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BESUCH IN PFORZHEIM: Prof. Ulrich Fuchs, Vorsitzender der EU-Jury zur Auswahl europäischer Kulturhauptstädte. | Foto: privat

Kulturhauptstadt-Bewerbung

Chef von EU-Jury: Pforzheim hat mich überrascht

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Welche deutsche Stadt darf den Titel Kulturhauptstadt Europas 2025 tragen? Jetzt wurde der Wettbewerb offiziell ausgeschrieben. Bislang einziger Bewerber aus Baden-Württemberg ist Pforzheim. Ulrich Fuchs, der aktuelle Chef der EU-Jury zur Auswahl Europäischer Kulturhauptstädte, hat sich kürzlich in der potenziellen Kulturhauptstadt Pforzheim umgesehen – und zeigte sich überrascht.

Die offizielle Ausschreibung wurde am vergangenen Montag in Berlin gestartet: Kultusministerkonferenz und die Kulturstiftung der Länder rufen interessierte deutsche Städte auf, sich bis zum 30. September 2019 um den Titel zu bewerben, teilte die Stiftung in Berlin mit. Unter den potenziellen Bewerbern ist bekanntlich auch Pforzheim – als bislang einzige Stadt aus Baden-Württemberg.

Chef von EU-Jury nach Pforzheim-Besuch überrascht

Wie berichtet hat sich der Gemeinderat der Stadt Pforzheim dazu entschieden, eine Bewerbung anzugehen, nachdem eine Gruppe Unternehmer um Wolfgang Scheidtweiler (Brauhaus, Parkhotel, Gasometer) die komplette Projektfinanzierung in Aussicht stellte. Die finale Entscheidung hängt aber davon ab, ob der Stadt wie von OB Peter Boch gefordert, keine Kosten entstehen. Um diese Frage ging es unter anderem auch bei einem Besuch des Kulturhauptstadt-Experten Prof. Ulrich Fuchs in Pforzheim. Der amtierende Vorsitzende der EU-Vergabejury war auf Einladung der Sponsoren um Scheidtweiler nach Pforzheim gekommen. Im Interview mit dem Pforzheimer Kurier und BNN.de äußert sich der in Marseille lebende Fuchs zu seinen Eindrücken aus Pforzheim und erklärt, was ihn an der Stadt überrascht hat.

Ulrich Fuchs, Vorsitzender der EU-Jury zur Auswahl Europäischer Kulturhauptstädte, im Interview mit BNN.de:

Sie waren schon in mehreren Bewerbungsteams. Seit 2014 sind Sie in der Auswahl-Jury. Was raten Sie Bewerbern?

Fuchs: Die Verantwortlichen sollten die Chancen und Risiken einer Bewerbung gut abwägen. Das ist wie bei einer Hochzeit. Man trifft eine Entscheidung, die Auswirkungen auf viele Jahre hat. Wenn man da nicht an einem Strang zieht, wird nur viel Energie und Geld verschwendet. Läuft es gut, kann es die Stadtentwicklung zehn Jahre nach vorne katapultieren.

Sie waren unlängst in Pforzheim, sprachen mit hiesigen Projektverantwortlichen. Was war Ihr Eindruck?

Fuchs: Mich hat der Enthusiasmus der Unternehmerinnen und Unternehmer überrascht. Normalerweise reagiert die Wirtschaft erst einmal zurückhaltend auf Bewerbungspläne aus der Politik. In Pforzheim ist es eher andersherum.

Nun ja, Pforzheim hat große finanzielle Probleme …

Fuchs: Das trifft sicherlich auch auf die Bewerberstädte Magdeburg und Chemnitz zu. Es ist absolut professionell, dass die Pforzheimer Verwaltungsspitze alle Belange sorgfältig prüft. Die Finanzlage ist allerdings kein Ausschlusskriterium.


Prof. Dr. Fuchs war von 2010 bis 2014 stellvertretender Intendant und Programmdirektor der Europäischen Kulturhauptstadt Marseille-Provence und zuvor von 2005 bis 2010 der Europäischen Kulturhauptstadt Linz 2009. Seit 2014 ist der in Marseille lebende Geisteswissenschaftlers Mitglied der EU-Auswahljury, derzeit auch Juryvorsitzender.

Stadtverwaltung gibt sich zurückhaltend

Die Stadtverwaltung teilte im Nachgang des seines Besuchs in Pforzheim auf Anfrage des Pforzheimer Kurier mit: „In der vergangenen Woche fanden mehrere Gespräche mit dem Vorsitzenden der Jury der Europäischen Kommission zur Auswahl, Begleitung und Evaluierung aktueller und künftiger europäischer Kulturhauptstädte, Herrn Dr. Ulrich Fuchs, statt. Daran nahmen u.a. die Bürgermeisterriege der Stadt Pforzheim, die Investorengruppe, weitere Unternehmer, Vertreter der Landkreise Freudenstadt, Calw und des Enzkreises, Vertreter der Hochschule sowie Mitglieder des Gemeinderats teil. Die Darstellung der Chancen, Risiken und Kosten einer Bewerbung waren für alle Beteiligten informativ, auch mit Blick auf die nächsten Verfahrensschritte.  Ansonsten gibt sich die Stadtverwaltung  zum Ausschreibungsstart eher zurückhaltend. Man sei „in engem Kontakt mit der privaten Initiative, um die verschiedenen Fragestellungen zu klären, die der Stadt vom Gemeinderat in seinem Beschluss im Juli mit auf den Weg gegeben wurden.“ Derzeit gebe es aber noch nichts Konkretes.

Präsentiert OB Boch Pforzheim-Bewerbung in Berlin?

Der weitere Zeitplan: Eine zwölfköpfige europäische Expertenjury wird nach einem zweistufigen Auswahlverfahren im Herbst 2020 ihren Favoriten empfehlen. Mit der Titelvergabe ist der Stiftung zufolge ein mit 1,5 Millionen Euro dotierter Preis verbunden. Ein erster wichtiger Termin führt eine Pforzheimer Delegation am 15. Oktober nach Berlin. Dort gibt es zunächst einen Workshop und tags darauf beim „Infotag Europäische Kultur erlebbar gestalten“ eine Kurz-Präsentationen der Bewerberstädte.
Pforzheims Oberbürgermeister Peter Boch während einer Gemeinderatssitzung im Ratssaal
PRÄSENTATION IN BERLIN? Pforzheims Oberbürgermeister Peter Boch | Foto: str
Diese Präsentation im Europäischen Haus am Brandenburger Tor werde derzeit erarbeitet, so Kulturbürgermeisterin Sibylle Schüssler auf Anfrage. Wolfgang Schweidtweiler zeigte sich auf Kurier-Anfrage ebenfalls zuversichtlich: „Die Vorbereitungen laufen gut.“ Scheidtweiler zufolge will OB Peter Boch die Pforzheim-Präsentation persönlich übernehmen.

Offizielle Internetpräsenz des deutschen Wettbewerbs zur Kulturhauptstadt: www.2025kulturhauptstadt.de