Neue Zeit: Seitdem die Uhr des EMMA (links) gemeinsam mit der Sonnenuhr am alten Alfons-Kern-Turm die Stunden anzeigt, werden die historischen Gebäude als Gradmesser für Zukunft gesehen.
Neue Zeit: Seitdem die Uhr des EMMA (links) gemeinsam mit der Sonnenuhr am alten Alfons-Kern-Turm die Stunden anzeigt, werden die historischen Gebäude als Gradmesser für Zukunft gesehen. | Foto: Edith Kopf

Gefördert von EU und Land

Fünf Jahre Kreativzentrum EMMA: Zahl der Kreativen und Gründer in Pforzheim steigt

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Roboter, Taschen, Ketten, Mode: Immer mehr Produkte verweisen auf eine Einrichtung in Pforzheim, die noch lange nicht jeder Einheimische kennt. Das vor rund fünf Jahren gegründete EMMA Kreativzentrum kann eine internationale Reichweite für sich reklamieren.

Es kann ebenso darauf verweisen, dass es neues Leben bringt in die Oststadt. Beides wollte die Stadt, unterstützt von EU und Land erreichen, als sie der Traditionsindustrie ein in die Zukunft weisendes Clusterzentrum an die Seite stellte.

Vor zehn Jahren renovierte die Stadt das einstige Volksbad

Alles gut also in dem liebevoll restaurierten einstigen Volksbad? Stifterin Emma Jaeger würde dies womöglich bejahen. Schließlich tummelt sich allerlei Volk in dem Haus, das ihren Namen trägt. Leiterin Almut Benkert dagegen zögert. „Wir sind auf einem guten Weg“, sagt sie.

Vieles werde eingelöst, was die Wirtschaftsförderung intendierte, als sie vor über zehn Jahren das Zentrum anschob. Aber der Förderzeitraum sei nicht zufällig 15 Jahre: „Man braucht einen langen Atem, die Dinge müssen sich entwickeln können.“

Rund 60 Kleinunternehmer würden das wohl voll und ganz bestätigen. Die meisten von ihnen haben im EMMA ihre ersten Erfahrungen als Selbstständige gemacht. Die Zahl steht laut Benkert für jene Firmen, die mindestens sechs Monate im EMMA Quartier bezogen.

EMMA hält Gründer mit günstigen Mieten in Pforzheim

Ein possierlich wirkender Kerl mit 2,40 Meter Länge aus Elektroden und Platinen erzählt mehr als manches andere, was die 15 Büros und drei Ateliers an der Enz in Pforzheim bringen. Die Räume sind laut Benkert zu 100 Prozent ausgebucht. Tobias Danzer wollte seinen in Kooperation mit der Hochschule Pforzheim entwickelten Eventroboter Nox eigentlich von Nürnberg aus auf Messen und Tagungen schicken.

Ein Expertenaufritt mit NOX:  Der Roboter war gemeinsam mit Erfinder Tobias Danzer im EMMA zu einem Filmgespräch im Kommunalen Kino in Pforzheim gekommen.

EMMA sei dank ist das unterblieben, so ist in dem Buch nachzulesen, in dem fünf Jahre Kreativzentrum dokumentiert sind. Die Chance, in einem preisgünstigen schlüsselfertigen Büro als Unternehmer zu starten, veränderte die Richtung. Das humanoide Wesen Nox trägt seine digital gesteuerten Dienstleistungen als junger Pforzheimer in die Welt.

Das Quartier wird zum langen Arm in die Industrie

Johann Stockhammer, Professor für Mode an der Hochschule Pforzheim

Durchaus ähnliche Wirkung hat aus Sicht von Beobachtern wie Modeprofessor Johann Stockhammer auch, was die Einrichtung des EMMA nach sich zieht. Damit ist weniger gemeint, dass Nutzer den Werkstätten dort eine Auslastung von 85 bis 100 Prozent bescheren und auch die Co-Working-Spaces zu rund 70 Prozent gebucht sind. Es geht um die gesamte Atmosphäre und das soziale Miteinander bis hin zum Alfons-Kern-Turm mit dem beliebten Café Roland.

