Mit der Behindertenbeauftragten der Bundesregierung (zweite von links) besuchte die Bundestagsabgeordnete Katja Mast (links) Pforzheim und den Enzkreis. Über Vorurteile und Argumente bezüglich Inklusion sprachen sie mit dem stellvertretenden Redaktionsleiter des Kurier, Roland Weisenburger, und Redakteurin Anne Weiss. | Foto: Wacker

Bentele in Pforzheim

Behindertenbeauftragte will mehr Barrierefreiheit schaffen

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Dass man Ziele am besten gemeinsam erreicht, hat Verena Bentele in ihrer Zeit als Spitzensportlerin verinnerlicht – zwölf Paralympics-Goldmedaillen geben der ehemaligen Biathletin recht. Weil Bentele von Geburt an blind ist, war sie auf Begleitläufer angewiesen. Dass sich vieles aus dem Sport auf die Politik übertragen lässt, weiß die 35-Jährige aus ihrem Amt als Beauftragte der Bundesregierung für die Belange von Menschen mit Behinderungen. Auf Wahlkampftour hat Bentele, die seit 2012 SPD-Mitglied ist, die Bundestagsabgeordnete Katja Mast in Pforzheim und dem Enzkreis begleitet. Im Anschluss besuchte sie den Pforzheimer Kurier und sprach über Ziele für Inklusion, Barrierefreiheit und Parallelen zwischen Sport und Politik.

Vermittlerposition zwischen Bundestag und Verbänden

Bentele, die sich als „Verfechterin der Inklusion“ bezeichnet, betont, dass es vor allem in den Themen Inklusion und Barrierefreiheit noch viel zu tun gibt. „Meine Aufgabe ist es, alle gesetzgeberischen Vorhaben des Bundestags und des Kabinetts zu begleiten. Ich vertrete vor der Bundesregierung die Belange von Menschen mit Behinderungen. Andersrum vermittle ich den Behindertenverbänden die Gesetze und Entscheidungen. Das ist schon eine Sandwichposition, die ich habe“, sagt Bentele, die ihr Amt seit 2014 ausübt. Politikluft schnupperte sie bereits im bayrischen Landtagswahlkampf 2013 im Team von SPD-Spitzenkandidat Christian Ude als Expertin für Sport und Behinderte.

Aber an der Inklusion zu sparen, ist meines Erachtens eine sehr kurzfristige Einsparung

Kritik und Argumente, die sie in ihrer Funktion zwischen den Stühlen höre, könne sie oft nicht verstehen – etwa wenn marode Schulen und Investitionsstau als Totschlagargument gegen notwendige Barrierefreiheit angeführt werden: „Dann kann ich denen nur sagen, damit schließt ihr ganz viele Menschen aus. Zu sagen, wir bauen den Aufzug nicht in die Schule und deshalb kann ein Kind im Rollstuhl dann nicht an die allgemeine Schule gehen, das ist in meinen Augen der falsche Schritt.“

Dass Inklusion oft mit Schule gleichgesetzt wird, führt bei Bentele zu Seufzen. Abschütteln will sie das Thema dennoch nicht, tritt Gegnern lieber entschieden entgegen, die gerade im Wahlkampf Inklusion als großes Streitthema hervorbrächten: „Wir müssen uns eher fragen, warum unser Schulsystem nicht längst barrierefrei ist. Wenn Kinder nicht in der Schule lernen, wie der andere tickt, was er braucht, wie soll dann später gemeinsames Arbeiten, Sporttreiben oder der Feuerwehrverein gemeinsam funktionieren?“, fragt Bentele. Natürlich brauche man für Inklusion finanzielle Mittel: „Aber an der Inklusion zu sparen, ist meines Erachtens eine sehr kurzfristige Einsparung.“

Früher war Verena Bentele Spitzensportlerin, seit 2014 ist sie Beauftragte der Bundesregierung für die Belange von Menschen mit Behinderungen. | Foto: Wacker

Bentele will private Wirtschaft in die Pflicht nehmen

Die Behindertenbeauftragte will auch andere Themen in den Vordergrund rücken. Für die mögliche zweite Amtszeit hat sich Bentele dahingehend einiges vorgenommen: Etwa die Verpflichtung zur Barrierefreiheit für die private Wirtschaft, „damit vom privaten Nahverkehr bis zu Haushaltsgeräten und Dienstleistungen in Leichter Sprache Teilhabe geschaffen wird“. Wirtschaftsfeindlich sollen Verpflichtungen zu Inklusion und Barrierefreiheit jedoch nicht sein, sondern angemessen: „Das heißt nicht, dass die kleine Eisdiele, die zwei Stufen vor der Tür hat, dichtmachen muss, weil sie die Stufen nicht verschwinden lassen kann. Angemessen heißt, dass eine Lösung gesucht wird. Zum Beispiel, dass eine mobile Rampe angeschafft wird, damit jemand im Rollstuhl oder mit Kinderwagen sagen kann, ich komme mit der Rampe rein, damit ich einen riesigen Erdbeerbecher essen kann“, sagt Bentele und lacht.

Sportlerkarriere als Vorbereitung auf Politik

Eine weitere Sache liegt ihr am Herzen, bei der sie in der aktuellen Legislaturperiode nicht an sportliche Erfolge anknüpfen konnte: „Ich hätte mir gewünscht, dass jetzt bei der Bundestagswahl auch die Menschen wählen dürfen, die eine rechtliche Betreuung in allen Angelegenheiten haben. Aber das war mit dem Koalitionspartner leider nicht zu machen.“ Gegen die Enttäuschung hilft Bentele aber wieder der Vergleich mit dem Sport: „Wenn ich im Biathlon viel trainiert und am Ende daneben geschossen habe, dann war ich das selber. In diesem Fall habe ich alles gegeben und es hat trotzdem nicht geklappt. Aber ich habe einen langen Atem, den braucht man eben auch in der Politik.“