Jahrelang soll der Angeklagte seine Familie terrorisiert haben, sechs Fälle klagte Staatsanwältin Christine Roschinski dieses Mal an. | Foto: pr

Schläger-Prozess in Pforzheim

„Bitte sperren Sie meinen Sohn ein“

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Der Fall um häusliche Gewalt, der in Pforzheim vor der Großen Strafkammer unter Vorsitz von Richter Andreas Heidrich fortgesetzt wurde, passte auf bittere Weise zum Weltfrauentag, unterstrich er doch einmal mehr, wie schwer es den meist weiblichen Opfern fällt, aus dem Teufelskreis aus Angst und Gewalt auszubrechen.

Von Isabel Hansen

Jahrelang soll der Angeklagte seine Familie terrorisiert haben, sechs Fälle klagte Staatsanwältin Christine Roschinski dieses Mal an. Mehrmals zwischen April 2015 und Februar 2017 wurde die Polizei in die Wohnung in Pforzheim gerufen, in der der Angeklagte damals mit seiner Mutter und vier Geschwistern lebte, um die aufgeheizte Situation zu entschärfen. Als Zeugen durften die Polizisten indes nichts zu den vor Ort geäußerten Anschuldigungen berichten. Ihre Zeugnisverweigerungsrechte, von denen die Opfer kurz vor Prozessbeginn Gebrauch gemacht haben, gilt für die Einsatzbeamten auch rückwirkend.

Ein Richter als wichtigster Zeuge

Dieser „Maulkorb“ gilt allerdings nicht für Richter Philipp Hauenschild, der Mutter und Schwester wenige Tage nach der letzten angeklagten Tat im April 2017 vernahm und damit zum wichtigsten Zeugen avancierte. Sein Protokoll skizziert ein Bild von hemmungsloser Brutalität des Angeklagten, der Geldforderungen mit Drohungen durchsetzte, dabei auch schon einmal zum Messer griff und bereits bei Nichtigkeiten ausrastete, mit Beleidigungen um sich warf und dann bei der Wortwahl nicht zimperlich war. „Ich fick Dich, ich vergewaltige Dich, ich bring Dich um“, wiederholte Richter Hauenschild gestern eine Auswahl der unflätigen Sätze, die ihm von Mutter und Tochter genannt wurden.

Drohungen, bis das Geld kommt

Das Tatritual, das die Familie beschrieb, war immer gleich: „Er bekommt Hartz IV. Das Geld hat er nach wenigen Tagen ausgegeben, dann verlangt er Geld von uns. Er schlägt gegen Schränke, tritt gegen Mülleimer und bedroht uns, bis er das Geld bekommt. Dann war sofort Ruhe.“

Auch Geldstrafen, zu denen das Gericht den Angeklagten wegen häuslicher Gewalt verurteilt hat, soll der 28-Jährige über seine Familie refinanziert haben, indem er seinen Angehörigen das Geld abgepresst hat. „Als ich sein Zimmer aufgeräumt habe, ist mein Sohn mit dem Messer gekommen. Ich habe mir dann Geld geliehen und ihm gegeben.“

„Bitte sperren Sie meinen Sohn ein“

„Bitte sperren Sie meinen Sohn ein, seine Geldstrafen müssen doch nur wir bezahlen“, so der Hilferuf der Mutter gegenüber Vernehmungsrichter Hauenschild. Bei diesem blieb auch zwei Jahre nach der Vernehmung noch der Eindruck haften, dass die Opfer jahrelang gelitten haben müssen. So lange, bis die Vorfälle in ihrer Erinnerung zu einem Meer aus Aggressionen verschwommen sind. „Die Opfer haben zwar viele Angriffe geschildert, es fiel ihnen aber schwer, einen konkreten Ablauf chronologisch zu beschreiben“, berichtete Hausenschild von langwierigen Gesprächen, die durch fehlende Deutschkenntnisse der Mutter erschwert wurden.

Der Prozess wird am 18. März um 9 Uhr fortgesetzt.