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Das Quartier entwickle sich zum langen Arm in die Industrie, sagt der Dekan der Fakultät für Gestaltung an der Hochschule Pforzheim: „Jetzt merken die Leute, dass es mehr gibt als die Werkschau.“ Diese Eindrücke würden positiv in der Industrie wahrgenommen und zahlten sich für Studenten auch jenseits von Pforzheim aus, erläutert Stockhammer.

Deutlich mehr Kreative in Pforzheim

„Das Konzept ist aufgegangen“, bilanziert auch der Direktor von Wirtschaft und Stadtmarketing (WSP), Oliver Reitz, der die Einrichtung noch vor dem Umbau des früheren Emma-Jaeger-Bads von Vorgänger Christoph Dickmanns erbte. Daten zu dieser Einschätzung liefert das Landesamt für Statistik. Danach ist die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Kreativarbeitsplätze von 1.400 im Jahr 2009 auf 1.963 im Jahr 2018 gestiegen.

Ein Imaggewinn für die Stadt

Oliver Reitz, Direktor Wirtschaft und Stadtmarketing Pforzheim

Das erfasse nicht geringfügig Beschäftigte oder in anderen Branchen Festangestellt sind sowie Klein- und Kleinstfirmen – mithin Start-ups – deren Jahresumsatz unter 17.500 Euro liegt, erläutert Reitz. Auf der anderen Seite werde Kreativarbeitsplatz breit definiert, also viele Tätigkeiten subsummiert.

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Neben der zumindest gefühlten Bindekraft der für rund 10,6 Millionen Euro geschaffene Einrichtung, zu denen EU und Land mit 4,25 Millionen beitrugen, stellt Reitz auch einen Imagegewinn fest. Das EMMA trage auf jeden Fall dazu bei, dass Dienstleister in der Kreativwirtschaft ihre Kunden auch von Pforzheim aus ansprechen können und nicht mehr zwingend einen Sitz in Berlin, Düsseldorf oder München haben müssen.

Im Alten Schlachthof könnte Platz für Unternehmen entstehen

Darüber hinaus entwickle sich das Zentrum zu einem „Impulsgeber für die Stadt“. Dies zeigen die Entwicklung, die das Quartier nimmt, ebenso wie das Angebot, das die Kreativszene der Wirtschaft insgesamt machen kann.

„Made in Pforzheim“ ist also möglich. Als Konsequenz daraus müsse das Augenmerk nicht nur auf die Gründungsförderung, sondern verstärkt auch auf geeignete Flächen für Wachstum gelegt werden, erläutert Reitz. „Das ist ein ganz relevantes Thema für die Zukunft der Stadt“, sagt auch Benkert und verweist darauf, dass hier der alte Schlachthof in Kombination mit dem Konzept der Genossenschaft Gewerbekultur für einige eine Option eröffnet.

Kreative werden zu Botschaftern für Pforzheim

Auch beim EMMA muss es weiter gehen, meint die Leiterin. Sie hat den Parkplatz im Blick, der den Spruch über die Haltbarkeit des Provisoriums nachhaltig bestätigt. Seit dem Abriss der alten Alfons-Kern-Schule vor zehn Jahren geht nichts auf der Fläche, die seit Jahren für studentisches Wohnen, die Autodesigner der Hochschule und andere zum EMMA passende Nutzungen im Gespräch ist.

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Positiv entwickelt sich dagegen der ausgesparte Turm mit der denkmalgeschützten Sonnenuhr. Eine der Ausstellungen schaffte hat es kürzlich sogar in die Fernseh-Hauptnachrichten. Die Diskussion über die Zukunft der Fleischproduktion, mithin der Ernährung wurde daraufhin auch räumlich breit geführt. Ähnliche Wirkungen haben laut Benkert auch die Designer in Residence, die im April zum fünften Mal ins EMMA kommen: „Sie werden weltweit zu Botschaftern für Pforzheim und bleiben es auch.“

Hintergrund: Die Konzentration auf Kreativwirtschaft und auf Präzisionswirtschaft in Pforzheim ging aus einem Strategieprozess im Jahr 2008 hervor. Das EMMA Kreativzentrum ist das erste Projekt, das die Stadt nachfolgend umsetzte. Parallel dazu arbeitete die Wirtschaftsförderung am Aufbau des Clusters Hochform, das jetzt im Zentrum für Präzisionstechnik eine branchenspezifische Einrichtung erhält.