Geht nach strikten Regeln vor: Containment Scout Tim Sottona vom Gesundheitsamt Pforzheim überbringt Corona-Infizierten die schlechte Botschaft und verfolgt deren Kontakte zurück. Durch seine Arbeit werden Infektionsketten unterbrochen. | Foto: Tobias Schächter

Quarantäne für Kontaktpersonen

Wie ein Containment Scout im Gesundheitsamt Pforzheim Corona-Infektionen nachverfolgt

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Die Aufgabenbeschreibung von Tim Sottona klingt ein wenig wie die eines Krimi-Ermittlers – nur für Corona-Fälle. Sottona verfolgt für das Gesundheitsamt Pforzheim Infektionsketten, spürt Corona-Infizierte auf und bringt sie in Quarantäne.

Tim Sottona lacht herzlich. Auch die blaue Schutzmaske kann dies nicht verbergen, die der junge Mann unter seiner schwarzen Brille trägt. Sie vibriert ein bisschen als er sagt: „Ich bin ein Geschenk des Robert Koch-Instituts.“

Wobei Sottona nicht aus einer Torte gesprungen ist, als er sich vor vier Wochen im Gesundheitsamt Pforzheim vorgestellt hat. Der 30-Jährige kam in der Not – und im Rahmen eines Pilotprojekts des RKI zusammen mit einer Kollegin als Helfer für die Nachverfolgung von Infektionsketten von positiv auf das Coronavirus getesteten Menschen.

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Seit 15. April arbeitet Sottona in Pforzheim. Als Containment Scout. Wie so vieles seit dem Ausbruch des Virus ist auch diese Arbeit neu ins Bewusstsein der Öffentlichkeit gerückt. Ins Deutsche übersetzt bedeutet Containment soviel wie „Eindämmung“.

Das wichtigste Werkzeug in der Corona-Pandemie ist Nachverfolgung von Infektionsketten

Die Nachverfolgung von Infektionsketten ist in der Corona-Pandemie das zentrale Werkzeug, um die Verbreitung des Virus aufzuhalten. Dafür haben die Gesundheitsämter seit Beginn der Krise ihren Mitarbeiterstab stark ausgebaut, Studenten, Bundeswehrsoldaten oder Mitarbeiter der Gesundheitsämter aus anderen Bereichen wurden rekrutiert.

Tim Sottona gehört seit vier Wochen in Pforzheim dazu. Der Biologe aus Mühlacker hat sein Studium am Karlsruher KIT gerade abgeschlossen. „Wir sind froh, dass wir ihn haben“, sagt Heike Theilmann. Sie ist aktuell sogenannte Case-Managerin im Gesundheitsamt Pforzheim. Eigentlich ist sie dort im Kinder- und Jugendärztlichen Dienst beschäftigt – doch das Virus drängte alles andere in den Hintergrund.

In der Pforzheimer Behörde arbeiten bis zu 15 Personen in der Nachverfolgung von Infektionsketten. Ein Team konzentriert sich speziell auf die Ausbreitung des Virus beim Birkenfelder Unternehmen Müller-Fleisch. 399 Personen sind dort bislang positiv getestet worden, darunter viele Mitarbeiter aus Osteuropa.

Der große Corona-Ausbruch unter Mitarbeitern von Müller-Fleisch beschäftigt beim Gesundheitsamt Pforzheim ein ganzen Team von Mitarbeitern. | Foto: Fix

Ein Containment Scout muss jeden Corona-Ausbruch komplett lösen

Die Aufgabe der Kontaktpersonen-Ermittler erfordert viele Eigenschaften. „Ein Containment-Scout muss belastbar und stresstolerant sein, eine hohe soziale Kompetenz mitbringen sowie die Motivation, jeden Ausbruch komplett zu lösen“, sagt Heike Theilmann.

Für Tim Sottona bedeutet das: viel Verantwortung. Denn er ist nicht nur der Erste, der einem positiv getesteten Menschen die schlechte Nachricht überbringt. Er muss diesem und möglicherweise auch einigen Kontaktpersonen „die Quarantäne aussprechen“, wie es im Amtsdeutsch heißt.

Wer länger als 15 Minuten mit einem Erkrankten in kurzer Distanz Kontakt hatte, muss in eine 14-tägige Quarantäne – unabhängig, ob diese Person Symptome zeigt oder nicht. Wer weniger als 15 Minuten und in weiterem Abstand Kontakt mit einem Erkrankten hatte, muss nicht in die Isolation, aber auf seine Symptom-Entwicklung achten.

