Mantaplatte to go: Die Currywurst wird 70 Jahre alt. | Foto: Jörg Carstensen

Wandlungsfähiger Evergreen

Der „Maurerpimmel“ wird 70 – der Currywurst zum Geburtstag

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Kulinarische Innovation, Kassenschlager, Kult-Objekt: Die Currywurst wird 70 und hat eine wechselvolle Geschichte hinter sich. Ob das mehr an der Wurst oder an der Soße liegt, darüber streiten sich die Experten. Klar ist: vielleicht passt kein Lebensmittel besser zur Geschichte der Bundesrepublik, als eben die Currywurst. Zeit also für eine Hommage an den „Maurerpimmel“.

Die Currywurst ist eigentlich etwas Grundsolides. Das liegt natürlich mehr an der Wurst als am Curry: Sie ist praktisch seit Urzeiten Bestandteil der hiesigen Küche, ein Stück Hausmannskost, zutiefst bodenständig. Es liegt im Wesen der Wurst, alle Extravaganz zurück auf den Boden der Tatsachen zu holen.

Wurst ist wichtiger als Soße

Zugleich spielt sie eine tragende Rolle beim Gelingen der Currywurst. Das findet zumindest Henriette Kuhnke, die mit ihrem Sohn Brodbecks Imbiss in der Pforzheimer Zehnthofstraße betreibt. „Die Wurst ist wichtiger als die Soße“, erklärt sie. Stimme die Konsistenz nicht, sei dem Fleisch zuviel Fett zugesetzt oder die Wurst anderweitig schlecht, dann könne auch die beste Soße nix mehr retten. „Wir holen unsere Wurst daher nur vom Metzger unseres Vertrauens, da können wir uns auf die Qualität verlassen.“  Was ihr noch wichtig ist: „Der Ketchup sollte erwärmt sein, wenn er auf die Wurst kommt. Wo standardmäßig kalter Ketchup auf die Wurst kommt, kann es mit der Qualität insgesamt nicht weit her sein.“

Eine Gedenktafel in Berlin erinnert an Herta Heuwer und ihren Imbiss. | Foto: Alina Novopashina/dpa

Die Geschichte der Currywurst beginnt praktisch zeitgleich mit der Bundesrepublik. Am 4. September 1949, knapp drei Monate nach Inkrafttreten des Grundgesetzes, soll dort eine Frau namens Herta Heuwer in einem Imbiss in Charlottenburg erstmals eine Wurst in einer Soße aus Tomatenmark, Currypulver und ein paar anderen Zutaten verkauft haben. Das Deutsche Patentamt trug die bieder-exotische Mischung schließlich im Januar 1959 als Wort- und Bildmarke „Chillup“ in seine Zeichenrolle ein.

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Mantaplatte und Hafenlümmel

Ihrer Schöpferin bescherte die Currywurst bescheidenen Wohlstand: Den Imbissstand konnte sie irgendwann gegen Ladenlokal tauschen und das wurde zu einer gefragten Anlaufstelle. Zu großem Reichtum und Ruhm gelangte Herta Heuwer allerdings nicht, die Zeiten waren ja auch andere. Immerhin: Trotz Patent wurde die Currywurst bald zu einem Kassenschlager im ganzen Land. Und zwar vornehmlich bei den einfachen Leuten.

Currywurst und Pommes etablierten sich als „Mantaplatte“ oder als „Bottroper Schlemmerplatte“ als Kalorienlieferant für kohlenverstaubte Schichtarbeiter. Alternative Rufnamen, etwa „Maurerpimmel“ oder „Hafenlümmel“, unterstreichen den proletarischen Habitus, der sich in der alten Bonner Republik rund um die Currywurst entwickelte.

Currywurst und Exportbier waren mal Grundnahrungsmittel

Seitdem hat sich das gastronomische Angebot in Deutschland verzigfacht. Die Pizza konkurriert mit der Currywurst, dem Döner, dem Asia-Imbiss um die Ecke und dem Sushi-Laden. Die Currywurst zeigt sich davon unbeeindruckt: „Ihre Fans sterben nie aus“, beobachtet Henriette Kuhnke, die Imbissbuden-Besitzerin aus Pforzheim. „Gute Currywurst findet immer ihre Kunden. Das wird sich auch nicht ändern, da haben wir keine Sorgen.“

Über Freud und Leid, das mit der Currywurst einhergeht, hat Herbert Grönemeyer mal ein Lied geschrieben, das er – konsequenterweise – Currywurst nannte. Das war in den 80ern, als die Currywurst im Ruhrpott neben Export-Bier Grundnahrungsmittel war. Die Zeiten sind passé. Den Kumpels von damals rät der Arzt heute wahrscheinlich zu reduzierter Kost. Und wegen des Strukturwandels fahren ihre Kinder heute nicht mehr unter Tage, sondern studieren oder gründen womöglich irgendwelche Startups.

Sie boomt einfach immer weiter

Currywurst essen sie wahrscheinlich dennoch: Das Gericht hat sich als unglaublich anpassungsfähig erwiesen. Mittlerweile mutiert es zum Hipster-Snack, mit dem sich Ronaldo oder Leonardo di Caprio ablichten lassen. Currywurstbuden schießen auch 2019 weiterhin aus dem Boden und haben Hochkonjunktur. Manche Konventionen fallen dabei natürlich über Bord. So gibt es längst vegane Currywurst und Varianten, die mit dem Original kaum mehr gemein haben als den Namen. Zeiten ändern sich halt.

Yeah, Currywurst: In Berlin wurde ihr sogar ein, mittlerweile geschlossenes, Museum gewidmet. | Foto: Tim Brakemeier/dpa

Auch in Pforzheim, wo Henriette Kuhnke in Brodbecks Imbiss mittlerweile zum Beispiel auch Currywurst mit Mayo-Zwiebel-Soße oder in Käse-Jalapeno-Ausführung vertreibt. Natürlich aber nicht ohne die bewährte und streng geheime Gewürzrezeptur des alten Brodbeck. Den Kuhnke als Beweis für die gesundheitliche Unbedenklichkeit der Currywurst ins Feld führt. Bis ins hohe Alter habe der alte Brodbeck ständig Currywurst gegessen. Gestorben ist er mit 89 Jahren einer Lungenentzündung. Sowas kommt nicht von Wurst.

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Der Zusammenhang von Würsten und Zeitläufen

Erstaunlich ist, dass in der Currywurst von Anfang an auch eine Erzählung angelegt war, die viel mehr auf das heutige Deutschland passt als auf jenes der Nachkriegsjahre. Das Goethe-Institut nämlich kürte die Wortschöpfung „Currywurst“ im Jahr 2008 zum zweitschönsten Wort mit Migrationshintergrund. Und kommentierte die Wahl folgendermaßen:  „Ein Traumpaar: die urdeutsche Wurst lebt mit Curry in glücklicher Ehe.“

Insofern taugt die Currywurst womöglich auch als vorweggenommene Metapher auf eine weltoffene Einwanderungsgesellschaft. Allerdings: Im Grunde, und das ist eine Konstante ihres Wesens, ist die Currywurst viel zu bodenständig für derlei kultur- und sozialgeschichtliche Aufladungen. Ihr 70. Geburtstag ist kein Anlass, um über den Zusammenhang von Würsten und Zeitläufen zu sinnieren. Wohl aber einer, um am nächsten Imbiss zu halten, ein bis zwei Currywurst zu bestellen und vielleicht ein Export. Herzlichen Glückwunsch!