Die Geburtenrate - jahrzehntelang im freien Fall - steigt seit 2012 wieder.
Die Geburtenrate - jahrzehntelang im freien Fall - steigt seit 2012 wieder. | Foto: Adobe Stock/BNN-Montage

Babyboom

Warum Pforzheim die höchste Geburtenrate im Land hat – und Karlsruhe eine der niedrigsten

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In Baden-Württemberg sind im vergangenen Jahr so viele Babys zur Welt gekommen wie seit 20 Jahren nicht mehr. Auch die Geburtenrate ist wieder gestiegen: Auf Platz eins landet überraschend eine Großstadt, Karlsruhe bildet zusammen mit Heidelberg und Stuttgart das Schlusslicht.

Besonders in Pforzheim gab in den vergangenen fünf Jahren einen regelrechten Babyboom. Bekommen Frauen also wieder mehr Kinder – oder leben in Pforzheim einfach mehr junge Frauen als noch vor fünf Jahren? Und warum ist die Geburtenrate in allen anderen Großstädten niedriger? Die wichtigsten Antworten zum Thema:

Wo bekommen Frauen im Schnitt die meisten Kinder?

Mit 1,84 Kindern je Frau liegt Pforzheim in Baden-Württemberg klar auf Platz eins, dahinter folgen fast ausschließlich ländliche Regionen wie Tuttlingen und der Alb-Donau-Kreis (jeweils 1,8 Kinder je Frau). In den Großstädten Heidelberg (1,17), Stuttgart, Karlsruhe und Freiburg (jeweils rund 1,3) ist die Geburtenrate am niedrigsten.

Kinder je Frau und Geburten pro 1000 Einwohner

Warum ist die Geburtenrate auf dem Land höher?

Bevölkerungsexperte Werner Brachat-Schwarz vom Statistischen Landesamt vermutet als Grund ein „Land-Stadt-Gefälle“, sprich: In eher traditionell geprägten, ländlichen Regionen ist die Kinderzahl je Frau in der Regel höher, in Städten mit einem hohen Studentenanteil, wo junge Frauen ihren Kinderwunsch häufig bis nach dem Studium aufschieben, in der Regel niedriger. Aber: Die Unterschiede zwischen Stadt und Land werden kleiner, sagt Brachat-Schwarz.

Bekommen ausländische Frauen mehr Kinder?

Frauen ohne deutschen Pass bringen in Baden-Württemberg im Schnitt 0,44 Kinder mehr zur Welt als Deutsche. In Pforzheim und Heilbronn ist die Kluft zwischen deutscher und nicht-deutscher Bevölkerung besonders groß.

Die größten und kleinsten Unterschiede bei der Geburtenrate

„Allerdings sind auch diese Unterschiede in den vergangenen Jahren kleiner geworden“, sagt Werner Brachat-Schwarz. Tatsächlich brachten ausländische Frauen im Jahr 1980 im Schnitt noch 2,44 Kinder zur Welt, dreißig Jahre später nur noch 1,57. Die Geburtenrate deutscher Frauen stagnierte im selben Zeitraum bei rund 1,37 Kindern. In Großstädten mit niedrigen Geburtenraten wie Freiburg und Karlsruhe gibt es inzwischen kaum noch Unterschiede zwischen deutschen und nicht-deutschen Müttern.

Warum bekommen deutsche Frauen weniger Kinder?

Weil der Bildungsgrad der Frauen mit deutschem Pass in der Regel höher ist als von ausländischen Frauen, vermutet der Bevölkerungsexperte.

Tendenziell gilt, dass mit steigendem Bildungsniveau der Frauen die Zahl der geborenen Kinder abnimmt.

Werner Brachat-Schwarz

Tatsächlich haben in Baden-Württemberg Zuwanderer aus der EU häufiger ein niedrigeres Bildungsniveau als die einheimische Bevölkerung – das zeigen Zahlen des Statistischen Amts der Europäischen Union. In Teilen Ostdeutschlands, zum Beispiel in Brandenburg und Berlin, ist es genau umgekehrt.

Also je besser die Bildung, desto weniger Kinder?

