Selbstgemachte Suppe und "Sattmacherbrott": Was Ria Flatt (links) in die Teller schöpft, ist für Zeitzeugin Elisabeth Giek (Zweite von rechts) ein typisches Sonntagsessen ihrer Kindheit. | Foto: Ehmann

Kriegsessen in Friedenszeiten

Bei Grießklößchensuppe im Pforzheimer Trümmer-Café kommen Zeitzeugen und Flüchtlinge ins Gespräch

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Die selbst gemachten Grießklößchen schwimmen appetitlich in einer Fleischbrühe. Schnittlauch ist darüber gestreut. „Das war unser Sonntagsessen“, kommentiert die 88-jährige Elisabeth Giek, was in ihrer Kindheit auf den Tisch kam. Auch den anderen gut 20 Besuchern des Trümmer-Cafés in der KF 102 schmeckt die „Kriegsspeise“. Die Jüngeren haben größtenteils Migrationshintergrund und von Grießklößchen noch nie etwas gehört.

Aber was Krieg bedeutet, wissen die meisten. Die Jesidin Samar Blasiny floh mit ihrer Familie vor Jahren aus ihrem Dorf in der Nähe der nordirakischen Stadt Mosul. Kürzlich starb ihre Mutter, die noch dort lebte.

Das war Krieg. Das kenne ich alles.

Jesidin Samar Blasiny

„Kein Essen, kein Strom, kein Arzt. Alles kostet Geld“, beschreibt sie in wenigen Worten die Situation in der früheren Heimat. In ihrer heutigen hat Blasiny neben deutsch auch gelernt, was es hier mit dem 23. Februar 1945 auf sich hat: „Das war Krieg“, sagt sie. „Das kenne ich alles.“

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Speisen wie zu Kriegszeiten

Der Stadtjugendring (SJR) hatte bereits vor Jahren im Vorfeld des Pforzheimer Gedenktags zum Trümmer-Café eingeladen und Menschen aus dem Quartier unter dem Motto „Speisen wie zu Kriegszeiten“ zu Tisch gebeten. Auch an diesem Tag ist die Gruppe bunt gemischt. Einige Kinder sind darunter. Haben ihnen die Grießklößchen geschmeckt? Natalias Daumen schnellt in die Höhe. Die Neunjährige stammt aus Rumänien. „Meine Mutter kocht das auch“, sagt sie.

Viele der rund 60 Kinder und Jugendlichen, die im Stadtteilzentrum KF mehrmals die Woche Hilfe beim Lernen erhalten, kommen aus Kriegsländern. SJR-Mitarbeiterin Katja Wengert hat ihre Großmutter nach typischen deutschen Kriegsessen befragt. Sie ist die verantwortliche Köchin. Mit einem fünfköpfigen Team wird sie die Gäste in den kommenden Tagen mit Bratkartoffeln, Kartoffel-Schnitzen und Eintopf bewirten.

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„Die Leute sollen sich trauen, zu reden“

„Es ist uns wichtig, eine Atmosphäre zu schaffen, in der die Leute sich trauen zu reden“, erklärt Wengert. „Mit ,Frieden’ können alle etwas anfangen“, beschreibt SJR-Geschäftsführerin Alison Bussey, was die Menschen bei aller Verschiedenartigkeit eint. Übers gemeinsame Essen kommen auch die Älteren zwanglos miteinander ins Gespräch.

Die 67-jährige Kroatin Barbara Schrader hilft als Quartierrätin mit. Auch sie hat eine Kriegsgeschichte zu erzählen. Von ihrem Vater, der im Zweiten Weltkrieg zwangsrekrutiert wurde und dann auf Menschen in seiner Heimat schießen sollte. „Das Hohle schwimmt oben“, ereifert sich Schrader. „Am meisten ärgere ich mich darüber, dass die Leute nix aus der Geschichte lernen.“

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Lebensmittelmarken und ein Flugblatt der Alliierten

Zeitzeugin Giek erlebte, wie bei einem Luftangriff 1944 die schönen Holzhäuser am Lindenplatz in Flammen aufgingen. „Es war kurz vor Weihnachten. Aber feiern wollte keiner mehr.“ Im Januar 1945 kam sie über die Kinderlandverschickung in den Schwarzwald. Von dort sah sie den leuchtenden Himmel am Abend des 23. Februar und erfuhr Tage später, dass ihre Mutter und zwei Brüder ums Leben gekommen waren.

Giek breitet spannende Zeitdokumente aus: Essens- und Kleidermarken sowie ein Flugblatt der alliierten Bomber, die im Januar 1944 die Pforzheimer Bevölkerung zum Widerstand aufriefen. „Wenn Frieden kommt, sterben die Kriegsverbrecher“, heißt es da. Und: „Nur Deutsche können Deutschland retten.“

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