Politiker bei Schülerkonferenz: Georg Stickel, Volker Schebesta, Katja Mast, Leandro Cerqueira Karst, Margit Stumpf, Jens Brandenburg, Usamah Hammoud, Antye Fey, Bettina Bihlmayr (von links). | Foto: Ehmann

Diskussionen bis spät nachts

Erste Bundesschülerkonferenz in Pforzheim fordert mehr Einfluss auf Bundesebene

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Bildungspolitische Fragestellungen waren dieses Wochenende mit der Stadt Pforzheim verknüpft. Dafür sorgte die Bundesschülerkonferenz, die ihre zweite Plenarsitzung in diesem Jahr am Fuße des Nordschwarzwald abhielt –erstmals in Pforzheim.

Von unserer Mitarbeiterin Birgit Metzbaur

Die Organisation ist die Ständige Konferenz der Landesschülervertretungen der Bundesländer. Sie behandelt Angelegenheiten der Bildungspolitik von überregionaler Bedeutung mit dem Ziel einer gemeinsamen Meinungs- und Willensbildung und der Vertretung gemeinsamer Anliegen von Schülern in Deutschland.

Podiumsdiskussion mit Experten über die „Bildung der Zukunft“

Wie die „Bildung der Zukunft“ aussieht, lotete die Bundesschülerkonferenz am Samstag bei einer Podiumsdiskussion aus. Sie hatte dafür Bettina Bihlmayr, Leiterin der MINT-Bildungsinitiative der Daimler AG, die Bundestagsabgeordneten Margit Stumpp aus Aalen-Heidenheim (Bündnis 90/Die Grünen) und Jens Brandenburg (FDP) aus Rhein-Neckar sowie Staatssekretär Volker Schebesta vom Landeskultusministerium (CDU) gewonnen.

Schwerpunktthemen der Bundesschülerkonferenz waren das Berufsbildungsgesetz und die Schülerpartizipation, erklärte Generalsekretär Usamah Hammoud in seiner Begrüßung. Um Schülerpartizipation ging es dann auch vorrangig bei der Podiumsdiskussion.

Medienbildung schon in der Kita gefordert

„Die größte Herausforderung für Schulen ist, dass wir heute noch nicht seriös sagen können, wie die Berufswelt in zehn Jahren aussehen wird“, konstatierte Brandenburg. „Darauf müssen wir Schulen vorbereiten.“ Stumpp plädierte dafür, Medienbildung schon in Kindertagesstätten zu beginnen und das Wahlalter auf 16 Jahre zu senken. „Demokratie lebt von Demokratinnen und Demokraten, die mitmachen, das muss früh verankert werden.“ Partizipation in der Schule gehöre dazu.

Das muss früh verankert werden.

Margit Stumpp (Grüne)

Schebesta verwies auf die Leitperspektive Demokratiebildung im neuen baden-württembergischen Bildungsplan, der verschiedene Anknüpfungspunkte zur Partizipation biete. Wichtig sei, mit Schülerinnen und Schülern auf Augenhöhe zu diskutieren, junge Menschen zu Persönlichkeiten zu erziehen, „dass sie sich trauen ihre Meinung einzubringen“.


