Helfer in Uniform: Noah Kloss, Felix Lücke, Christopher Hutson und Viktoria Galaganov (von links) haben fast fünf Wochen im Auftrag des Gesundheitsamts Sammelunterkünfte von Müller Fleisch-Mitarbeitern und Asylbewerbern inspiziert. Angelika Edwards, Remo Siebenbaum und Brigitte Joggerst (von rechts) waren dankbar für die Hilfe.
Helfer in Uniform: Noah Kloss, Felix Lücke, Christopher Hutson und Viktoria Galaganov (von links) haben fast fünf Wochen im Auftrag des Gesundheitsamts Sammelunterkünfte von Müller Fleisch-Mitarbeitern und Asylbewerbern inspiziert. Angelika Edwards, Remo Siebenbaum und Brigitte Joggerst (von rechts) waren dankbar für die Hilfe. | Foto: Ehmann

Unterstützung im Enzkreis

Corona-Ausbruch bei Müller-Fleisch rief Bundeswehr-Soldaten auf den Plan

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Drei Soldaten und eine Soldatin inspizieren eine Unterkunft der Mitarbeiter von Müller-Fleisch in der Corona-Krise. Es wird nicht nur die Größe der Räume gemessen und die Zahl der darin lebenden Personen überprüft. Sie sehen sich Böden und Wände an, untersuchen, was abwaschbar ist und ob die richtigen Desinfektionsmittel verwendet werden. All das wird auf einer Checkliste vermerkt.

Eine Unterkunft nach der anderen haben die jungen Bundeswehrangehörigen in Pforzheim und dem Enzkreis auf diese Weise unter die Lupe genommen.

Nach fast fünf Wochen ist der Einsatz in Diensten des Gesundheitsamts beendet, sind rund 1.200 Datensätze aus 40 Asyl- und zwölf Sammelunterkünften des Birkenfelder Unternehmens in Computer eingespeist.

Wir könnten sie uns dauerhaft hier vorstellen.

Brigitte Joggerst, Leiterin des Gesundheitsamts, über Bundeswehr-Einsatz

Geschlossen werden musste keine Unterbringung. „Wir könnten sie uns dauerhaft hier vorstellen“, zieht Brigitte Joggerst, Leiterin des Gesundheitsamts, erfreut Bilanz nach einer ungewöhnlichen Unterstützung in ungewöhnlichen Zeiten.

Bitte um Amtshilfe nach Corona-Ausbruch bei Müller-Fleisch

Die Bitte um Amtshilfe ging von der Behörde aus – nach dem Corona-Ausbruch bei Müller-Fleisch. Als sich abzeichnete, dass das Gesundheitsamt damit überfordert sein würde, sämtliche Kontaktdaten der infizierten Mitarbeiter von Müller Fleisch zurückzuverfolgen, wandten sich Joggerst und ihre Mitarbeiter ans Sozialministerium.

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Das Gesuch wurde nach Berlin weitergeleitet, und von dort kam wenig später grünes Licht: Die rechtlichen Voraussetzungen waren geklärt, und die Bundeswehr hatte genügend Ressourcen, so dass sie für die zivile Hilfe Christopher Hutson, Felix Lücke, Noah Kloss und Viktoria Galaganov vom Sanitätsunterstützungszentrum Stetten am kalten Markt abstellte.

Wir sind immer sehr positiv empfangen worden.

Christopher Hutson, Oberfeldwebel 

Wie die Bewohner in den Unterkünften auf die uniformierten Besucher reagierten? „Wir sind immer sehr positiv empfangen worden“, sagt Oberfeldwebel Christopher Hutson.

Auch bei Passanten erregte der kleine Trupp Neugier. Nach der klärenden Antwort, dass man das Gesundheitsamt im Zusammenhang mit Corona unterstütze, seien alle zufrieden gewesen.

„Helfende Hände“ und Fachkräfte sind im Einsatz

Bundeswehrangehörige werden immer dann um Unterstützung gebeten, wenn die Kräfte vor Ort nicht ausreichen, um eine Krisensituation zu bewältigen. Oberstleutnant Markus Kirchenbauer, der beim Landeskommando Baden-Württemberg die Informationsarbeit leitet, nennt Schnee- und Hochwasserkatastrophen als Beispiele einer Amtshilfe.

In Sachsen rief kürzlich der Borkenkäfer Soldaten auf den Plan. Dabei stellte die Bundeswehr neben „helfenden Händen“ auch Fachkräfte. Denn für den Kampf gegen den gefräßigen Schädling braucht es Mitarbeiter, die eine Kreissäge bedien können.

Das Stettener Quartett wertet den Einsatz in Pforzheim als positive Abwechslung zur Kaserne. Bei den Begehungen in den Unterkünften wurden sie von Remo Siebenbaum, dem Hygienekontrolleur des Gesundheitsamts begleitet und einem Dolmetscher.

„Die Bewohner in den Unterkünften können kaum Deutsch“, beschreibt Behördenleiterin Joggerst eine weitere Herausforderung. Alle Maßnahmen des Gesundheitsamts seien von Anfang an fachlich durch das Robert-Koch-Institut begleitet worden.

Wir sind kein Begleitschutz für die Gesundheitsbehörde.

Markus Kirchenbauer, Oberstleutnant 

Die Soldaten tragen keine Waffen aber Uniform. Und das gehört zum Selbstverständnis der Bundeswehr. „Es geht nicht um Machtdemonstration. Aber wir verstecken uns auch nicht“, stellt Kirchenbauer klar. Man helfe immer, wenn es erforderlich sei.

Doch müssten Verpflegung und Unterbringung vor Ort gewährleistet sein. Sollte es bei einem zivilen Einsatz zum Zwischenfall kommen, „dann haben unsere Leute dieselben Rechte und Pflichten wie jeder andere Bürger“, wischt Kirchenbauer eine mögliche Fehleinschätzung vom Tisch, wonach ein Soldat in einer Bedrohungssituation eben mal schnell Polizist spielen könne. „Wir sind kein Begleitschutz für die Gesundheitsbehörde.“

Solche Amtshilfe durch die Bundeswehr gab es bislang nicht

Beim Gesundheitsamt kann man sich an eine vergleichbare Amtshilfe nicht erinnern. Überlegungen dazu gab es aber bereits im Kontext von Schweine- und Vogelgrippe.

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Und sollte ein Impfstoff gegen Covid-19 entwickelt werden, ist ein weiterer Einsatz von Soldaten vorstellbar. „Wir müssten eine Impfstraße aufbauen, um in Kooperation mit niedergelassenen Ärzten möglichst viele Menschen zu erreichen“, denkt stellvertretende Amtsleiterin Angelika Edwards voraus, und Joggerst verweist auf Pandemieplanungen auf allen Ebenen, die es im Groben bereits gebe.

Ob die Mängel auf den von den Soldaten erstellten Checklisten behoben sind, will das Gesundheitsamt bis Ende Juli überprüfen bei einer erneuten Begehung der Sammelunterkünfte überprüfen.