Kampfsportler Sascha Sharma in seiner Schule für Brazilian Jiu Jitsu in Pforzheim. | Foto: Arndt Waidelich

Mixed Martial Arts

Birkenfelder Sascha Sharma will der ultimative MMA-Kämpfer werden

Der Käfig schließt sich hinter Sascha Sharma. Den Lärm von Tausenden Zuschauern, die Kameras, die für Millionen von Fernsehzuschauern in ganz Indien stehen, die eigenen Fluchtinstinkte – der Birkenfelder blendet all das aus. Auf diesen Moment hat er lange hintrainiert. Der Leichtgewichtler ist bereit für die Schlacht.

Das Martialische hat es Sascha Sharma angetan. Genauer gesagt: die Mixed Martial Arts (MMA). Der 29-Jährige lebt von dem Kampfsport, der vielen als der härteste der Welt gilt. Dabei wirkt er gar nicht wie die typische Kampfmaschine. Sharma ist kein Zweimetermann mit einem Bizeps in der Größe eines Medizinballs, Glatze und Ganzkörpertätowierungen. Der studierte Kommunikationswissenschaftler (Abschluss: Master) wirkt erstaunlich „normal“, drückt sich eloquent aus.

MMA ist die Suche nach dem stärksten Kämpfer

Und doch ist sein Sport, die MMA, aufgrund seiner Härte nicht unumstritten. Die Idee ist so simpel wie gefährlich: Es geht darum, den stärksten Kämpfer zu ermitteln. Judo, Kung-Fu, Ringen, Boxen, freie Technik – das Wie ist nahezu egal, nur wenige Techniken sind verboten, viele Kämpfer nutzen einen Mix. Selbst wenn der Gegner am Boden liegt, ist der Kampf noch nicht vorbei.

Seit den 1980er Jahren boomen die MMA. Die Ursprünge sind weitaus älter. Schon die antiken Olympischen Spiele kannten eine Kombinationssportart aus Boxen und Ringen, das Pankration. Über das brasilianische Vale Tudo entwickelten sich schließlich die MMA als eigene Disziplin.

„Es ist wichtig, Respekt zu haben.“

Die meisten Kämpfer, betont Sharma gegenüber dem Kurier, begegnen einander respektvoll. „Wir simulieren hier, wie man Menschen tötet. Das darf man bei allem nicht vergessen. Deshalb ist es wichtig, Respekt zu haben.“ Doch so ist es nicht immer. Sein jüngster Kampf in Indien hatte eine ganz besondere Note. Sharmas Gegner hatte im Vorfeld angekündigt, dessen Kopf solange mit dem Ellbogen zu malträtieren, bis Sharma aufgibt – selbst bei den MMA ist das verboten. „Der meinte das ernst“, erinnert sich Sharma und zuckt mit den Schultern. „Mir war das wurscht.“ Eine Runde brauchte er, um seinen Kontrahenten mit einer Würgetechnik zur Aufgabe zu zwingen.

Sharma kam über Umwege zu den MMA

Diese mentale Stärke hatte Sharma nicht immer. Der Sohn eines indischen Vaters und einer deutschen Mutter begann 2008 mit Kampfsport, und zwar Boxen. Ein großes Missverständnis, wie er heute sagt. „Ich wollte kämpfen. Mein Trainer meinte aber, ich sei nicht gut genug. Irgendwann habe ich das selbst geglaubt.“ Den Aha-Effekt erlebte er einige Jahre später bei seinem Mentor Oliver Maier im Brazilian Jiu Jitsu (BJJ), einer der effizientesten Kampftechniken bei den MMA (siehe „Stichwort“). „Er hat mir gesagt: Geh zur Meisterschaft, wenn du das willst. Kämpfe MMA, wenn du das willst.“ So wurde aus dem Boxer ein mehrfacher deutscher Meister im BJJ und schließlich ein MMA-Profi.

