Gabriele Meinl (links) aus Stuttgart und Bianca Renninger aus Remchingen haben 2011 ihr Unternehmen "Aikyou" gegründet. Das Feedback zu ihren BHs speziell für kleine Brüste ist überwiegend positiv - allerdings nicht immer.
Gabriele Meinl (links) aus Stuttgart und Bianca Renninger aus Remchingen haben 2011 ihr Unternehmen "Aikyou" gegründet. Das Feedback zu ihren BHs speziell für kleine Brüste ist überwiegend positiv - allerdings nicht immer. | Foto: Aikyou

Lingerielabel aus Remchingen

BHs für mehr Body Positivity: „Dass Brüste groß sein müssen, ist eine Idee in den Köpfen der Frauen“

Anzeige

Frauenkörper sehen in den seltensten Fällen so aus wie die der Models auf Laufstegen oder in Modemagazinen. Trotzdem gelten genau die als Schönheitsideal. Gabriele Meinl aus Stuttgart und Remchingerin Bianca Renninger wollen dagegen ein Zeichen setzen und haben 2011 ihr Unterwäschelabel „Aikyou“ gegründet. Sie verkaufen BHs, die speziell auf kleine Brüste zugeschnitten sind. Was das mit „Body Positivity“ zu tun hat und warum „Aikyou“ trotzdem viele Hassbotschaften erntet, hat Gabriele Meinl im Interview erklärt.

Der „Body Positivity“-Bewegung zufolge sind alle Körper schön, ganz egal, wie sie aussehen. Auch wenn „Body Positivity“ grundsätzlich sowohl Männer als auch Frauen meint, sind es zum großen Teil Frauen, die zu dem Thema öffentlich in Erscheinung treten. Auf der Plattform Instagram gibt es mittlerweile mehr als 3,7 Millionen Posts mit dem Hashtag #bodypositivity. Häufig sind das Bilder, auf denen sich Frauen in Bademode oder Unterwäsche zeigen – trotz angeblicher „Schönheitsmängel“ wie Cellulite, Dehnungsstreifen, Speckrollen oder Falten.

Auf einer solchen Mängelliste der Schönheitsindustrie findet sich häufig auch der weibliche Busen. Der muss möglichst groß sein, so will es das gängige Schönheitsideal. Ist er es nicht, so muss vermeintlich nachgebessert werden. Mithilfe von Büstenhaltern mit eingearbeiteten Kissen, Gummizügen oder Push-up-Funktionen.

Studie mit ernüchterndem Ergebnis

Eine Studie des Unterwäscheherstellers Triumph aus dem Jahr 2016 beschäftigte sich mit der Frage, wie zufrieden Frauen mit ihrem Körper und im speziellen mit ihrem Busen sind und befragte dazu 6.000 Frauen zwischen 18 und 50 Jahren. Das Fazit des „Female Confidence Reports“ war ernüchternd: In allen an der Studie beteiligten Ländern herrschte eine durchgängige Unzufriedenheit mit der eigenen Brust. In Deutschland gaben 36 Prozent der befragten Frauen an, unzufrieden mit ihrem Busen zu sein.

Was aber kann ein Lingerielabel wie „Aikyou“ hier bewirken? Geschäftsführerin Gabriele Meinl berichtet:

BNN: Sie – und damit auch „Aikyou“ – machen sich für Body Positivity stark. Was aber hat Body Positivity mit kleinen Brüsten genau zu tun?

Meinl: Body Positivity steht dafür, seinen Körper so akzeptieren zu dürfen, wie er ist, und diesen Respekt auch anderen entgegenzubringen – ohne sich am herrschenden Schönheitsideal oder irgendwelchen Meinungen zu messen. Bei Brüsten gibt es das Klischee, dass ein Busen angeblich nur dann weiblich wirkt, wenn er eine bestimmte Größe hat. Was für eine abstruse Vorstellung! Wir finden kleine Brüste großartig so, wie sie sind, ohne sie irgendwie vergrößern zu müssen. Deshalb gründeten wir „Aikyou“, mit speziellen BH-Schnitten für kleine Cups und eben ganz ohne Bügel und Push-ups.