Ja und nein. In einer Studie des RWI Essen kommen Forscher zwar zu dem Ergebnis, dass ein Hochschulstudium die durchschnittliche Kinderzahl einer Frau in Deutschland um 0,29 verringert. Andererseits haben Akademikerinnen, die sich einmal dazu entschieden haben, Mutter zu werden, 0,27 Kinder mehr als Nicht-Akademikerinnen. Dass Mütter mit Hochschulabschluss also im Schnitt mehr Kinder bekommen, ist für die Wissenschaftler ein Beleg dafür, dass höhere Bildung nicht zwangsläufig zu weniger Geburten führen muss.

Wer bekommt in Pforzheim die meisten Kinder?

Maßgeblich verantwortlich für den Babyboom in Pforzheim sind die Geburten ausländischer Frauen. Ihr Anteil hat sich in den vergangenen fünf Jahren mehr als verdoppelt. Die Anzahl der Geburten von Frauen mit deutschem Pass stieg im selben Zeitraum dagegen lediglich um sieben Prozent.

Und warum gibt es in Pforzheim mehr Kinder?

Eine einfache Antwort gibt es darauf nicht, denn die Zahl der Geburten stieg bei deutschen und nicht-deutschen Frauen aus unterschiedlichen Gründen. Bei den deutschen Frauen nahmen die Geburten in erster Linie zu, weil diese im Schnitt mehr Kinder bekamen – nur eben etwas verspätet. Den größten Geburtenanstieg insgesamt gab es nämlich in der Altersgruppe zwischen 31 und 38 Jahren.

Die Geburten von ausländischen Frauen hingegen nahmen vor allem deshalb zu, weil in den vergangenen fünf Jahren viele ausländische Frauen im gebärfähigen Alter nach Pforzheim gezogen waren. Das zeigt eine Auswertung der Stadt Pforzheim. Eine ähnliche Entwicklung lässt sich Brachart-Schwarz zufolge in ganz Baden-Württemberg beobachten.

Auch das Bildungsniveau spielt offenbar eine Rolle: Pforzheim sei laut Brachat-Schwarz immer noch stark industriell geprägt. In keinem der neun Stadtkreise ist der Anteil der Beschäftigten im produzierenden Gewerbe so hoch und gleichzeitig der Anteil der Beschäftigten mit Hochschulabschluss so gering wie in Pforzheim. Übergänge auf das Gymnasium sind ebenfalls seltener.

Also wird alles gut?

Nein. Die verstärkte Zuwanderung seit 2015 hat den demografischen Wandel zwar gedämpft, aber nicht aufgehalten. Das hat mittelfristig Folgen für die Sozialsysteme. Um die Bevölkerungszahl in Baden-Württemberg konstant zu halten, müsste dem Statistischen Landesamt zufolge jede Frau im Schnitt 2,1 Kinder bekommen – so viel wie zuletzt vor 49 Jahren.

So hat sich die Geburtenrate in Baden-Württemberg entwickelt

Werden hier geborene Kinder mit ausländischer Mutter automatisch Deutsche?
Im Jahr 2018 erhielten 49,6 Prozent der 29.151 in Baden-Württemberg geborenen Kinder mit ausländischer Mutter eine deutsche Staatsbürgerschaft. 2008 lag dieser Anteil noch bei 25,8 Prozent. Um neben der Staatsangehörigkeit der Eltern auch die deutsche zu erwerben, muss mindestens ein Elternteil seit acht Jahren seinen „gewöhnlichen Aufenthalt“ in Deutschland haben und zum Zeitpunkt der Geburt ein unbefristetes Aufenthaltsrecht besitzen.
Wer gilt eigentlich als „Ausländer“ – und wie viele leben in Pforzheim?
Der Ausländeranteil, also der Anteil jener Menschen ohne deutschen Pass, lag in Pforzheim Ende 2018 bei 26,5 Prozent, der von Menschen mit Migrationshintergrund (mit und ohne deutschem Pass) bei 54,9 Prozent. Zuwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion erhalten mit der Anerkennung als Spätaussiedler automatisch die deutsche Staatsangehörigkeit. Sogenannte Russlanddeutsche gelten also auch als Menschen mit Migrationshintergrund. Die größte ausländische Bevölkerungsgruppe stellen die Türken mit 3,9 Prozent. Den stärksten Anstieg gab es in den vergangenen fünf Jahren bei Rumänen und Irakern. Betrug deren Anteil an der Pforzheimer Bevölkerung 2014 noch gut eineinhalb Prozent, liegt er inzwischen bei rund drei Prozent.

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