Umfangreich gekalkt wurde in diesem Sommer der Wald im Ortenaukreis. Umstritten ist, dass es dafür jede Menge Ökopunkte gibt.
Umfangreich gekalkt wurde in diesem Sommer der Wald im Ortenaukreis. Umstritten ist, dass es dafür jede Menge Ökopunkte gibt. | Foto: Wolf

„Waldkalkung“ in der Ortenau

Wie Schwarzwald-Gemeinden gegen das Waldsterben kämpfen – und damit Geld verdienen

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30 Jahre nach dem Höhepunkt des Waldsterbens wird im Ortenaukreis noch immer – oder wieder – vom Hubschrauber aus gekalkt. Warum? Weil es sich lohnt. Es lohnt sich für den Wald, der auf diese Weise wieder ein besseres Wurzelwerk ausbilden und damit dem Trockenstress der heißen Sommer eher widerstehen kann. Das sagen übereinstimmend die Fachleute. Und es lohnt sich für zahlreiche Gemeinden, die auf diese Weise billig an sogenannte Ökopunkte kommen, mit denen sie dann den Flächenverbrauch der rasant wachsenden Neubaugebiete ausgleichen können.

Beim genaueren Hinsehen wird allerdings deutlich: Der Ortenaukreis legte die Verordnung über die Ökopunkte mit diesem landesweit einmaligen Modell recht kreativ aus. Ob das so bleiben kann, ist offen – das Umweltministerium wird die Praxis jetzt unter die Lupe nehmen.

Billig zu mehr Ökopunkten

Zehn, allenfalls 15 Cent kostet es, über die Waldkalkung einen Ökopunkt zu erzeugen. Der ist dann später, weil er gehandelt werden kann, je nach Marktlage das Zehnfache wert. Eine wundersame Geldvermehrung, und dem Zukunftsforum Natur und Umwelt Ortenau ein Dorn im Auge. Die Naturschützer beklagen seit langem, dass gerade der Bodenverbrauch, gemessen an den Ökopunkten, viel zu billig sei.

Praxis einmalig im Südwesten

Die Waldkalkung ist zum Politikum geworden – weil der Ortenaukreis der einzige Kreis im Südwesten ist, der das lukrative Geschäft in dieser Form mitträgt. Dass dies überhaupt geht, das lässt sich allenfalls aus dem Kleingedruckten der einschlägigen Verordnungen entnehmen. Das Umweltministerium hat deshalb jetzt im Landratsamt eine Stellungnahme angefordert.

Heilt die Düngung den Flächenverbrauch?

Das recht theoretische Thema hat ganz handfeste Auswirkungen, haben die Ökopunkte doch den Sinn, Ausgleichsmaßnahmen bei Eingriffen in die Natur sicherzustellen. Dass diese auch mit einer Waldkalkung erzeugt werden können, statt in der Ausweisung beispielsweise neuer Biotope, das ist ein Umstand, an dem manch einer außerhalb der Amtsstuben vielleicht zunächst einmal zu kauen hat. Eine vorübergehende Düngungsmaßnahme als Ersatz für den dauerhaften Flächenverbrauch?

Wirkung auf Jahre hinaus

So temporär sei die Düngung gar nicht, sagt Holger Schütz, Dezernent für den ländlichen Raum beim Landratsamt in Offenburg, die Waldkalkung wirke auf Jahre hinaus. „Das verbessert die Bedingungen für die Wurzeln, sie können mehr Wasser aufnehmen, denn bis 20 Zentimeter Tiefe ist der Boden ruckzuck ausgetrocknet“.
Den Wald stärken sollen die Kalkungsmaßnahmen. Die Bäume leiden unter Trockenheit, der Hitze und Schädlingen. | Foto: Kasper
Ziel der Maßnahme sei es, nach den aus der Not geborenen Kalkungen der achtziger und frühen neunziger Jahre nun „annäherungsweise wieder an das vorindustrielle Nährstoffniveau heranzukommen“. Gemessen daran gebe es viele Standorte im Südwesten, die gekalkt werden müssten, auch in den östlichen Landesteilen.

„Nicht auf unserem Mist gewachsen“

Auch Nikolas Stoermer, Erster Landesbeamter in Offenburg, verteidigt die Maßnahmen: „Das ist nicht auf unserem Mist gewachsen“, man arbeite eng mit der forstwirtschaftlichen Versuchsanstalt in Freiburg zusammen, die die Kalkung durch Bodenuntersuchungen begleite. Stoermer zeigt aber Verständnis für die Kritik des Zukunftsforums an der Methode der Verrechnung mit den Ökopunkten: „Ich kann das ein stückweit nachvollziehen, die Schutzgüter werden unterschiedlich bewertet“.

Kampf um das „Schutzgut Boden“

Dies genau ist das zentrale Anliegen des Zukunftsforums, das sich wie berichtet an der laufenden Evaluierung der Ökopunkteverordnung beteiligt – und sich dabei vor allem an der vergleichsweise geringen Bewertung des „Schutzguts Boden“, wie es darin heißt, stört. Der Verlust eines Quadratmeters Fläche könne mit der Waldkalkung für etwa einen Euro ausgeglichen werden, rechnet das Zukunftsforum vor – gemessen an den aktuellen Baulandpreisen eine völlig unerhebliche Summe: „Es wird schnell deutlich, wie faktenwidrig die in gefälligen Sonntagsreden beschworene Ökonomie-Ökologie-Balance sich in Wirklichkeit darstellt“.

Anfrage an Minister

In einem Abgeordnetenbrief hat der grüne Landtagsabgeordnete Bernd Murschel (Leonberg) den Umweltminister inzwischen um eine Stellungnahme zu der im Ortenaukreis geübten Praxis gebeten. Entsprechend defensiv äußert sich das Ministerium in einer ansonsten umfangreichen Stellungnahme: „Zum Vorgehen im Ortenaukreis können wir im Moment nichts sagen, weil uns die Problematik neu ist“.