfallgeschehen, auch die Radfahrer haben ihren Anteil – fünf Menschen wurden hier 2018 getötet. Tendenz, so sagen Westermann und Renter: Zunehmend. Vor allem der Verkauf der gerade bei älteren und hochbetagten Menschen unfallträchtigen Pedelecs ziehe weiter an: „Da machen immer neuer Läden auf“, sagt Renter.

Grund für Häufung im Herbst unklar

Fast hätte es ausgesehen, als habe die seit Jahren gefahrene Repressions- und Präventionskampagne der Polizei bei den Motorradfahrern endlich gegriffen. Bis in den Herbst hinein waren trotz Traumwetters sinkende Unfallzahlen zu vermelden. Dann kam der Herbst: Zwischen dem 12. Oktober und dem 21. Oktober starben sechs Menschen innerhalb weniger Tage bei Motorradunfällen. Der Grund für die Häufung? Unklar.

B500 besonders riskant

Sicher ist nur: Im vergangenen Jahr erwiesen sich gerade die klassischen Bikerstrecken, wie die Bundesstraße 500 und ihre Zufahrten, als besonders riskant: Sieben von zehn Motorradfahrern starben auf den so genannten „Hauptrisikostrecken“. Die Polizei will ihr Präventionskonzept, das auch scharfe Kontrolle vorsieht, weiter verfolgen. Im vergangenen Jahr gab es 1800 Anzeigen gegen Motorradfahrer wegen überhöhter Geschwindigkeit oder weil sie ihr Fahrzeug frisiert hatten.

Mehr Überwachung geht nicht

Mehr geht nicht, sagt Peter Westermann: „Wir können nicht mehr weiter zulegen bei der Überwachung“, die personellen Kapazitäten seien ausgeschöpft. Entspannung ist vorerst nicht in Sicht. Auch dieser Sommer verspreche wieder bestes Bikerwetter, sagt Westermann, und die Zulassungszahlen der Motorräder steigen weiter.

Verkehrsunfallbarometer

Radfahrer unter den Opfern

Dramatisch zugenommen hat 2018 die Zahl der bei Unfällen getöteten Radfahrer: Von drei auch acht, also um mehr als 150 Prozent. Vor allem ältere Fahrradlenker sind gefährdet, nur einer der Getöteten war jünger als 50 Jahre, drei werden von der Polizei als „hochbetagt“ geführt – alle drei waren mit dem Pedelec unterwegs. „Das wird weiter zunehmen“, sagt Westermann, der zumindest festgestellt hat, dass das (noch immer nicht verpflichtende) Tragen eines Helms bei den Pedelec-Fahrern langsam in Mode kommt.

Horrorunfall mit vier Toten

Insgesamt starben im vergangenen Jahr 41 Menschen auf den Straßen des Ortenaukreises sowie der Kreise Rastatt und Baden-Baden. Das sind zwei mehr als im Vorjahr. In Erinnerung blieb vor allem ein schwerer Unfall bei Goldscheuer, als ein aus England stammender Autofahrer nach dem Grenzübertritt in Deutschland auf die linke Spur geriet und dort frontal in einen entgegenkommenden Wagen krachte. Vier Menschen überlebten diesen Horrorunfall nicht. Reinhard Renter spricht bei der Zahl der Verkehrstoten in den vergangenen zehn Jahren von einer gewissen Stagnation, den bisher niedrigsten Stand im Bereich des heutigen Polizeipräsidiums gab es 2013 mit 26 Getöteten zu vermelden.

Abstandsmessungen auf Autobahnen

Besonders Augenmerk wird die Polizei in den kommenden Monaten auf die Situation auf der Autobahn legen – weil hier viele vermeidbare Unfälle geschehen, vor allem die, deren Ursache ein zu geringer Abstand ist. Die Polizei hat eine neue Anlage zur Abstandsmessung eingesetzt, die allein im Februar 500 Verstöße aufgezeichnet hat – teilweise heftige: Ein Autofahrer zum Beispiel habe bei Tempo 196 gerade zehn Meter Abstand eingehalten, so Peter Westermann. Derzeit gibt es nur eine einzige Brücke im Bereich Bühl, an der die neue Anlage aufgestellt werden kann – aber weitere sollen im 80 Kilometer langen Autobahnabschnitt, für den das Präsidium zuständig ist, folgen. Insgesamt hat die Zahl der Unfälle auf der Autobahn um knapp sechs Prozent zugenommen, die der dabei getöteten Menschen sank von vier auf zwei.

Handynutzung bleibt Problem

Dicke Bretter zu bohren hat die Polizei nicht nur bei den Motorradfahrern. Auch die vermeintlich „lässlichen“ Verkehrssünden, die aber schwere Folgen haben können, stehen weiter hoch im Kurs. 5400 Mal wurden im Jahr 2018 Handysünder ertappt, gar 9700 Mal Autofahrer, die nicht angeschnallt waren. Ein Volkssport, wie es scheint: „Manche lassen in der Werkstatt den Gurtwarner überbrücken“, sagt Polizeipräsident Renter, und wer ertappt wird, zahlt anstandslos. „Manche haben dann bereits den Geldbeutel in der Hand“, so Peter Westermann, „alle wissen ganz genau, dass der Gurt vorgeschrieben ist“.