Keine Sorgen macht sich der Chef des Pforzheimer Raubdezernats, Waldemar Großöhmigen, wenn die Kripo-Direktion nach Calw kommt. Es werde in Pforzheim weiter genug Ermittler geben. | Foto: Ochs

Pforzheim: Sicherer Stadtkreis

Chef des Raubdezernats sieht Kripo gut aufgestellt

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Pforzheim und der Enzkreis gehören zu den sichersten Kreisen in Baden-Württemberg. Das sagt Waldemar Großöhmigen, Chef des Raubdezernats in Pforzheim, der in seinem Bereich unter anderem Fälle von Raub und räuberischer Erpressung bearbeitet. Im Vergleich mit den Städten Ulm und Heilbronn habe Pforzheim in den vergangenen Jahren besser abgeschnitten. Der 64-Jährige weiß aber auch, dass es Fälle gibt, die besonders in Erinnerung bleiben oder die bei den Menschen für großes Aufsehen sorgen. Der Überfall auf eine 67-jährige Frau am 16. August, die tagsüber in der Pforzheimer Innenstadt ausgeraubt wurde, hat in der Region für Verunsicherung gesorgt. Sechs Fälle von Handtaschenraub gab es 2016 in Pforzheim. Das ist ein Fall in zwei Monaten.

Zahl der Raubdelikte im Stadtkreis gesunken

Diese Taten führen dazu, dass das Sicherheitsempfinden vieler Bürger angeknackst ist. Der Blick auf die Zahlen lasse aber einen anderen Schluss zu, sagt der Kriminalist, der seit 1976 im Polizeidienst ist. Im Stadtkreis sind Straftaten wie Raub und räuberische Erpressung im Zeitraum von 2012 bis 2016 von 87 auf 64 gesunken. Im Enzkreis in der selben Zeit von 22 auf 29 gestiegen. Aus Sicht der Polizei ist dies keine auffällige Entwicklung. „Im Kreis ist es eher ein Auf und Ab auf relativ niedrigem Niveau. 2016 registrierten wir 29 Fälle, im Jahr zuvor lediglich 15“, sagt Großöhmigen im Gespräch mit dem Pforzheimer Kurier. Den immer mal wieder kursierenden Vorwurf, die Polizei oder die Politik fälsche die Zahlen, weist Großöhmigen vehement zurück: „Wir bearbeiten hier Straftaten, die angezeigt werden oder auf anderem Weg zu uns gelangen. Da gehen die Fälle automatisch in die Statistik ein – da wird nichts geschönt.“

 

Eine Neustrukturierung des Polizeiapparats wird es in den kommenden Jahren in der Pforzheimer Bahnhofstraße geben. | Foto: Ochs

Neues Präsidium: Kripo befürchtet keine Personal-Einschnitte

Was viele Pforzheimer derzeit umtreibt, ist die Frage nach der künftigen Ausrichtung des neuen Polizeipräsidiums Nordschwarzwald mit Sitz in Pforzheim. Das Stuttgarter Kabinett hat beschlossen, dass die Kripo-Direktion nach Calw kommt. Ist das für Pforzheimer Belange nicht zu weit weg? „Falls die Kripo-Direktion tatsächlich nach Calw kommt, heißt das nicht, dass es in Pforzheim keine oder nicht genug Ermittler gibt.“ Der erfahrene Polizist, der in Mühlacker wohnt und dort von 2005 bis 2013 die Kripo leitete, hat viele Entwicklungen und Veränderungen im Polizeiapparat erlebt. Er ist überzeugt: „Wir waren bisher, vor und nach der Polizeireform, in der Lage, auch umfangreiche und qualitativ anspruchsvolle Raubdelikte mit unserem Personal erfolgreich zu bearbeiten.“

