Ambiente auch bei Nacht: Zwei Wochen lang bewunderten über fünf Millionen Besucher den verhüllten Reichstag. Anschließend wurde er umgebaut, damit der Bundestag von Bonn nach Berlin umziehen konnte.
Ambiente auch bei Nacht: Zwei Wochen lang bewunderten über fünf Millionen Besucher den verhüllten Reichstag. Anschließend wurde er umgebaut, damit der Bundestag von Bonn nach Berlin umziehen konnte. | Foto: Ayrle

100.000 Quadratmeter Stoff

25 Jahre Reichstagsverhüllung: Pforzheimer Architekt über das historische Projekt und Künstler Christo

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An diesem Mittwoch vor genau 25 Jahren wurde ein Projekt umgesetzt, das für manche die bösen Erinnerungen an den Reichstag reingewaschen, für andere aber ein historisches Gebäude verunglimpft hat: Die Verhüllung des Reichstags. Der Pforzheimer Ayrle war als Architekt federführend beteiligt und erinnert sich an das Projekt und an den Künstler Christo.

Hartmut Ayrle und seine Kollegen hatten zwei Jahre lang ausgerechnet, wie dieser Riesen-Vorhang über dem Reichstag hängen muss. Dann steht der Architekt am 24. Juni 1995 mit dem weltbekannten Künstler-Paar Christo und Jeanne-Claude auf dem Dach des Gebäudes. Kletterer lassen den Stoff am Gebäude herab, doch er berührt den Boden nicht. Ein Meter fehlt.

Christo ordnet an, mit einem Messer neue Löcher in den Vorhang zu schneiden, damit er zu den Ösen passt. Es war der Moment, an dem Ayrle das Projekt retten musste. „Ich schrie: Lass es bleiben! Gib mir eine Chance! Der kleine Kerl aus Radolfzell widersprach da dem globalen Künstler.“ Ein Ruckeln am Vorhang, der letzte Meter fällt.

24 Jahre von der Idee bis zur Umsetzung

Christo galt als Meister der Verhüllung. Doch für den Reichstag brauchte der im Mai verstorbene Künstler einen langen Anlauf. Von der ersten Idee 1971 bis zur Umsetzung dauerte es 24 Jahre. Über 60 Mal reiste Christo nach Berlin – bei den Abgeordneten war Überzeugungsarbeit nötig.

Es folgte am 25. Februar 1994 die eine namentliche Abstimmung im Bundestag, damals noch in Bonn. In den Reden sei der Bundestag damals als unantastbar beschrieben worden, erinnert sich die damalige Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth. Das habe dann dazu geführt, dass es doch eine Mehrheit für das Projekt gab. „Ich brauche nicht zu betonen, wie befreiend dieses Abstimmungsergebnis war.“

Es konnte los gehen: 100.000 Quadratmeter aluminiunbedampfter Stoff, gehalten von 15.600 Metern Seil. 90 Kletterer, 120 Montagearbeiter insgesamt waren 1.400 Menschen an der Umsetzung beteiligt.
Das Büro vom Bodensee, in dem Ayrle arbeitete, hatte schon mit Großprojekten in aller Welt zu tun gehabt. „Wenn es dieses Büro nicht geschafft hätte, dann keines“, sagt er. Es war Teamarbeit. Aber keiner war näher dran am Projekt und Weltkünstler Christo als Ayrle.

Streiten war Christos Arbeitsstil

Erst einmal musste er die Faxnummer des Weltkünstlers in New York herausfinden. Dann durfte Büroleiter Harald Mühlberger Christo und Jeanne-Claude in New York besuchen. „Ein protestantischer Schwabe aus Calw“, erzählt Ayrle. „Sparsam, arbeitsam, ein Energiebündel.“ Mühlberger begeisterte, dass die Künstler ihr Projekt ohne Spenden und durch den Verkauf von Christos Arbeiten selbst finanzierten. Das Büro bekam den Zuschlag. Doch schon eine Woche darauf brachte ein Schicksalsschlag alles ins Wanken: Mühlberger starb bei einem Autounfall.

