Graffitikunst im Enzauenpark: Nach der von Sven Döser (rechts) besprühten Wand soll es möglichst weitere Standorte für Kunst im öffentlichen Raum in Pforzheim geben, hofft Stadtrat Andreas Sarow. Er wünscht sich dafür legale Flächen und betont, dass Graffiti und Schmierereien zweierlei sind. | Foto: Ehmann

Kein Raum für legale Sprayer?

Anti-Graffiti-Mobil rollt weiter durch Pforzheimer City

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Ein Streit hat sich am Anti-Graffiti-Mobil entzündet. Über dessen Sinnhaftigkeit sind sich alle einig. Aber während CDU-Stadtrat Andreas Sarow legale Flächen für Graffitikunst fordert, sind Vertreter des Mobils der Ansicht, dies würde nur weitere Schmierereien nach sich ziehen, die man dann wieder in mühevoller und ehrenamtlicher Arbeit reinigen müsste.

Kunst liegt im Auge des Betrachters. Eine Binsenweisheit, die Polizeisprecher Frank Otruba zitiert, um auf etwas aufmerksam zu machen, das in Pforzheim derzeit etliche Menschen mächtig aufwühlt. Es geht ums Anti-Graffiti-Mobil (AGM) einerseits und die Forderung des CDU-Stadtrats Andreas Sarow nach legalen Flächen für Graffiti-Kunst beziehungsweise Urban Art andererseits.

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Keine Toleranz bei illegalen Schmierereien

Dass das AGM seit vielen Jahren wertvolle Arbeit leistet, darin sind sich alle einig. „Illegale Schmierereien und Sachbeschädigung dürfen nicht toleriert werden“, sagt auch Sarow, der das Engagement des AGM als „wichtig“ anerkennt. Nicht hinnehmen will der Installationskünstler hingegen die, wie er es nennt, „Einflussnahme“ der Initiatoren auf Möglichkeiten, Kunst im öffentlichen Raum zu präsentieren.

Sarow wehrt sich gegen „Einflussnahme“

Wie sich nicht nur in der Nachbarstadt Karlsruhe zeigt, sind Graffiti und Urban Streetart heute anerkannte Kunstformen. Davon sähe Sarow auch gerne mehr in Pforzheim – zur Imageförderung der Stadt, wie er überzeugt ist.

„Aber wie soll ein Jugendlicher unterscheiden können, was Kunst und was Schmierereien sind?“, fragt Polizeihauptkommissar Volker Weingardt, der nach außen hin das Gesicht des Anti-Graffiti-Mobils ist. An dem 2003 gegründeten Projekt beteiligt sind neben dem Haus des Jugendrechts, Maler- und Lackierer-Innung, Bürgerverein Nordstadt, Bezirksverein für soziale Rechtspflege und der Verein Pforzheim mitgestalten.

Auch kunstvolles Graffiti zieht Schmierereien nach sich

Deren Vertreter sind sich sicher, dass Graffiti – mögen sie auch als kunstvolle Gemälde auf Wände und Mauern gesprüht werden – noch mehr Schmierereien nach sich ziehen, die das AGM dann wieder in aufwendiger und zudem ehrenamtlicher Arbeit entfernen muss. „Wenn die Stadt legale Flächen ausweist, hören wir auf“, kündigt Malermeister Heiko Seiter an.

Schmierereien sind Sachbeschädigung: Das Anti-Graffiti-Mobil rückte am Dienstag mit Volker Weingardt, Heiko Seiter und Behar Sadriu an (von links).

Vorschnell das Aus des Projekts kommuniziert

Weingardt hatte sogar kommuniziert, das AGM werde „mit sofortiger Wirkung bis auf Weiteres sämtliche Aktivitäten einstellen“. Das ist einem internen Chat-Verlauf des CDU-Stadtverbands vom 30. April zu entnehmen, der dieser Redaktion vorliegt. Doch der voreiligen Drohung zum Trotz: das AGM tut weiter Dienst. Das demonstriert am Dienstagmittag eindrucksvoll ein spontan mit Medienpräsenz organisierter Arbeitseinsatz in der City.

Mehr als 100 Aufträge zur Beseitigung der Schmierereien

Man habe nie vorgehabt, das AGM einzustellen, versichert Polizeisprecher Otruba. Bedingt durch Corona habe man die Arbeit einschränken und eine für Anfang April geplante Großaktion verschieben müssen. Mehr als 100 Aufträge zum Beseitigen von Schmierereien lägen ihnen vor, verdeutlichen Otruba und Weingardt den nach wie vor großen Bedarf an der Arbeit des AGM. Sie spart nicht nur den Geschädigten viel Geld.

Darüber hinaus hat sie einen großen pädagogischen Nutzen. Nach den Erfahrungen der Initiatoren führt sie meistens dazu, dass sich illegale Sprüher mit dem Schaden auseinandersetzen müssen, den sie angerichtet haben. Schließlich helfen sie mit, die Schmierereien zu beseitigen. Und das bundesweit beachtete Projekt zeigt nachhaltige Wirkung: „Es gibt fast keine Rückfälle“, sagt Weingardt.

Das ist Sachbeschädigung

Kein Sprayer – ein Schulschwänzer hilft an diesem Mittag mit, einen Stromverteiler zu säubern. „Sachbeschädigung“, erklärt Otruba. In der Hand hält er einen Zeitungsbericht über eine von Sarow und dem Spraykünstler Döser vorgestellte Graffiti-Wand. Dass zwischen dem Werk im Enzauenpark und dem Geschmiere am Stromverteilerkasten Welten liegen, findet auch er.

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Im Disput um Graffiti hatten sich unter anderem CDU-Kreisverbandschef Gunther Krichbaum und der Jugendgemeinderat zu Wort gemeldet. Wer wissentlich illegale Schmierereien fördere, müsse auch sagen, wie die Schäden wieder beseitigt werden, sagt Krichbaum.

Kulturbürgermeisterin Sibylle Schüssler betont ihre Wertschätzung gegenüber dem AGM, legt aber wie Sarow Wert auf eine Unterscheidung zwischen Schmierereien und Urban Art. Kunstwerke an Wänden von Unterführungen kann sie sich durchaus vorstellen.

Beim Anti-Graffiti-Mobil leisten Jugendliche ihre Arbeitsstunden ab, indem sie die unter Anleitung Graffitis und Schmierereien entfernen. Oft sind sie auch Urheber des angerichteten Schadens, der zwischen 100 und mehreren tausend Euro liegt. Seit Gründung des Projekts 2003 sind laut Volker Weingardt über 25.000 Quadratmeter Fläche gesäubert worden.
Allein 2019 halfen 70 Jugendliche neun ehrenamtlichen Malern bei der Arbeit. Rund 2.000 Tags wurden dabei entfernt an insgesamt 743 Objekten. Sind Flächen und Objekte wieder sauber, dauert es nach Weingardts Erfahrung länger, bis sie neue Schmierereien anziehen. Ein Grund, weshalb er vehement gegen legale Flächen für Sprayer ist. Die „Vorbildfunktion“ des Anti-Graffiti-Mobil lobte Justizminister Wolf bei einem Besuch.
Der Name sei längst zur Marke geworden, sagt Polizeisprecher Otruba, weshalb er Sarows Vorschlag einer Umbenennung strikt ablehnt.