Aufgebaut haben Edeltraud und Rainer Wessinger mit ihrer 47-jährigen ehrenamtlichen Arbeit die Gemeindebibliothek. Derzeit boomen die Hörspielfiguren Tonies mit Lautsprecherbox. Bei ihrem Abschied schwingt nun dennoch ein wenig Frust mit. Foto: Ochs

Nach 47 Jahren

Ehepaar gibt Leitung der Bilfinger Bücherei ab: Nachfolgersuche dauerte mehrere Jahre

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Nach ihrer Hochzeit zog Edeltraud Wessinger zu ihrem Mann Rainer Wessinger nach Bilfingen. Dort entdeckte sie die katholische Bücherei und las in ungefähr einem Jahr alles, was so in den Regalen stand. „Der Bestand war veraltet, es war gar keine richtige Bücherei“, erzählt die Literatur-Liebhaberin. Das änderte sich schnell.

Der damalige Pfarrer Anton Wiehl zeigte sich aufgeschlossen, mehr aus der öffentlichen Bücherei „Heilige Dreieinigkeit“ zu machen und bot Edeltraud Wessinger 1973 an, die Leitung zu übernehmen. Sie bekommt von der Kirche ein Etat von 3.000 Mark. „Andere Büchereien sind vor Neid erblasst“, sagt Wessinger.

Sie beginnt, neue Bücher einzukaufen: zunächst vor allem Kinder- und Bilderbücher. Ihr Mann Rainer kümmert sich in seiner Freizeit als „Hausmeister“ um alles, was so anfällt: vom Transport über die Organisation bis hin zum Bauen von Regalen für die Bücherei.

Digitalisierung dauerte rund ein Jahr

1991 ersetzt der Computer die Zettelkästen in der Bücherei. Ein Jahr brauchen Wessingers, bis sie alle 7.500 Medien erfasst haben. Ein Wendepunkt in der 90-jährigen Geschichte der Bücherei ist der Tag der offenen Tür im Juli 1994 nach der Kirchensanierung. Viele Besucher und Familien entdecken die Bücherei für sich und die Ausleihzahlen schnellen in die Höhe- auch weil der Bestand aktuell ist.

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Im Laufe der Jahre wächst die Zahl der ausleihbaren Medien immer weiter – heute sind es 16.000 (plus 15.000 im Online-Medienverbund) und der Platz ist ausgereizt.

Wir sind stetig größer geworden

Bibliothekarin Edeltraut Wessinger

Nach sechs Jahren Suche zeichnet sich eine Nachfolge ab

„Wir sind stetig größer geworden und haben immer mehr Zeit investiert“, sagt Edeltraud Wessinger über ihre ehrenamtliche Arbeit. Und die hat sich gelohnt, die Bücherei ist eine kleine Wohlfühloase geworden. Nutzer können auf rund 100 Quadratmetern in neue Bücher, Brettspiele, Hörbücher, Zeitschriften und CDs stöbern und die Hörspiel-Figuren „Tonies“ entdecken, die laut Wessinger bei Kindern derzeit boomen.

2014 kündigte das Paar den Rückzug an. Die Nachfolgefrage ist aber ein Problem. Inzwischen ist klar: Ende 2021 ist endgültig Schluss.

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Möglicherweise ist nun aber eine Lösung in Sicht: Drei Mitarbeiter aus dem Team könnten sich künftig die Aufgaben teilen. Derzeit engagieren sich 25 Männer und Frauen ehrenamtlich in der Bücherei – unter anderem bei Veranstaltungen wie Lesungen, Märchenstunden und Führungen für Kindergartenkinder und Grundschüler.

Bücherflohmarkt bringt mehrere tausend Euro Erlöse

Ein wichtiger Termin im Jahreskalender ist der Bücherflohmarkt in der Kämpfelbachhalle, bei dem im vergangenen Jahr rund 7.500 Euro an Erlösen zusammenkamen. 28.000 Euro erwirtschaften die Bücherei und der Förderverein insgesamt. Die Gemeinde gibt 5.000 Euro dazu und die Pfarrgemeinde 2.050 Euro. Die Organisation des Flohmarkts, der am 19. und 20. September stattfindet, haben Wessingers bereits an das Team abgegeben.

Kritik bei Abschiedsankündigung

Bei der Ankündigung ihres Rückzugs haben Edeltraud (72) und Rainer (71) Wessinger ein Stück weit auch ihren Unmut ausgedrückt: Sie hätten das Gefühl, „in der Luft zu hängen“, weil sie vom Träger der Bücherei, der katholischen Kirche in Bilfingen, seit Jahren zu wenig Unterstützung und Wertschätzung verspürten. „Es ist mühsam, immer Bittsteller zu sein“, sagt der ehemalige Logistikleiter Rainer Wessinger.

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Wesentlich aufgeschlossener agiere der Kämpfelbacher Bürgermeister Udo Kleiner – wohl auch, weil die politische Gemeinde erkannt habe, was hier ehrenamtlich geleistet werde und wie wichtig die Bücherei sei, ist das Paar überzeugt.

Immer weniger junge Leser

Junge Leser zu erreichen sei schon mühsamer geworden, hat das Leitungsteam beobachtet. Der Jugendbereich sei „abgesackt“, Computerspiele in Zeiten von Smartphone, YouTube und Fernsehen ganz aus dem Bestand geflogen. Sehr gut laufen hingegen Krimis, Belletristik und Brettspiele.

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Im Förderverein will das Paar der Bücherei auch nach 2021 treu bleiben. Außerdem wollen sie mehr reisen, wandern und sich um die Enkelkinder kümmern. Eines ist sicher: Ihre Leidenschaft für Bücher wird Edeltraud Wessinger nie verlassen. Schmökern und Lesen wird sie künftig vor allem zuhause. Hier hat sie ein Zimmer voller Bücher.

Die Bücherei bei der katholischen Kirche in Bilfingen hat mittwochs und freitags von 15 bis 18.30 Uhr und sonntags von 10.30 bis 12 geöffnet. Weitere Informationen zur Einrichtung gibt es online auf www.buecherei-bilfingen.de.