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Corona-Nachverfolgung ist für Gesundheitsämter eine große Herausforderung

Am Anfang einer Nachverfolgung steht immer ein Laborbefund mit einem Namen, einem Geburtsdatum, einer Adresse und einer Telefonnummer. Nicht mehr. „Jede positiv getestete Person ist individuell zu betrachten“, sagt Heike Theilmann.

In der Hochphase der Pandemie sei man an Grenzen gestoßen, erzählt Theilmann: „Wir sind im Prinzip unterbesetzt, haben es aber geschafft, jede Nachverfolgung abzuschließen. Dadurch haben wir viel für den Bevölkerungsschutz getan.“

Containment Scouts haben es mit Menschen aus allen Alterschichten, Berufsgruppen und Milieus zu tun. Das Virus kennt keine Grenzen. An diesem Tag klopft es gegen Mittag an der Tür des kleinen Amtszimmers, das sich Sottona und Theilman teilen. Ein Mann aus dem Labor bringt eine Akte mit einem positiven Befund: eine älteren Frau. Sie ist die erste positiv getestete Person an diesem Tag.

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Zwar seien die Infektionen in den letzten Wochen zurückgegangen, erzählt Sottona, nicht aber die Zahl der Kontakte. Nach den Lockerungen der Restriktionen erhöhte sich die Zahl der Kontaktpersonen wieder. Tim Sottona versucht sofort nach Erhalt des Befunds Kontakt mit der Person aufzunehmen. Er hat dafür einen ausgeklügelten Gesprächsfaden mit 17 Punkten als Vorlage.

Tim Sottona ist Seelsorger und Behördensprecher in einem

Die Reaktionen auf einen Anruf sind so unterschiedlich wie die Menschen. Doch bei den meisten Betroffenen sei nach der Mitteilung einer Corona-Infektion nicht die Angst vor der Krankheit am größten, sondern die Angst davor, andere anzustecken: „Und das ist eine noble Angst“, sagt Sottona, der während eines Gesprächs viele Rollen einnehmen muss. Vor allem am Anfang eines jeden Telefongesprächs muss seine Stimme beruhigend wirken.

Doch beim Aussprechen der Quarantäne schaltet er auf seine „Behördenstimme“ um, sagt Sottona. Denn das ist kein Spaß. Gegen die Quarantäne zu verstoßen, wird hart bestraft. Sottona spricht jeder Person eines Haushalts persönlich die Quarantäne aus, Kindern über ihre Erziehungsberechtigten, wenn jemand kein Deutsch spricht, wird ein Übersetzer hinzugezogen.

Bevor er die Kontaktpersonen anruft, unterbricht Sottona ein Gespräch, weil er den Infizierten Gelegenheit geben will, die Kontaktpersonen zu informieren. Sottona teilt die Kontakte in „privat“ und „beruflich“ ein. Der Tag endet für ihn erst, wenn alle Kontaktpersonen abtelefoniert sind. „Viele rechnen nicht mit einer Infektion, weil sie glauben, alles richtig gemacht zu haben“, berichtet er.

Sottona ist dann als eine Art Seelsorger gefragt. „Oft gib es die Sorge um den Arbeitsplatz, wenn Quarantäne ausgesprochen wird“, erzählt er. Manche negative, gar drohende Reaktion komme oft erst am nächsten Tag. Aber 90 Prozent der Betroffenen reagierten verantwortungsbewusst, so Sottona.

Ein Hygienekonzept für Pflegeheime ist in Arbeit

Wie viele Menschen er als Überbringer schlechter Nachricht schon angerufen hat, will er nicht erzählen. Oft ist Recherchearbeit gefragt, weil beispielsweise die Telefonnummer fehlt. Auch an diesem Tag gelingt es ihm, die alte Frau zu sprechen und alle Kontaktpersonen zu erreichen. Auch seine Behördenstimme muss er einsetzen, Quarantänen aussprechen.

Sechs Monate läuft sein Vertrag. Er arbeitet derzeit an einem besseren Hygienekonzept für Pflegeheime mit, um für eine mögliche zweite Welle gerüstet zu sein. Tim Sottona würde gerne beim Gesundheitsamt in Pforzheim weiterarbeiten. Auch dann, wenn er nicht mehr als Überbringer von schlechten Nachrichten gebraucht wird.

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