Ein kritischer Punkt: Auch der Verkehr am Schlossberg beziehungsweise im Osten sollte neu gedacht werden. | Foto: Wacker

Gründung des Mobilitätsbeirats

Beim Verkehrskonzept in Pforzheim geht wenig voran

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Der Mobilitätsbeirat in Pforzheim soll nicht weniger als ein komplett neues Verkehrskonzept für die Goldstadt entwerfen. Doch dessen Gründung lässt weiter auf sich warten und könnte nun erst ein Jahr nach dem Startschuss im Gemeinderat erfolgen.

Eine eigene Fahrspur für Radfahrer – so etwas wäre eine Neuerung in Pforzheim. Am Samstag wird das möglich gemacht, zumindest für eine Stunde. Genauer gesagt betrifft die Aktion von Critical Mass mit Unterstützung unter anderem des Verkehrsclubs Deutschland (VCD) die Luisen-, Museums- und Poststraße zwischen 11 und 12 Uhr. Da dürfen Radler mal einen Vorgeschmack geben auf alternative Verkehrskonzepte, wie sie die Stadt Pforzheim seit Jahren auf den Weg bringen möchte, doch immer wieder im Stillstand verharrt, zuletzt aufgrund von Corona.

VCD fordert ein Ende des Stillstands

Matthias Lieb vom VCD Pforzheim jedenfalls findet: „Es reicht mit dem Stillstand!“ Er ist designiertes Mitglied eines Gremiums, das beispielhaft für den Stau in Pforzheims Verkehrsambitionen steht: dem Mobilitätsbeirat. Was sperrig klingt, sollte eigentlich schon im Herbst 2019 Wirkung entfalten: Experten von Verkehrsclubs, Naturverbänden, der Wirtschaft und vielen mehr sollten nicht weniger als ein neues und umfassendes Verkehrskonzept für Pforzheim erarbeiten.

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Doch erst gab es lange keinen Gründungstermin, schließlich galt der 27. März als Termin, ehe Corona dazwischenfunkte. Wann das Gremium nun seine Arbeit aufnimmt, steht wieder in den Sternen. Es werde „aktuell geprüft, ob die erste Sitzung des Mobilitätsbeirats noch vor der Sommerpause unter Einhaltung der Corona-Schutzmaßnahmen stattfinden kann“, schreibt die Stadt Pforzheim auf Nachfrage.

ADFC-Vertreter Haas drängt auf Gesamtkonzept

Nicht nur für Lieb, der etwa eine Reduzierung des Autoverkehrs auf 50 Prozent des Gesamtverkehrs fordert – 2017 waren es 61 – käme das ein Jahr zu spät. Auch Wolfgang Haas, der für den ADFC im Mobilitätsbeirat säße, drängt auf den Start: „Für uns ist ganz klar: Wir brauchen wieder Gremien, die das Thema Mobilität voranbringen.“

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Dabei gehe es gar nicht nur um Radwege, wie man beim Club der Radfahrer denken könnte. Auch andere Projekte wie eine Seilbahn zur Hochschule, der Einsatz von Hybridbussen und noch vieles mehr interessieren Haas. „Es gibt eine Menge Ideen. Das muss in ein Gesamtkonzept eingebunden werden.“

VPE hat ganz andere Probleme

Doch ein wenig scheint der Mobilitätsbeirat noch vor seiner Gründung schon wieder überholt zu sein. Das zumindest befürchtet Axel Hofsäß, Geschäftsführer des Verkehrsverbunds Pforzheim/Enzkreis (VPE). Der hat seit Corona längst nicht mehr mit vollen Bussen zu kämpfen – eher mit dem kompletten Gegenteil. „Viele unserer Unternehmen haben seit Corona nur noch 20 Prozent ihrer Einnahmen“, klagt er. Am Mittwoch hat deshalb das Land Baden-Württemberg einen Rettungsschirm über 200 Millionen Euro für den notleidenden ÖPNV gespannt.

Vor zwei Monaten habe ich noch händeringend Busfahrer gesucht. Jetzt muss ich Stellen abbauen.

Axel Hofsäß, Geschäftsführer des Verkehrsverbunds Pforzheim/Enzkreis

Man habe den Ruf einer „Virenschleuder“ erhalten, sagt Hofsäß. Das sei ungerechtfertigt, schließlich habe man vieles getan, vom Mundschutz für Busfahrer bis zu Änderungen in der Klimatisierung. Allein: Der Buskunde fehlt. „Wir haben zum Schulstart unser komplettes Angebot hochgefahren – aber es fahren zwischen null und fünf Kinder mit dem Bus“, berichtet Hofsäß.

Nun müsse er Personal einsparen, Taktungen reduzieren, wo dies „möglichst wenig wehtut“. Das schmerze ihn in der Seele. „Es ist grotesk: Vor zwei Monaten habe ich noch händeringend Busfahrer gesucht, und jetzt muss ich Stellen abbauen.“ Also macht der Mobilitätsbeirat gerade wenig Sinn? Hofsäß sieht das nicht so. „Den jetzt jahrelang zurückzustellen hielte ich für falsch.“

Zumal sich ja der Verkehr verlagert, etwa aufs Fahrrad. Das jedenfalls beobachtet man bei VCD und ADFC. „Es geht uns ja auch um die Aufenthaltsqualität entlang der Straßen“, sagt VCD-Mann Lieb. Auch deshalb will man am Samstag ein Zeichen setzen: „Um zu zeigen, was möglich sein könnte.“