Damals, im Jahr 2011, redete kaum jemand über Body Positivity, der Begriff wurde erst in den Folgejahren populär. Aber er entspricht unserer Idee, dass man sich mit einem kleinem Busen nicht nur wohlfühlen kann, sondern selbstverständlich auch attraktiv und feminin.

Welche Erfahrungen haben Sie selbst gemacht?

Frauen mit kleinem Busen bekommen auf der Suche nach einem passenden BH gerne „gut gemeinte“ Ratschläge, und dazu oft völlig widersprüchliche. Zum Beispiel, dass man ja ein Problem hätte, das man aber doch lösen könne, und gleich kriegt man einen Push-up-BH verpasst. Ein Busen ist aber an sich kein „Problem“ und auch nicht „falsch“. Ein BH, der nicht richtig passt, weil er nur eine starre Form auf die Brust legt, hingegen schon.

Andere empfehlen einem, für Unterwäsche doch mal in die Mädchenabteilung zu schauen. Oder man bekommt bevormundend zu hören, dass man mit so einer kleinen Brust doch eh keinen BH tragen müsse. Letzteres ist ja wohl ganz bestimmt eine persönliche Entscheidung!

Auch interessant: #bodypositivity: Wie eine Schaufensterpuppe in Karlsruhe die Gemüter spaltet

Was glauben Sie, warum steht der Busen so sehr im Zentrum des Interesses, wenn es um Attraktivität geht? Meinen Sie, dass sich das einmal ändern wird?

Wenn, dann wird sich das zumindest nicht schnell ändern, weil der Busen als Blickfang – in unserer Kultur wohlgemerkt – so eine lange Tradition hat. Allein die Mode setzt Brüste ja häufig und auf verschiedenste Weise in Szene  – und zwar, wie gesagt, in jeder Größe. Ob man seine Brüste betonen möchte oder nicht, ist dabei eine völlig individuelle Entscheidung.

Ist der Wunsch nach einem großen Busen antifeministisch?

Das eine hat nicht zwangsweise mit dem anderen zu tun. Wir wachsen alle mit Schönheitsidealen auf und werden davon beeinflusst, ob wir wollen oder nicht. Schon Teenager lernen heute, wie ein Busen auszusehen hat, und das bedeutet im Moment immer noch: „größer“. Aber wir können klar machen, dass das nur ein Klischee ist, dem wir uns nicht unterwerfen. Deshalb sehen wir das als ein wichtiges Thema für die heranwachsende Generation, denn Weiblichkeit hat bestimmt nichts mit der Cupgröße zu tun.

Welches Feedback bekommen Sie? Wie reagieren Menschen auf „Aikyou“ und ihre Botschaft?

Von vielen Seiten bekommen wir ganz tolles Feedback. Die Tatsache, dass wir kleine Brüste wunderbar finden und speziell dafür designen, ist für viele offenbar eine langerwartete Bestätigung. Wir hören oft den Satz: „Nach so etwas habe ich schon immer gesucht“. Das freut uns natürlich sehr, weil es zeigt, dass unsere Arbeit geschätzt wird.

Haben Sie auch Feedback von Männern bekommen? Wenn ja, welches?

Es heißt ja immer, Männer fänden nur große Busen schön. Das hat uns natürlich interessiert, und wir haben genau darüber mit vielen Männern gesprochen. Herausgekommen ist dabei, dass das mit den großen Brüsten vor allem eine Idee in den Köpfen von uns Frauen ist. Männer sind da meist viel relaxter. Der Busen – und zwar egal in welcher Größe – ist vielleicht ein Hingucker, aber was eine Person attraktiv macht, ist die gesamte Ausstrahlung. Diese Erwartungshaltungen in punkto Brustgröße, der ganze Druck, sind also von daher unnötig.

Auch interessant: So sah Sexismus am Arbeitsplatz in den Siebzigern aus

Wie erfolgreich sind Sie mit „Aikyou“? Gibt es einen Bedarf an BHs in kleineren Größen?

Genau deshalb haben wir „Aikyou“ ja gegründet, denn wir füllen hier eine Marktlücke. Jetzt gibt es uns schon über acht Jahre, und wir verkaufen unsere Lingerie nicht nur im deutschsprachigen Raum, sondern weltweit. Die meisten Unterwäschehersteller entwerfen einen Schnitt für einen mittleren Cup-Bereich und gradieren den für alle Größen. Es ist selten, dass jemand nur für kleine Brüste entwirft. Das wird aber gesucht.

