Die Zahl der Neuinfektionen liegt bei gut zehn Prozent, ergibt die Nachtestung von rund 800 Mitarbeitern. | Foto: igm

Enzkreis verschärft Auflagen

82 neue Corona-Infizierte bei Müller-Fleisch in Birkenfeld – Vorerst keine Neu-Einstellungen

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Die Corona-Lage bringt weitere Verschärfungen für Müller-Fleisch in Birkenfeld. Die Großschlachterei darf bis auf weiteres keine neuen Mitarbeiter beschäftigen. Die Zahl der Neuinfektionen liegt bei gut zehn Prozent, ergibt die Nachtestung von rund 800 Mitarbeitern.

Es muss sich etwas grundlegend ändern bei Müller-Fleisch in Birkenfeld. Dies ist ein Ergebnis der Nachtestung von rund 800 Mitarbeiter auf eine Corona-Infektion. Entscheidend dabei ist nicht, dass mit 82 Fällen rund zehn Prozent der Frauen und Männer neu betroffen sind. „Das Ergebnis innerhalb der Firma ist eindeutig zu hoch“, teilt das Landratsamt des Enzkreises am Montagabend mit.

Zusätzliche Auflagen für Betriebsführung

Da sich dies bereits am Freitag abgezeichnet habe, seien „dem Betrieb bereits am Wochenende mit sofortiger Wirkung zusätzliche Auflagen für die Betriebsführung“ gemacht worden. Dazu gehöre, dass die Beschäftigung neuer Arbeitskräfte für einen Monat untersagt worden seien.

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„Wir müssen nachhaltig denken und brauchen eine langfristige Lösung“, erklärt Landrat Bastian Rosenau. Dies habe er gegenüber den Müller-Chefs in einer Telefonkonferenz am frühen Montagabend deutlich gemacht. Bei ständig wechselnden Arbeitskräften müsse damit gerechnet werden, dass man binnen sechs Monaten den nächsten Ausbruch habe.

Auch bei der Unterbringung sehe er Müller-Fleisch in der Pflicht, etwas zu verbessern. Die bisherigen Wohnverhältnisse förderten die Infektionsketten. „Das ist kein Vorwurf, sondern eine Tatsache“, teilt der Landrat weiter mit.

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Wer von den jetzt als Infiziert erkannten Müller-Mitarbeitern bislang in Sammelunterkünften wohnt, lebt jetzt im zum Quarantänezentrum umfunktionierten Hohenwart Forum. Dorthin ziehen nun auch fünf Menschen aus dem Queens in Niefern um. Das Hotel wird als Quarantänezentrum ebenso geschlossen wie das Reha-Zentrum in Schömberg.  Was die Zahl der Neuinfektionen für die zunächst bis 17. Mai geltende Allgemeinverfügung für Müller-Fleisch bedeutet, ist noch offen.

Rindfleisch wohin das Auge schaut: Müller-Fleisch gehört zu den größten Verarbeitern in der Republik.

Warum wird Birkenfeld nicht ganz geschlossen, wie die betroffenen Firmen in Deutschlands Fleischgürtel in Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein? Diese Frage wird ebenso öffentlich diskutiert wie von den Verantwortlichen erörtert.

Eine Antwort gibt der Enzkreis mit Bezug auf einen Schlachtbetrieb in Bad Bramstedt. Es geht um die räumlichen Möglichkeiten. Dessen Leiharbeiter lebten alle an einem Ort in einer umgebauten Kaserne, erläutert das Landratsamt. Da sei es leichter sicherzustellen, dass die Leute auch ohne Arbeitsbezug dort bleiben,  als im großen Einzugsgebiet der Mitarbeiter von Müller-Fleisch.

Regierung in Rumänien löst Presseansturm aus

Details dazu wurden auch zwischen den Gesundheitsämtern von Pforzheim und Bad Segeberg ausgetauscht. Außerdem hätten Kollegen aus Coesfeld mit der Pforzheimer Leiterin Brigitte Joggerst telefoniert, während die überregionale Presse mit anderen Ansprechpartnern erörterte, was denn nun im Enzkreis gemacht wurde, das in Nordrhein-Westfalen oder Schleswig-Holstein nützlich sein könnte.

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Die meisten Presseanfragen bescherte allerdings die rumänische Regierung. Nachdem diese sich öffentlich Sorgen wegen 200 Landsleuten in Pforzheim gemacht hatte, glühten die Telefon- und E-Mail-Kanäle am stärksten, so beschreibt der Leiter der Enzkreis-Pressestelle, Jürgen Hörstmann. Ausgelöst worden war das Interesse in Rumänien an Pforzheimer Verhältnissen durch den Besuch des Generalkonsuls aus Stuttgart gemeinsam mit Oana Krichbaum von der Deutsch-Rumänischen Gesellschaft.

SPD-Abgeordnete Katja Mast ist gefragt

Auch arbeitsrechtliche Fragen rücken durch die nun bundesweite Corona-Infektion der Fleischindustrie in den Vordergrund. Pforzheims SPD-Abgeordnete Katja Mast ist dabei gefragt. Sie hat bereits 2017 an einem Gesetzesentwurf mitgearbeitet, der die Arbeitssituation in Großschlachtereien verbessern soll.

Müller-Fleisch reagiert auf politischen Druck

Auf Masts politisches Engagement reagiert jetzt auch Müller-Fleisch selbst. Das Unternehmen verweist darauf, dass es „grundsätzlich alles gesetzlichen Vorgaben und Standards“ erfülle. Außerdem habe Müller-Fleisch eine Selbstverpflichtungserklärung der deutschen Fleischwirtschaft unterzeichnet, in der auch auf den Umgang mit Beschäftigten von Werkvertragsfirmen eingegangen werde. Weiter heißt es, „wir übernehmen Verantwortung, können dies aber nur in dem vorgegebenen gesetzlichen Rahmen“. Die Einhaltung der Mindeststandards obliege nicht Müller-Fleisch.