Vom Vize zum Landrat? Kandidat Björn-Christian Kleih. | Foto: Ochs

Landratswahl im Enzkreis

Der Kandidat ohne Heimvorteil

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So kann man auch den Enzkreis und seine Gemeinde kennenlernen: Björn-Christian Kleih „tourt“ derzeit durch die Region und führt Gespräche mit den Kreisräten. Er wirbt um Stimmen bei der Landratswahl am 14. Dezember und geht dafür auf Hausbesuch – meist abends nach seiner Arbeit als Erster Landesbeamter im Neckar-Odenwald-Kreis. „Ich habe allen Kreisräten das persönliche Gespräch angeboten“, sagt Kleih beim Redaktionsbesuch. Dabei habe er ein Gespür für die Landschaft entwickelt und festgestellt, dass der Enzkreis viel zu bieten habe.

„Vertrauensvoller“ Führungsstil

Der 38-Jährige muss sich ranhalten. Engagiert, informiert und analytisch tritt er auf. Als Kandidat ohne Heimvorteil muss er die Kreisräte von sich und seinen Ideen erst mal überzeugen. Man könnte sagen, er fängt – im Gegensatz zu seinem Konkurrenten Bastian Rosenau – bei Null an. Dafür bringt er Führungs- und Verwaltungserfahrung mit. Der promovierte Jurist ist Landrats-Vize in Mosbach und hat rund 200 Mitarbeiter unter sich. Seinen Führungsstil beschreibt er als „vertrauensvoll“. „In einer so großen Behörde gibt es viele Experten, denen man auch etwas zutrauen muss. Die Menschen lernen, mit den Aufgaben zu wachsen“, so Kleih.

Über seine Ziele sprach Björn-Christian Kleih beim Redaktionsbesuch. | Foto: Ochs

Wichtig sind ihm Ehrlichkeit und die Pflege einer Fehlerkultur. „Wir sind keine Herzchirurgen, als Verwaltung können wir Fehler leichter aus der Welt schaffen.“ Als rechte Hand von Achim Brötel, Landrat im Neckar-Odenwald-Kreis, ist Kleih auch jemand, der die Wogen glätten und den Kreis nach außen repräsentieren kann. Der Bewerber räumt ein, dass er von der Ausschreibung erst von seinem Chef erfahren habe. Will der ihn etwa loswerden? Kleih wiegelt lächelnd ab: Die Zusammenarbeit mit Brötel sei sehr gut. Er habe das vielmehr als freundschaftlichen Denkanstoß verstanden.

Digitalisierung als Steckenpferd

Jetzt will Kleih von der zweiten in die erste Reihe aufrücken. Verschiedene Verwaltungen hat er bereits durchlaufen: Er war unter anderem im Innenministerium, im Regierungspräsidium und bei der Bundesanstalt für den Digitalfunk. Bei letztgenannter Stelle hat sich der Vater von drei Jungen intensiv mit dem Thema Digitalisierung beschäftigt. Datenschutz, Sicherheit, Absicherung gegen Stromausfälle sind für Kleih alles Themen, die ihm auch als Landrat im Enzkreis wichtig wären. Oder allgemein gefragt: Was kommt im digitalen Zeitalter eigentlich alles auf eine Behörde zu?

Einheitliches Service-Portal für Bürger

Sein Vorschlag: die Schaffung eines einheitlichen Service-Portals für Bürger – für den Enzkreis und womöglich auch für Pforzheim. Denn der Bürger verstehe hier die „Kleinstaaterei“ bei den Zuständigkeiten nicht. Für Menschen, die weiter den direkten Kontakt suchen, sollte es Kleih zufolge einen Kümmerer in jeder Gemeinde geben. Auch dafür brauche es eine gute Zusammenarbeit in der „kommunalen Familie“.
Der gebürtige Waiblinger hat den Eindruck, „die Kreisverwaltung steht gut da“. Dennoch muss er im Wahlkampf eigene Akzente setzen.

 

Björn-Christian Kleih wohnt jetzt in Bruchsal und würde bei seiner Wahl zum Landrat in den Enzkreis ziehen. | Foto: Ochs

ÖPNV: Tarifkanten glätten

Zum Thema ÖPNV und Tarifdschungel hat Kleih im Enzkreis schon seine eigenen, leidvollen Erfahrungen gemacht. „Hier müssen wir uns zukunftssicher aufstellen und die Tarifkanten glätten“, ist Kleih überzeugt. Gemeinsam Probleme anpacken, das ausgleichende Gespräch suchen – das will der Dezernatsleiter auch beim Thema bezahlbarer Wohnraum. „In den Gesprächen mit Bürgermeistern wurde mir wiederholt gesagt, dass sich der Kreis hier stärker engagieren sollte.“ Hier könne sich Kleih vorstellen, sich mit der Stadt an einen Tisch zu setzen. Dass sich die Kliniken-Landschaft im Wandel befindet, ist auch Kleih nicht entgangen – und auch nicht, dass es für die Kreise ein Zuschussgeschäft ist.

Ehrenamt vor großen Herausforderungen

Kleih würde den „guten strategischen Weg“, den der Enzkreis eingeschlagen habe, fortsetzen. „Die medizinische Versorgung in den Kliniken gehört zur Lebensqualität, die ein Kreis zu bieten hat“, sagt Kleih. Dass der Kreis dafür erhebliche Mittel aufwendet, sei gerechtfertigt. „Als Landkreis muss ich bekennen: Das ist es uns wert.“
Geld kostet auch die Unterbringung und Integration von Flüchtlingen, was ohne Ehrenamtliche nicht gelingen könne. „Die Integration ist keine rein staatliche Aufgabe“, so Kleih, man müsse den Menschen aber schnell Arbeitsgelegenheiten und eine Tagesstruktur geben. „Das Ehrenamt steht vor großen Herausforderungen“, beobachtet Kleih. Und bei der Integrationsarbeit stehe man erst am Anfang.