Ideen ausgetauscht: Beim Workshop zum Gleichstellungsaktionsplan, der 2021 in Pforzheim umgesetzt werden soll, trafen sich Vertreter des Netzwerks. | Foto: Schaub

Gleichstellungsaktionsplan

Das will Pforzheim gegen Gewalt an Frauen tun

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Ideen für mehr Gleichstellung vor Ort und gegen Gewalt von Frauen wurden bei einer zweitägigen Veranstaltung in Pforzheim gesammelt. Bis 2021 soll der erste Gleichstellungsaktionsplan umgesetzt werden. Bei dem Netzwerktreffen waren zahlreiche Vertreter von Behörden und Organisationen mit im Boot.

Der Zeitplan steht fest: Bis Ende des Jahres sollen in Pforzheim konkrete Ideen gesammelt werden, um 2021 den ersten Gleichstellungsaktionsplan umzusetzen. Dazu fand am Wochenende eine Auftaktveranstaltung zur Istanbul Konvention und deren Umsetzung auf kommunaler Ebene mit verschiedenen Netzwerkpartnern im Gasometer und im Rathaus statt. Pforzheim hat sich dabei das Thema „Gewalt gegen Frauen und im Geschlechterverhältnis“ auf die Fahnen geschrieben.

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Strategien vorgestellt

Bereits seit 2018 bekämpft der Europarat mit der Verabschiedung der Istanbul Konvention Gewalt gegen Frauen und häusliche Gewalt. In einem Impulsvortrag stellte am Samstag Katharina Wulf, Geschäftsführerin des Landesverbands Frauenberatung Schleswig-Holstein, konkrete Strategien zur Umsetzung vor.

Im Norden arbeiten Verwaltung und Organisationen bereits seit anderthalb Jahren an der Umsetzung der Vereinbarung. So sollen sich beispielsweise Jobcenter oder das Sozialamt fragen, was Frauen nach Gewalterfahrungen, einem Wohnort- oder Jobwechsel besonders brauchen.

„Frauen nehmen kaum eine Rechtsberatung in Anspruch“, klagt Wulf vor über 40 Teilnehmern des Pforzheimer Netzwerks. Deshalb gelte es, Hilfsdienste auszubauen, regional zu verteilen sowie barrierearm und mit Dolmetschern anzubieten.

Problemfall Umgangsrecht

Gleichzeitig müssten die Frauen vor weiteren Gewalttaten geschützt werden. Kritisch sieht Katharina Wulf das derzeitige Umgangsrecht im Trennungsfall, dass es dem Vater ermögliche, über das Kind weiter Gewalt auf die Mutter auszuüben: „Die Mutter muss besonders geschützt werden, sonst nimmt das Kind Schaden.“

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Schutz vor Gewalt könne die Verwaltung gezielt fördern, indem sie dem Thema bei der Mittelbewilligung für Vereine oder Einrichtungen Priorität einräume. Auch im Bewusstsein müsse sich einiges ändern. So sollte nicht verharmlosend vom „Familiendrama“ die Rede sein, sondern Gewalt in der Partnerschaft konkret benannt werden.

Lösungen für Pforzheim

Anschließend hatten die Teilnehmer drei Stunden Zeit, um Lösungsansätze für Pforzheim zu entwickeln. „Es geht um eine erste Annäherung an das Thema“, sagte die Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Pforzheim, Susanne Brückner, gegenüber dieser Zeitung.

Dank der Unterstützung von OB Peter Boch wird dem Gleichstellungsaktionsplan in Pforzheim großes Gewicht beigemessen. Zehn Themenfelder rund um Geschlechter spezifische Gewalt gibt es: von der sexuellen Belästigung am Arbeitsplatz, über digitale Gewalt bis hin zu Zwangsheirat und Genitalverstümmelung.

Genitalverstümmelung wird Thema

An Tischen wurde der Bedarf erhoben, Ideen gesammelt, Erfahrungen ausgetauscht und nach Lösungsansätzen gesucht. „Das ist der Beginn eines Prozesses. 2020 soll es weitere Veranstaltungen geben“, erzählt Bruckner.

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So gibt es derzeit keine Beratungsstelle speziell für Erwachsene mit sexueller Gewalterfahrung oder für Zwangsprostituierte, die in Pforzheim vor allem aus Rumänien kommen. Auch Genitalverstümmelung ist zunehmend ein Thema. Das Jugendamt konnte laut Bruckner zuletzt einen Fall verhindern.