Vier Fragen an Teilnehmer und Mitorganisator Leandro Cerqueira Karst
Leandro Cerqueira Karst ist der Vorsitzende des Landesschülerbeirats, der 1,5 Millionen Schülerinnen und Schüler vertritt. Karst machte am Fritz-Erler-Gymnasium in Pforzheim Abitur.
Wie kam es, dass die Bundesschülerkonferenz an diesem Wochenende in Pforzheim tagte?
Karst: Als Vorsitzender des Landeschülerbeirats wollte ich dieses schöne Event nach Baden-Württemberg holen und habe dann meine Kontakte hier in Pforzheim dafür genutzt.
Die Konferenzteilnehmer hatten einen engen Zeitplan, konnten sie trotzdem etwas aus der Stadt Pforzheim mitnehmen?
Karst: Das ist etwas bedauerlich. Die Diskussionen gingen bis ein Uhr in der Nacht. Wir nutzen die wenige Zeit, die wir zusammen sind, sehr intensiv. Aber auf dem Weg vom Tagungsort zum Hotel, am Dicken vorbei, über die Gernika-Brücke konnte ich anhand einiger sehr markanter Punkte kleine Einblicke geben.
Welches Thema war bei den Beratungen in der Plenarsitzung dominant?
Karst: Das Hauptthema war Demokratiebildung und Schülerpartizipation. An der Fridays-For-Future-Bewegung sieht man, dass junge Menschen politischer werden. Es zeigte sich auch, dass das Thema, wie man Fake News hinterfragen kann, von Bedeutung ist. Das thematisierte auch der Fachvortrag Demokratiebildung von Professor Monika Oberle vom Institut für Politikwissenschaft der Uni Göttingen, auf den wir ein tolles Feedback bekamen.
Was ist im Nachgang zur Arbeit an diesem Wochenende in Pforzheim die ambitionierteste Aufgabe der Bundesschülerkonferenz?
Karst: Wir wollen, dass die gesellschaftswissenschaftlichen Fächer – Geschichte, Gemeinschaftskunde, politische Bildung – im Lehrplan gestärkt werden. Nun gilt es, dass die Landeschülervertretungen – weil im Föderalismus die Bundesländer zuständig sind – diesen und alle anderen Beschlüsse der Bundesschülerkonferenz an diesem Wochenende aufgreifen und sich bei den jeweiligen Landesregierungen für deren Umsetzung einsetzen.

 


Leandro Cerqueira Karst
Leandro Cerqueira Karst | Foto: BNN

Mit 16 wählen? Kein Problem

„Die beste Demokratieerziehung ist die aktive Beteiligung“, konstatierte Brandenburg. Daher sehe er es als Fehler an, wenn sich Schulleiter auf den Standpunkt stellen, Politik solle in der Schule außen vor bleiben. Die Senkung des Wahlalters auf 16 sieht er als Gewissensentscheidung, der er zustimme, „egal wie sich meine Fraktion entscheiden wird“. Schebesta hält dagegen den Ansatz „Rechte und Pflichten auf ein Alter zu konzentrieren“ für richtig.

Bihlmayr berichtete, wie Partizipation in Unternehmen möglich sei. Bei ihrem Projekt Innospace könnten Auszubildende Ideen einbringen und Projekte umsetzen. Wenn ein Pilotprojekt erfolgreich ist, gehe es in die Gremien. Aus der „Ausbildung im Dialog“ sei die „Entwicklung im Dialog“ geworden, wobei Stärken der Jugendlichen in 360-Grad Feedback-Gesprächen entwickelt werden sollen.

Was passieren muss, damit die Schülerkonferenz auf Bundesebene zu Rate gezogen wird, wollte ein Vertreter aus Hamburg wissen. Brandenburg erklärte, „einen kleinen Betrag mitzugeben, würde den Bund nicht überfordern“. Stumpp setzt sich für eine Institutionalisierung der Schülerkonferenz auf Landes- und Bundesebene ein.

Einsatz für Mehrheiten

„Politik ist mehr, als sich eine Position zu erarbeiten und zu haben. Politik ist der Einsatz, Mehrheiten dafür zu bekommen.“ Am Thema Mindestlohn habe sie zwölf Jahre lang gearbeitet, erklärte Pforzheims Bundestagsabgeordnete Katja Mast (SPD) in ihrem Grußwort. „Engagement ist wichtig“, daher ziehe sie ihren Hut vor den Delegierten in der Bundesschülerkonferenz, die sich dafür einsetzen Schule auf die Höhe der Zeit zu bekommen.

Mast lenkte den Blick der jungen Leute auf „die historische Leistung der Großen Koalition, das größte Klimaschutzpaket, das eine Regierung je gemacht hat“. Erstmals seien Ziele implementiert – wenngleich sich über die Zielgrößen trefflich streiten ließe. Im Sinne des Soziologen Max Weber forderte sie dazu auf, den Blick zu schärfen, dass Politik das starke und langsame Bohren dicker Bretter voll Augenmaß und Leidenschaft zugleich sei.