Doch warum kämpft man freiwillig bis aufs Blut in einem Käfig? Dem Medienprofi Sharma fällt eine Antwort erstaunlich schwer. „Wenn man noch nie gekämpft hat, kann man das schwer begreifen“, sagt er. „Man sucht sich eine Herausforderung, die einen an die Grenzen führt.“ Gewalt sei jedenfalls kein Antrieb. „So ein Vokabular wie: ,Hau ihm in die Fresse‘ gibt es bei mir nicht“, betont Sharma. Das bringe der Jugendwart des deutschen BJJ-Verbandes auch seinen Schülern im Training bei – seit Januar leitet er in Pforzheim eine Schule für Brazilian Jiu-Jitsu. „Ich will MMA beibringen wie jeden anderen Sport, und so, wie ich es selbst gelernt habe. Ich lege Wert auf Technik und auf eine ruhige Art.“

Sharmas will eines Tages zu den UFC

Und doch hat er einen großen Traum: „Ich will einmal bei der UFC kämpfen. Das wäre der Ritterschlag“, sagt er. Die Ultimate Fighting Championship (UFC) gilt als bedeutendstes MMA-Turnier der Welt. Viel Zeit bleibe ihm nicht mehr, glaubt Sharma: „Wenn ich es in den nächsten ein, zwei Jahren nicht schaffe, dann wohl nie mehr.“ Kurz davor war er schon einmal, als er bei der MMA-Reality-Fernsehshow „Ultimate Fighters“ in den USA mitgemacht hat. „Das ist wie die Castingshow zur UFC“, sagt Sharma. „In Amerika bin ich dadurch bekannter als in Deutschland“, sagt er.

Ein MMA-Kampf ersetzt ein Monatsgehalt

Finanziell lohne sich das moderne Gladiatorenleben, sagt Sharma. Allein schon sein jüngster Kampf in der indischen Super Fight League, bei der sein Team auf Platz drei landete, bringe ihm so viel Geld ein „wie das Monatsgehalt eines KfZlers.“ Hinzu kommen erstattete Anreise- und Hotelkosten. Ende des Jahres möchte er wieder nach Indien. Ganz anders sieht es in Deutschland aus. „Das ist mir hier alles zu unprofessionell“, klagt er. Viele Veranstalter würden „deutlich zu wenig“ zahlen, und nicht nur das. Sharma berichtet: „Nicht geeichte Waagen, keine Dopingkontrolle, Käfige, die nicht richtig isoliert sind – was zu Verletzungen führen kann. Das ist hier leider Realität.“

Und so denkt Sharma schon „an übermorgen“. Er berät Sportler bei der Öffentlichkeitsarbeit, schreibt für eine Computerzeitschrift, arbeitet als Trainer. Bis 35 wolle er noch kämpfen und danach eine Familie gründen. „Ich würde mich freuen, meinem Kind Brazilian Jiu-Jitsu und Boxen beizubringen“, sagt er. Dann hält er kurz inne. „MMA machen wir vielleicht etwas später.“

Stichwort: Brazilian Jiu Jitsu
Brazilian Jiu-Jitsu (BJJ) entstand aus den japanischen Jiu-Jitsu und Judo. Mitte des 20. Jahrhunderts kreierten die Brüder Carlos und Helio Gracie daraus eine speziell brasilianische Variante, die insbesondere Größen- und Gewichtsunterschiede durch spezielle Techniken ausgleichen sollte. Bekannt wurde BJJ durch die nächste Generation der Gracies. Um die Überlegenheit dieser neuen Kampfkunst zu zeigen, organisierten Familienmitglieder in den USA Wettkämpfe mit Vertretern anderer Stile – die Geburtsstunde der Ultimate Fighting Championship (UFC) und somit der modernen Mixed Martial Arts (MMA).
Nachdem insbesondere Royce Gracie in den 1990er Jahren zahlreiche Turniere gewann, etablierte sich Brazilian Jiu-Jitsu schnell in der Szene und gilt bei den MMA noch immer als eine der effizientesten Techniken im „Grappling“, also dem Bodenkampf. Darüber hinaus gibt es auch reine BJJ-Turniere mit strikterem Reglement als bei den MMA.