Sie hatten vor einiger Zeit einmal einen Showroom in Karlsruhe. Warum haben Sie diesen aufgegeben?

Etliche Jahre haben wir unsere ganze Kraft in „Aikyou“ gesteckt. Mittlerweile ist uns aber auch eine gute Work-Life-Balance wichtig und wir wollten grundlegend ändern, wie wir arbeiten. Nämlich so, wie es zum eigenen Leben passt. Deshalb haben wir einmal alle Strukturen hinterfragt, die sonst für ein Unternehmen als gegeben betrachtet werden. Diese Freiheit bedeutet zum Beispiel, dass wir umgezogen sind. Auch damit unsere zwei Bürohunde jetzt nicht mehr jeden Tag in die Stadt fahren müssen, sondern in Ruhe auf dem Land wohnen dürfen.

Zum Teil arbeiten wir schon mal vom Home-Office aus, verbringen keine unnötige Zeit mehr in Meetings und sind so insgesamt noch effektiver geworden. Wir arbeiten nach wie vor intensiv, aber gleichzeitig ist unser Leben ruhiger getaktet. Dafür verzichten wir eben auf Statussymbole wie einen repräsentativen Showroom, so schön der auch war. Unsere Kundinnen und Kunden beraten wir ja trotzdem nach wie vor mit Leidenschaft.

Auch interessant: Diskriminierung am Arbeitsplatz: Was können Frauen tun?

Welche Erfahrungen haben Sie mit Aikyou seit der Gründung gesammelt? Was hat sich in Sachen Körperakzeptanz und Body Positivity seither getan?

Mittlerweile sprechen alle über Body Positivity. Aber das hat leider in der Praxis nicht für Entspannung gesorgt. Uns scheint, der Ton in solchen Diskussionen wird in letzter Zeit sogar schärfer. Zum Beispiel musste sich Stefanie Giesinger erst diesen Sommer gegen Instagram-Hate-Kommentare wehren, die auf ihre kleinen Brüste abzielten.

Auch wir erhielten kürzlich auf Facebook über mehrere Wochen solche abwertende Bemerkungen – und zwar ausschließlich von Frauen! In einer anfeindenden Bissigkeit, die uns doch erstaunt hat. Unsere BHs würden die Brüste ja noch kleiner aussehen lassen, oder mit kleinen Brüsten brauche man sowieso überhaupt keinen BH, oder sogar, da wären doch gar keine Brüste, schrieben uns Leute. Dass Frauen sich so übereinander äußern, und jemanden, der offenbar nicht das eigene Selbstbild verkörpert, einfach so niedermachen, ist ein starkes Stück.

Woher kommen diese Angriffe Ihrer Meinung nach?

Wenn man mit einer Sache, bei der es negative Klischees gibt, in die Öffentlichkeit tritt und das aber positiv darstellt, dann ruft offenbar allein dieser Schritt schon Leute auf den Plan, die meinen, das schlechtreden zu müssen.

Denn bei Klischees, also in unserem Fall die Story vom „zu kleinen Busen“, kann man leicht einhaken. Vielleicht einfach, weil sich die kommentierenden Frauen dadurch nicht repräsentiert sehen, weil sie eine andere Brustgröße oder andere Stil-Vorstellungen haben. Zusätzlich hat das auch mit den Plattformen zu tun, auf denen das passiert, denn so ein Backlash ist in den Social Media natürlich sehr schnell und ohne Aufwand möglich.

Mehr zu „Aikyou“ und den Gründerinnen: 
Die Unternehmensgründung erfolgte 2011 durch Bianca Renninger, die „schon immer in und um Karlsruhe herum lebt“ und Gabriele Meinl, die in München geboren ist. Meinl und Renninger lernten sich „ungefähr um die Jahrtausendwende herum“ kennen. Damals waren beide im Marketing-Bereich tätig und arbeiteten immer wieder zusammen. Mit der Zeit kam Meinl und Renninger die Idee zu „Aikyou„. Ihr Vorbild ist Coco Chanel: „So wie sie einst das Kleine Schwarze erfand, stehen wir für den „kleinen schwarzen BH“, so Meinl.