Junge Mädchen wurden von einem Mann aus Remchingen über das Internet kontaktiert. und später bedroht und erpresst. Foto: dpa

Remchinger vor Gericht

Bewährungsstrafe für sexuellen Missbrauch im Internet

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Ein 23-jähriger Remchinger hat Kinder und Jugendliche im Internet sexuell genötigt und missbraucht. Außerdem hat die Polizei auf seinen Computern und Smartphones 89 kinder- und jugendpornografische Bilder und Videos gefunden. Deshalb hat ihn das Jugendschöffengericht am Amtsgericht Pforzheim am Donnerstag zu einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren auf Bewährung verurteilt.

„Erschütternd“ sei gewesen, was er am 7. August 2019 bei einer Hausdurchsuchung beim Täter an Beweismitteln beschlagnahmt hat, schilderte der Sachbearbeiter des Pforzheimer Polizeikommissariats vor Gericht: Ein weinendes Mädchen fleht auf einer Sprachnachricht auf dem Handy des 23-Jährigen, sie nicht mehr zu bedrohen und keine Bilder mehr schicken zu müssen. Der junge Mann habe darauf nur eiskalt erwidert: „Nein, du schickst mir Bilder und zwar gleich!“

Polizei findet „erschütternde“ Beweise bei Hausdurchsuchung

Es sei immer das gleiche Muster gewesen, sagte der Sachbearbeiter aus. Über Facebook habe der Mann ab Ende Mai 2018 rund 100 junge Mädchen angeschrieben und sich wahlweise als „Max Müller“ aus Hamburg, „Leonie“ oder „Laura“ ausgegeben. Mindestens drei Mädchen unter 14 Jahren ließen sich auf den Kontakt ein. Der Mann schlug vor, die Verbindung per WhatsApp zu vertiefen und forderte schon bald Nacktfotos und Videos – die Anweisungen zu den Posen schickte er gleicht mit. Wenn sich die Mädchen weigerten, drohte er ihnen damit, ihre Fotos und Videos im Darknet zu veröffentlichen. Ein achtjähriges Mädchen und ihre Eltern zeigten ihn daraufhin wegen sexuellen Missbrauchs an. Bei der Vernehmung habe der Mann die Vorwürfe erst einmal abgestritten, obwohl die Beweislast erdrückend gewesen sei, sagte ein Kriminalbeamter aus.

100 junge Mädchen angeschrieben

Vor Gericht gab sich der 23-Jährige, der seit fünf Monaten in Untersuchungshaft sitzt und wegen anderer Delikte vorbestraft ist, geständig. Es sei wie eine Sucht gewesen, die Mädchen dazu zu bringen, ihm Bilder und Videos von sich zu schicken, erklärte er.
Dass die Drohungen und Erpressungen falsch waren, habe er wie in einem Rausch einfach ausgeblendet. In der U-Haft habe er aber Zeit gehabt, darüber nachzudenken; er bereue, was er getan habe, und wolle sich bei seinen Opfern entschuldigen, sagte er. Dass ihn junge Mädchen sexuell ansprechen, habe er erstmals bemerkt, als ihm eine einschlägige Facebookgruppe entsprechende Videos zugeschickt hatte.

Gutachter: Therapie kann Rückfallquote senken

Sachverständiger Ali Erdemli von der Forensischen Ambulanz Baden in Karlsruhe bescheinigte dem 23-Jährigen in seinem Gutachten eine pädophile beziehungsweise hebephile Veranlagung – das heißt, er fühle sich von Kindern und Jugendlichen angesprochen, deren körperliche Entwicklung schon Merkmale der Pubertät aufweisen. Der Schweregrad sei jedoch schwer einzuschätzen. Eine Therapie könne die Rückfallquote auf 25 Prozent senken. Die Prognose sei beim 23-Jährigen günstig, weil er eine Freundin habe, so Erdemli.

Mädchen hat seit Vorfall psychische Probleme

Staatsanwältin Sigrid Micol forderte eine Freiheitsstrafe von zwei Jahren auf Bewährung. Sie hielt dem Angeklagten vor, weitergemacht zu haben, als das Ermittlungsverfahren schon lief. Das Ausmaß sei erheblich und ein Mädchen habe wegen des Vorfalls psychische Probleme. Für den Angeklagten spreche sein Geständnis. Verteidiger Uwe Oehler ist sich sicher, dass sein Mandant aus dem „Denkzettel“ gelernt habe. Die U-Haft habe bei ihm Eindruck hinterlassen. Er forderte ein Jahr und sechs Monate auf Bewährung.

Gericht ringt sich zu Bewährungsstrafe durch

Sie und die Schöffen hätten wegen der Rückfallgefahr heftig mit sich gerungen, ob sie die Strafe auf Bewährung aussetzen sollen, sagte Amtsrichterin Stephanie Gauß in der Urteilsbegründung. Mit seinem Geständnis habe er es den Geschädigten aber erspart vor Gericht aussagen zu müssen. Der 23-Jährige muss nun eine Therapie bei der Forensischen Ambulanz machen.