Besondere Hilfe: Stephanie Schake, Leiterin des Jobcenters Pforzheim, und Thomas Koch, Abteilungsleiter der Leistungsabteilung, freuen sich, dass sie seit 2013 weit über 1 000 Betroffenen helfen konnten.
Besondere Hilfe: Stephanie Schake, Leiterin des Jobcenters Pforzheim, und Thomas Koch, Abteilungsleiter der Leistungsabteilung, freuen sich, dass sie seit 2013 weit über 1 000 Betroffenen helfen konnten. | Foto: Wacker

Kooperation gegen Stromsperren

Damit das Licht nicht ausgeht: Stadtwerke Pforzheim und Jobcenter kooperieren

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Seit 2013 gibt es eine besondere Vereinbarung zwischen den Stadtwerken Pforzheim und dem kommunalen Jobcenter: Eine sogenannte Hilfevereinbarung soll verhindern, dass Empfängern von Grundsicherungsleistungen der Strom abgestellt wird. Ein besonderes Erfolgskonzept.

Das Wochenende steht vor der Tür, schnell eine leckere Kleinigkeit kochen, danach fernsehen – doch der Strom ist weg. Abgestellt wegen Zahlungsrückständen. Was sich nach einem kleinen Horrorszenario anhört, passierte so oder so ähnlich 2017 rund 330 000-mal in Deutschland, laut Stadtwerken Pforzheim (SWP) rund 1 000-mal (2018) in Pforzheim. Ein Großteil davon in einkommensschwachen Haushalten. Laut einer Studie beziehen rund die Hälfte der Betroffenen Grundsicherungsleistungen. Schon ab 100 Euro Stromschulden darf der Versorger die Stromzufuhr laut Stromgrundversorgungsverordnung unterbrechen.

Heute sind wir alle froh

Seit 2013 hat das Jugend- und Sozialamt, zuständig für das kommunale Jobcenter, eine Hilfevereinbarung mit den SWP. Damit soll Betroffenen geholfen werden, aus der Stromschuldenfalle zu entkommen, damit das Licht nicht ausgeht. „Heute sind wir alle froh“, sagt Stephanie Schake, Leiterin des Jobcenters, anlässlich einer Präsentation zur „Aktionswoche der kommunalen Jobcenter“. Die Kampagne soll die Aufgaben und Stärken der Jobcenter mehr ins Bewusstsein der Bürgerinnen und Bürger rücken.

Jobcenter erarbeitet Ratenzahlung

Konkret bedeutet die Hilfevereinbarung: Wenn eine Sperrung angedroht wird, kann sich der Betroffene, sofern er Leistungen bezieht, entweder bei Stadtwerken oder Jobcenter melden und eine solche Vereinbarung abschließen. Dann erarbeitet das Jobcenter in Kooperation mit den SWP eine Ratenzahlung, um ein Abstellen des Stroms zu vermeiden. „Im Normalfall sind das zehn Prozent des Regelsatzes“, sagt Schake. Beim Arbeitslosengeld II sind das monatlich rund 42 Euro, die direkt vom Jobcenter zur Schuldentilgung an die Stadtwerke gezahlt werden.

Frühzeitiges Melden ist wichtig

„Die Betroffenen stecken häufig den Kopf vor Schreck in den Sand“, weiß Schake. Deshalb sei es besonders wichtig, sich so früh wie möglich zu melden, damit das Jobcenter helfen könne. Aufgrund der Datenschutzgrundverordnung kann das Jobcenter nur aktiv werden, wenn eine Hilfevereinbarung unterzeichnet ist.

Landes- und bundesweite Besonderheit

In über 1 000 Fällen wurden so seit Einführung 2013 schon Schulden getilgt. „Am Anfang waren es etwa 350 Fälle pro Jahr, heute noch rund 140“, sagt Thomas Koch. Der Abteilungsleiter der Leistungsabteilung im Jobcenter war 2012 an den Verhandlungen mit den SWP beteiligt, die zu der Vereinbarung führten, die landes- und bundesweit eine Besonderheit ist. Die Prozessentwicklung dauerte fast ein Jahr. Und: „Die Stadtwerke waren am Anfang auch skeptisch“, erinnert sich Koch.

Positive Stimmen aller Beteiligter

Heute sind alle Seiten froh. Nicht nur das Jobcenter, das als starker und sozialer Ansprechpartner vor Ort fungiert, auch die Stadtwerke: „Die jahrelange Kooperation verläuft gut und reibungslos“ so die Stadtwerke auf Nachfrage. Und auch aus dem Rathaus kommen positive Töne: „Wir wollen die gelebte Kooperationsvereinbarung nicht missen. Die gefundene Lösung ist ein wirkungsvolles Mittel zur Vermeidung von Stromsperren“, sagt Bürgermeister Frank Fillbrunn auf Kurier-Nachfrage.

Ausweitung auf andere Anbieter unwahrscheinlich

Trotz der Erfolgsgeschichte: Eine Ausweitung auf andere Anbieter ist unwahrscheinlich. „Die ganz Großen haben kein Interesse“, sagt Schake. Auch Koch pflichtet bei: „Andere Anbieter sind auch nicht möglich, weil so viel Bewegung im Markt ist.“ Fillbrunn kann das Verfahren nur empfehlen: „Grundsätzlich kann ich das für andere Stromanbieter und Kommunen empfehlen. Entschieden werden muss das aber vor Ort.“