Christo und Jeanne-Claude reisten nach Radolfzell, um zu sehen, ob Ayrle und seine Kollegen das Projekt alleine stemmen können. Ihren Ablauf für das Treffen konnten die Deutschen schnell über Bord schmeißen. „Sie kamen rein, nice to see you, wo können wir unser Modell abstellen?“ Dann ging es nur noch um den Reichstag und die Hülle.

„Man konnte meinen, dieses Ehepaar streitet sich ständig, aber das war ihr Arbeitsstil: innere Aufregung, aber logisch denken.“ Es dauerte auch nicht lange, bis Ayrle, sonst ein Mann der nüchternen Zahlen, der seinen Kunden Zahlen und Ergebnisse präsentiert, mit Christo stritt. Ayrle erinnert sich: „Wir haben gesagt: Wir ziehen das durch und streiten uns so lange, bis wir den Reichstag verhüllt haben.“

Christos Definition von Kunst: Niemand kann sie besitzen

Ayrle fühlte erst mal nur die technische Seite des Projekts. Dann fragte er Christo: „Warum musst du es bauen und malst dir nicht einfach ein Bild davon?“ Die Antwort beeindruckt Ayrle noch heute. „Er sagte, solange man Kunstwerke kaufen und mitnehmen kann, ist es nur Handelsware. Es sei erst dann ein Kunstwerk, wenn man es nicht besitzen kann und zu ihm kommen muss.“

Christo und seine Frau Jeanne-Claude kamen 1994 nach Karlsruhe, um einen Vortrag am KIT zu halten. Das 13 Millionen D-Mark teure Projekt der Verhüllung stemmten sie alleine durch den Verkauf von Arbeiten Christos. Jeanne-Claude soll damals geäußert haben: „Unsere Werke sind wie ein Regenbogen: sie sind wunderschön, sie machen die Menschen staunen; niemand weiß, wann sie auftauchen und wann sie verschwinden, sie gehören niemandem.“

Am KIT spricht Inge Hinterwaldner, Professorin für Kunstgeschichte, auch 25 Jahre nach der Verhüllung mit ihren Studenten über das Projekt. „Eine eindeutige Interpretation bekommt man nicht hin“, sagt sie. „Aber das ist auch nicht der Sinn. Das Wichtige sind die Diskussionen, die sich drum herum spinnen.“ Kritiker entgegnen, es handle sich bei der Verhüllung nicht um Kunst, auch Christo selbst bezeichnete seine Projekte als nutzlos. „Aber das sind sie nicht, weil sie Diskussionen auslösen“, sagt Hinterwaldner.

Für manche sei es ein kritischer Umgang mit einem historischen Gebäude gewesen, für andere ein euphorisches Zeichen der Wiedervereinigung, für wieder andere stellte der Stoff den grauen Himmel über Berlin dar. „Zum Gebäude zu kommen und zu reflektieren, das alleine hatte schon Sinn für alle Berliner und Deutsche.“

Christos Projekt geht um die Welt

Das Projekt hatte internationale Resonanz, die Zeitung „Le Figaro“ aus Frankreich schrieb: „Christo versöhnt die Deutschen mit dem Reichstag“. Die „New York Times“ hielt fest: „Christos verhüllter Reichstag – Symbol für das neue Deutschland“.

Das Projekt ging um die Welt. 25 Jahre später arbeitet Architekt Ayrle beim Stadtplanungsamt Bruchsal. Ob es damals sein bestes Projekt war? „Spannende Frage“, sagt Ayrle. Dann schwärmt er vom Umbau am Bruchsaler Bahnhof und Phase zwei, die dort erreicht wurde. Und vom neuen Feuerwehr-Standort. Es ist wohl Ayrles Art zu sagen: nein.
„Aber für mich hat der Reichstag mit dem Projekt von Christo seine dunkle Vergangenheit abgelegt.“