Der Banküberfall ist nicht mehr lukrativ

Raubdelikte, die viel Personal binden, sind zum Beispiel Banküberfälle. Ein Blick auf die Statistik lässt den Schluss zu, dass dieses Delikt ein Auslaufmodell ist. Zwischen 2012 und 2016 gab es im Stadtkreis Pforzheim und im Enzkreis je fünf Banküberfälle. Sechs davon konnten aufgeklärt werden. Laut Bundeskriminalamt ist die Zahl bundesweit von 1 624 (1993) auf 203 (2015) zurückgegangen, die Aufklärungsquote liegt bei 68 Prozent. Die Fallzahlen sind rückläufig. „Der Banküberfall ist nicht mehr lukrativ“, stellt Großöhmigen fest. Erhöhte Sicherheitsvorkehrungen, moderne Aufzeichnungstechnik, begrenzte Beute und eine relativ hohe Aufklärungsquote schreckten potenzielle Täter ab.

Seit über 40 Jahren im Polizeidienst: Waldemar Großöhmigen ist seit 2014 Chef des Pforzheimer Raubdezernats. | Foto: Ochs

Neue Hinweise zum Bankraub in Öschelbronn

Pech hatte ein Angestellter der Sparkasse Pforzheim Calw: Sowohl beim Banküberfall im Mai 2016 in Lienzingen als auch im April dieses Jahres in Öschelbronn hatte der Banker gerade Dienst. Der Überfall auf die Öschelbronner Filiale liegt fast ein halbes Jahr zurück. Das Täter-Duo war bewaffnet und konnte unerkannt flüchten. Jetzt gibt es aber neue Hinweise, verrät der Kriminalhauptkommissar. Die Chancen, die Bankräuber zu erwischen, seien wieder gestiegen. Satteln Bankräuber dann auf andere Delikte um? Denn einige Kriminelle spezialisieren sich auf den Diebstahl von Baumaschinen, Navi-Geräten, Katalysatoren und elektronischen Geräten in Autos. Das sei eher unwahrscheinlich, denn hier handele es sich um einen anderen Tätertypus. Wer eine Bank überfällt, neige eher zu Gewaltbereitschaft als ein Dieb von Navi-Geräten. Bei allen Raubdelikten, die der Polizist in seiner Laufbahn bearbeitet hat, waren keine Todesopfer dabei. Er hofft, dass das bis zu seiner Pensionierung im Februar so bleibt.

Kommentar:
Jahr für Jahr sorgt die Veröffentlichung der Kriminalitätsstatistik in Pforzheim für Gesprächsstoff. Im Wahlkampf muss so manche Zahl für populistische, oft unhaltbare Thesen herhalten. Von einem Einzelfall, mag er noch so verheerend für den jeweiligen Betroffenen sein, auf einen Trend zu schließen oder gar Schreckensszenarien heraufzubeschwören, führt aber in die Irre. In Pforzheim und im Enzkreis leben gut 320 000 Menschen. Wer hier nachts auf die Straße geht, muss nicht um sein Leben fürchten. Damit dies so bleibt, braucht es eine leistungsstarke, gut ausgestattete Polizei – technisch wie personell.
Möchte die Polizei bei der Bevölkerung nicht nur damit punkten, den Rückgang von Straftaten oder eine hohe Aufklärungsquote in Szene zu setzen, sondern das subjektive Sicherheitsgefühl der Menschen in Pforzheim und im Enzkreis zu stärken, dann braucht es im künftigen Pforzheimer Polizeipräsidium keine Ansammlung von ranghohen Abteilungsleitern. Was die Menschen wollen, sind Uniformierte auf den Straßen, die beim Oechsle-Fest für Deeskalation sorgen, nachts über den Waisenhausplatz patrouillieren oder auf dem Land Präsenz zeigen und Einbrecher-Banden abschrecken. Darauf sollte bei der künftigen Ausrichtung des Polizeipräsidiums ein besonderes Augenmerk gerichtet werden. Auch dürfen Kripo-Beamte in Pforzheim nicht fehlen, nur weil in Calw die Direktion ist. Dies würde die Polizeiarbeit in der Goldstadt schwächen. Tassilo Pfitzenmeier