Wer lenkt hier wen oder was? Im Ring kennen die beiden Charmebolzen vom Duo André Leo keine Grenzen. Ihr Drehdrang bereitet dem Publikum einen Heidenspaß. Fotos: Wacker | Foto: Wacker

„Winterträume“ in Pforzheim

Artistik zum Träumen schön

 

„Herzlich willkommen auf den Mitmachplätzen“, begrüßt Moderator Daniel Reinsberg das Premierenpublikum der „Winterträume“. Zuschauer in der ersten Reihe im großen Saal des Kulturhauses Osterfeld ahnen, was ihnen im Laufe des zweieinhalbstündigen, vom Pforzheimer Kurier präsentierten Varietétheaters blühen kann. Eine visuelle Denkspielaufgabe, inklusive optischer Täuschung hat der Conférencier versprochen. Er hält ein gelbes, verknotetes Seil in die Höhe. Und da hat Stefan schon seinen ersten Einsatz. Den Zuschauer, der flugs zum Mitspieler wird, weist Daniel Reinsberg an, „das gelbe Band der Sympathie“ zu fixieren, „mit jedem Auge ein Ende.“ Der irrwitzig verknotete Strick driftet immer weiter auseinander und kein „Silberblick“ dieser Welt könnte ihm da noch folgen.

Charmebolzen verzaubern Publikum

Was dann kommt, ist so unbeschreiblich schön, dass es die Gefahr birgt, die folgenden Nummern in den Schatten zu stellen. Wie kleine Buben auf einer Spielwiese entfachen André und Leo die Kraft eines überdimensionalen Hula-Hoop-Reifens, dessen Schwung sie selbst mitreißt. Im Rad geht es in alle Richtungen mit dem belgisch-französischen Duo, mal als Beifahrer, mal als Lenker eines kreisenden Kunstwerks, das jetzt immer schneller über die Bühne rollt. Die Artisten drehen sich um die eigene Achse, sausen im Ring kopfüber dahin, lenken ihn über Kreuz. Sie durchspringen ihn, einer klammert sich an den Partner, und dann spazieren sie einfach mal gemütlich durch den Reifen hindurch.
Die Zuschauer toben, vom Charme und Können der beiden gleichermaßen überwältigt. Sie sind es gleich wieder: Der erste Höhepunkt des Abends war „nur“ Auftakt in einer Kette weiterer Knaller.

Kopfüber Richtung Boden

Artistin Elisabeth windet sich über ihren Köpfen in einem Tuch nach oben. Die Falten des Tuchs legen sich wie Bandagen um ihren geschmeidigen Körper. Dann wieder schwebt sie fast frei in der Luft, am Hinterkopf gehalten von einer Schlaufe. Eine Schrecksekunde müssen die Zuschauer im ausverkauften Haus überstehen, als Elisabeth plötzlich kopfüber Richtung Boden stürzt, bevor sie sich sicher mit den Füßen fängt.
Zauberkünstlerin Amila holt sich für ein Paarexperiment auf die Bühne – Stefan. Ein gefragter Mann an diesem Abend. Und der bringt seine Constanze mit. Mit geschlossenen Augen sitzen sie auf Stühlen. Amila stupst Constanze am Handgelenk. „Berührt“ fühlen sich beide. Amila streicht Stefan mit einer Feder übers Gesicht. Auch Constanze fühlt den Hauch.

Zwei Menschen, ein Gefühl

Was die Mentalmagierin beweisen wollte, es funktioniert: Zwei Menschen, ein Gefühl. Seit wie viel Jahren sind die beiden verheiratet? Stefan blickt zu Constanze: 21 Jahre. „Gut, dass meine Frau das wusste“, wird Stefan Umlauf später nach der Vorstellung lachend sagen.
Atemberaubend sind die Figuren, die das kanadische Duo Azelle am doppelten Luftring als „Facetten einer Freundschaft“ tanzt. Überaus zart wie artistisch vollendet ist ein lyrischer Kraftakt vom Duo Hand 2 Stand in einer Show, die manche Zuschauer noch großartiger fanden als in Vorjahren. Das ist auch ein Verdienst von Moderator Reinsberg, der als Bauchredner mit Waschlappen und einem singenden Pinguin urkomische Akzente setzt. Eine Veranstaltung sei gelungen, wenn alle Beteiligten mit gutem Gefühl rausgehen, sagt „Winterträume“-Regisseur Jan van Aubel – Akteure, Veranstalter und Zuschauer. Die anfangs noch aufgeregte Kulturhaus-Chefin Maria Ochs ist jedenfalls begeistert von ihrer persönlichen „Winterträume-Premiere“. Als Ersatz für den ausgefallenen Rad-Akrobaten Max Poulin hat sich Seiltänzerin Sarah Lindermayer harmonisch ins glänzend aufgelegte Ensemble eingefügt.

Stefan ist der Held des Abends

Neben den Stars auf der Bühne sind auch die Helden aus dem Publikum glücklich. Dauermitspieler Stefan darf ein Marilyn Monroe-Gemälde mit heimnehmen, das die Magierin beim Lesen seiner Gedanken auf eine Leinwand fabriziert hat.