Angeführt von Gewerkschaftern und der Initiative gegen Rechts demonstrierten zahlreiche Pforzheimer am Jahrestag der vollständigen Zerstörung ihrer Stadt gegen eine sogenannten Fackelmahnwache von Rechtsradikalen. | Foto: Fix

Gedenken an Bombennacht

23. Februar in Pforzheim steht im Zeichen von Mahnung und Trauer

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Im Zwiespalt zwischen Trauer und Verantwortung, zwischen dem Gedenken an die 18 000 Toten des Luftangriffs von 1945 und dem Protest gegen den Missbrauch dieses Gedenkens durch Fackeln tragende Neonazis beging Pforzheim  den Jahrestag seiner völligen Zerstörung. Zum offiziellen Gedenken, nachmittags an der Großgrabstätte waren rund 250 Menschen auf den Hauptfriedhof gekommen, um in aller Stille an die Toten zu erinnern.

Fackelaufmarsch auf dem Wartberg

Deutlich lauter ging es am Abend auf dem Wartberg im Norden der Stadt zu. Dort versuchen alljährlich Rechtsradikale mit einem Fackelaufmarsch den Pforzheimer Gedenktag für politische Zwecke zu missbrauchen. Dagegen demonstrierten rund 200 Menschen auf einem Zug von der Innenstadt auf den Wartberg, den Gewerkschafter und die Initiative gegen Rechts anführten. Baden-Württembergs DGB-Vorsitzender Martin Kunzmann betonte, dass das Drama, das zu Pforzheims Zerstörung führte, bereits 1933 mit der Machtübernahme der Nazis begonnen hatte. Weil ihnen der bürgerliche Protest gegen die Neonazis längst nicht radikal genug ist, fanden sich auch wieder rund 180 Vertreter aus dem linksautonomen Lager, die versuchten, das massive Polizeiaufgebot, das die Nazis schützte, zu umgehen. Die Polizei ließ zur Abschreckung einen Wasserwerfer auffahren. Eingesetzt wurde er aber nicht.

Pforzheimer gedenken in Stille

Auf dem Pforzheimer Marktplatz gedachten die Bürger der Goldstadt derweil bei der Gegenkundgebung „Fackeln aus“ der Opfer des Bombenangriffs in aller Stille – und zur gleichen Zeit, in der vor 72 Jahren 20 Minuten lang die Bomben auf die Stadt fielen. Vertreter der Religionen, die in Pforzheim zuhause sind, sprachen sich für Versöhnung und Toleranz aus. Pforzheims Oberbürgermeister Gert Hager wandte sich in seiner Rede vor Hunderten Pforzheimern, die trotz Regen und Wind gekommen waren, entschieden gegen die Fackelträger: „Wir wissen, wohin extreme Ideologien führen, gerade wir in Deutschland wissen das nur zu genau. Was mit Fackelaufmärschen begann, hat zu Millionen von Toten auf allen Seiten geführt und hat letztendlich auch unsere Stadt zerstört“, sagte der OB.

Ein Lichtermeer brachten die Pforzheimer wegen des Windes in diesem Jahr nicht zustande, auch wenn sich die Teilnehmer der Kundgebung immer wieder gegenseitig die Kerzen anzündeten.
Ein Lichtermeer brachten die Pforzheimer wegen des Windes in diesem Jahr nicht zustande, auch wenn sich die Teilnehmer der Kundgebung immer wieder gegenseitig die Kerzen anzündeten. | Foto: Wacker

Ein gutes Miteinander sei wichtig, gerade in Pforzheim – einer Stadt mit 143 Nationen, hohem Migrationsanteil, einer hohen Vermögensdichte bei zugleich höchster Hartz-IV-Quote in Baden-Württemberg. Frieden und Freiheit seien schützenswerte Güter, die es zu bewahren gelte. Friedlich, aber klar und unerschütterlich gelte es den Rechtsextremen entgegenzutreten. „Wenn man mit den Überlebenden und den älteren Mitbürgern spricht, die das Grauen miterleben mussten, ist der Wunsch zu spüren, diesen Jahrestag im Gedenken, in der Erinnerung an die toten Angehörigen zu begehen“, begründete Hager die Berechtigung der Veranstaltung auch 72 Jahre nach der Bombennacht.