Auch in Pforzheim und fünf Enzkreis-Gemeinden gibt es Hindenburgstraße. Eine symbolische Aberkennung des Titels wäre möglich. | Foto: AFP

Aberkennung denkbar

Ehrenbürgertitel Hindenburgs in Pforzheim nie gestrichen

Anzeige

Wie gehen Städte und Gemeinden mit Ehrenbürgerschaften um, die in der Zeit des Nationalsozialismus (1933–1945) verliehen wurden? Diese Frage führt immer wieder zu Konflikten. Auch in Pforzheim gibt es entsprechende Fälle.

Jüngste Beispiele sind Kontroversen um die Ehrenbürgerschaft Adolf Hitlers in Walzbachtal, Gondelsheim und Zaisenhausen (alle Landkreis Karlsruhe) sowie Paul von Hindenburgs in Karlsruhe. Der Walzbachtaler Gemeinderat hat am Montag die Auszeichnung des braunen Diktators posthum aberkannt. Als „zwingend“ sieht der Walzbachtaler Bürgermeister Karl-Heinz Burgey diese Aberkennung. Man müsse „klar Stellung beziehen und sich distanzieren“.

Hindenburgs Ehrenbürgerschaft nie aberkannt

Eine Anfrage bei der Pforzheimer Stadtverwaltung hat ergeben, dass Hitler sowie Hindenburg am 10. April 1933, Robert Wagner (ab Mai 1933 badischer Reichsstatthalter und Gauleiter) am 27. Juli 1933 und der gebürtige Pforzheimer Fritz Todt (ab 1940 Reichsminister für Bewaffnung und Munition) am 20. April 1942 zu Ehrenbürgern Pforzheims ernannt wurden. Die Aberkennung der Auszeichnung Hitlers, Wagners und Todts erfolgte laut Verwaltung am 13. April 1946. Anders ist dies beim früheren Reichspräsidenten der Weimarer Republik, Paul von Hindenburg: „Posthum erfolgte keine Aberkennung“, schreibt die Pressestelle der Stadt auf Anfrage. „Grundsätzlich erlischt die Ehrenbürgerwürde mit dem Tod der betreffenden Person“, sagt Kulturbürgermeisterin Sibylle Schüssler. Das bestätigt eine Sprecherin des Deutschen Städtetags: „Rein juristisch ist eine posthume Aberkennung nicht notwendig.“

Symbolische Aberkennung möglich

In Berlin wird, 84 Jahre nach Hindenburgs Tod, über den Namen der Verkehrsader „Hindenburgdamm“ gestritten. Auch der Karlsruher Gemeinderat beschäftigt sich mit einer möglichen Aberkennung der Ehrenbürgerwürde. Es geht zuvorderst um den Symbolgehalt. Denn das Bild des ruhmreichen Generalfeldmarschalls und Politikers hat sich in den letzten Jahren stark relativiert. Die Lesart der neueren Forschung: Hindenburg hat den Antisemiten Hitler bewusst zum Reichskanzler ernannt und damit die Entmachtung des Reichstags ermöglicht. „Von Seiten des Kulturamts ist die Einholung eines Gemeinderatsvotums über die symbolische Aberkennung der Ehrenbürgerschaft Paul von Hindenburgs denkbar. Dazu müsste für den Kulturausschuss eine entsprechende Beilage erstellt werden“, sagt Bürgermeisterin Schüssler.

Ehrenbürgerrechte in Neuenbürg gelöscht

Ortswechsel: Das Staatssekretariat für das französisch besetzte Gebiet hat mit Runderlass vom 25. März 1946 angeordnet, dass die vom Neuenbürger Gemeinderat am 9. Mai 1933 beschlossenen Ehrenverleihungen für Hindenburg, Hitler und Wilhelm Murr (bis 1945 Reichsstatthalter in Württemberg) wieder entzogen werden müssen, erklärt der Neuenbürger Hauptamtsleiter Fabian Bader. Per Gemeinderatsbeschluss vom 25. April 1946 seien diese Ehrenbürgerrechte wieder gelöscht worden. „Hindenburg ist bereits am 2. August 1934 gestorben. Hitler und Murr haben sich mit dem Zusammenbruch im Frühjahr 1945 durch Selbstmord ihrer Verantwortung vor dem deutschen Volk entzogen. Die Namen der Kriegsverbrecher müssen in der Geschichte ausgelöscht werden“, heißt es in der damaligen Beschlussfassung.

Gemeinderat muss Handlungsbedarf sehen

Im Enzkreis haben Birkenfeld, Mühlacker, Ölbronn, Straubenhardt und Wiernsheim eine Hindenburgstraße. Der Birkenfelder Bürgermeister Martin Steiner teilt auf Nachfrage mit, dass eine mögliche Umbenennung der Straße im Ortsteil Gräfenhausen bisher kein Thema gewesen sei. Sähe der Gemeinderat Handlungsbedarf, würde sich die Verwaltung mit dem Straßennamen beschäftigen, so Steiner.

Erläuterungen zu Emil Strauß

Im Fall des umstrittenen Pforzheimer NS-Dichters Emil Strauß, dessen Ehrungen 1930 (Straßenbenennung), 1937 (Ehrenbürgerwürde) und 1960 (Ehrengrab) im Januar 2018 im Gemeinderat diskutiert wurden, hat sich das Gremium gegen eine nachträgliche symbolische Aberkennung des Ehrentitels ausgesprochen (wir berichteten). Allerdings hat man sich darauf verständigt, dass am Straßenschild entsprechende Erläuterungen angebracht werden. Laut einer Stadtsprecherin wird dieser Zusatz nach Abschluss der Baumaßnahmen in der Emil-Strauß-Straße angebracht.